Tschechien plant die duale Ausbildung

12-06-2019

Die Firmen in Tschechien suchen händeringend nach Arbeitskräften. Besonders fehlen Experten, die sich mit Computersteuerung im Maschinenbau auskennen. Aber auch Schweißer oder Buchhalter gibt es viel zu wenige. Ein Grund ist die veraltete Berufsausbildung hierzulande. Schon lange drängen die Unternehmen daher auf mehr Praxisbezug in den Berufsschulen, Stichwort: duale Ausbildung. Die Regierung von Premier Andrej Babiš will bis in zwei Jahren ein entsprechendes System einführen.

Foto: Archiv ArcelorMittalFoto: Archiv ArcelorMittal Im Betrieb zum Beispiel an der Drehbank zu stehen – genau diese Erfahrung machen die wenigsten tschechischen Lehrlinge. Die Ausbildung erfolgt meist in den Schulen ohne Praxisbezug. Das soll sich aber ändern. Industrie- und Handelsminister Karel Havlíček war jahrelang Chef des Verbandes der kleinen und mittelständischen Unternehmen. In der Politik heißt sein Auftrag: endlich die Pläne umzusetzen und auch hierzulande ein duales Ausbildungssystem einzuführen.

„Es ist eigentlich alles schon vorbereitet. Meiner Meinung nach lässt sich in zwei Jahren mit diesem absolut neuen System in Tschechien beginnen. Man kann die duale Ausbildung aber nicht einfach so von Deutschland kopieren. Wir planen einen Mix von Elementen aus Deutschland, Österreich und der Slowakei. Dazu müssen die speziellen tschechischen Gegebenheiten berücksichtigt werden“, so der Minister.

Karel Havlíček (Foto: Archiv des tschechischen Industrie- und Handelsministeriums)Karel Havlíček (Foto: Archiv des tschechischen Industrie- und Handelsministeriums) In alldem hat Karel Havlíček volle Rückendeckung von Premier Babiš (Partei Ano). Der Regierungschef sieht dies sogar als eine der Hauptaufgaben für den neuen Ressortleiter. Der parteilose Havlíček wurde erst im Mai zum Minister ernannt.

An tschechische Verhältnisse angepasst

Die Herausforderungen sind allerdings gewaltig. Andernorts ist man bereits weiter, so zum Beispiel in der bereits erwähnten Slowakei. Beim Nachbarn im Osten wurden schon Teile der dualen Berufsausbildung aus Deutschland übernommen. Hier in Tschechien läuft dazu erst ein Pilotprojekt im Kreis Mährisch Schlesien. Wie groß die Probleme sind, weiß auch Rainer Schumacher. Der Deutsche ist Geschäftsführer des Software-Entwicklers Xitee, der wiederum der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer angeschlossen ist. Bei der Mitgliederversammlung der DTIHK vor zwei Wochen erläuterte er gegenüber Radio Prag die Probleme:

„Wir sind ein mittelständisches Unternehmen aus Tschechien mit 70 Mitarbeitern und einer Niederlassung auch in Deutschland, konkret in Frankfurt. Gerade im IT-Sektor gibt es in Tschechien einen absoluten Fachkräftemangel, und das schon seit mehreren Jahren.“

Rainer Schumacher (Foto: Archiv von Rainer Schumacher)Rainer Schumacher (Foto: Archiv von Rainer Schumacher) Für Xitee bedeutet das, auch Mitarbeiter außerhalb der EU anzuwerben. Beispielsweise in Brasilien, der Ukraine oder Aserbaidschan. Denn auf dem tschechischen Arbeitsmarkt ist man sehr eingeschränkt in der Auswahl. Einzig Hochschul-Abgänger erfüllen das Anforderungsprofil. Dabei wäre das bei einem gut funktionierenden Ausbildungssystem gar nicht nötig, meint Schumacher:

„Eine weitere Quelle von Fachkräften ist der Sektor der Ausbildungsberufe. Es müssen nicht immer studierte Informatiker oder Mathematiker sein. Auch Menschen, die für die Tätigkeit brennen und einen Ausbildungsberuf erlernt haben, würden uns häufig ausreichen.“

Obwohl dies von der Industrie bereits seit Jahren gefordert wird, wurde mit der dualen Berufsbildung bisher nicht einmal in Ansätzen begonnen.

Dabei unterscheidet sich das Schulsystem hierzulande auch von dem in Deutschland. Tschechische Kinder gehen zunächst für acht Jahre auf eine sogenannte Grundschule. Danach können sie sich entscheiden zwischen dem Gymnasium oder einer technischen Oberschule. Doch an letzterer sind die Lehrpläne hoffnungslos veraltet, und das Angebot an Fächern entspricht nicht dem Bedarf auf dem Arbeitsmarkt.

Illustrationfoto: FotoMediamatic, Flickr, CC BY-NC 2.0Illustrationfoto: FotoMediamatic, Flickr, CC BY-NC 2.0 „Es gibt überhaupt kein abgestimmtes Lehrplanwesen für ein duales Ausbildungssystem. Und der Lernberuf Informatik wird zum Beispiel gar nicht angeboten“, weiß Rainer Schumacher zu berichten.

Keine Informatik in der Lehre

Laut Industrie- und Handelsminister Havlíček soll die geplante Reform aber grundlegend sein. Das beginne bereits in den ersten Schuljahren, erläutert der Politiker:

„Als Erstes implementieren wir in diesem Jahr an den Grundschulen ein neues Fach. Es nennt sich ‚Technik‘.“

Das geplante duale Ausbildungssystem tschechischer Prägung wird dann in einigen Bereichen anders sein als dort, wo es erfunden wurde:

„Es wird auf einem anderen Prinzip beruhen als zum Beispiel in Deutschland oder Österreich. Die Handelskammer hat hierzulande eine andere Rolle, sie wird nicht der Manager des dualen Ausbildungssystems sein, sondern der Staat und dazu die Kreisregierungen.“

Konkrete Elemente des neuen Systems nennt der Minister allerdings nicht. Doch Rainer Schumacher als Mann aus der Praxis hat konkrete Vorstellungen, was geboten sein sollte:

„…dass Menschen, die nicht mit dem Abitur die Schule verlassen, aus der Grundschule in ein koordiniertes Ausbildungssystem wechseln können. Dieses sollte von der Praxis unterstützt sein und gleichermaßen vom Bildungsministerium. Es sollte ähnlich wie in Deutschland ein Gesamtprogramm entstehen. Das heißt, die Lehrlinge können sich einen Ausbildungsbetrieb suchen, sind an bestimmten Tagen dort und machen dann einen Abschluss.“

Selbst wenn die Berufsausbildung künftig Hand und Fuß haben sollte, muss aber auch der Kopf mitmachen. Denn immer noch sind viele Eltern in Tschechien davon überzeugt, dass ihr Kind nur mit einem Hochschulabschluss etwas wird im Leben.

„Wir müssen daher effektiv mit den Schulen, den Eltern sowie den Betrieben kommunizieren und diese auch motivieren“, betont Havlicek.

Der Minister macht außerdem klar, dass es noch 15 Jahre dauern kann, bis die Reform des Ausbildungssystems greift. Die Unternehmen in Tschechien brauchen aber jetzt bereits weitere Arbeitskräfte. Im Mai ist die Arbeitslosenquote noch weiter gesunken, sie lag bei 2,6 Prozent. Zugleich sind über 360.000 Stellen offen.

Fachkräfte aus Südamerika?

Auch Premier Andrej Babiš war zur Mitgliederversammlung der DTIHK gekommen. Er deutete an, dass die Anwerbung von Arbeitskräften aus der Ukraine weitergehen soll. Das sieht Rainer Schumacher von Xitee als positives Zeichen:

„Die gute Nachricht war, dass eventuell das Ukraine-Programm aufrechterhalten wird oder die Zahlen erhöht werden. Denn die Ukraine hat ein sehr gutes Ausbildungsmodell für Informatik, und deswegen haben wir von dort mittlerweile auch viele Fachkräfte.“

Für den Software-Hersteller hätte aber auch die Anwerbung in einer anderen Weltgegend viel Sinn:

„Was IT angeht auf jeden Fall Südamerika. Wir haben mehrere Leute aus Brasilien und Kolumbien. Sie haben ein sehr gutes Ausbildungsniveau und sprechen gutes Englisch. Häufig waren sie auch bereits in den USA oder in Kanada für Praktika oder erste Berufserfahrung. Und sie sind uns kulturell sehr nah – primär uns Deutschen, aber ich glaube sie sind auch sehr kompatibel mit den Tschechen.“

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