Studie zum Lebensstandard: Prag weiter Spitze, Region Pilsen im Aufwind

25-09-2013

Vor anderthalb Monaten haben wir Sie darüber informiert, dass sich der Lebensstandard der Tschechen seit Beginn der Krise wieder etwas mehr vom EU-Durchschnitt entfernt hat. Ein wesentlicher Grund dafür war die hierzulande ziemlich lang anhaltende Rezession – sie dauerte zirka anderthalb Jahre –, deren Talsohle man aber jetzt durchschritten hat. Den Erhebungen zum Vergleich des Lebensstandards im europäischen Maßstab hat die Hochschule für Ökonomie in Prag nun eine Studie für das Inland folgen lassen. Sie ist dabei der Frage nachgegangen: In welcher Region Tschechiens lebt es sich derzeit am besten?

Foto: Pierre Amerlynck, Stock.xchngFoto: Pierre Amerlynck, Stock.xchng In der Studie der Hochschule für Ökonomie wurden die unterschiedlichsten Kriterien miteinander verglichen. Zur Bewertung des Lebensstandards haben die Experten zum Beispiel die Situation am Arbeitsmarkt, die Umweltbedingungen oder die Häufigkeiten von Straftaten zu Rate gezogen. Um es vorweg zu nehmen: Die Ausnahmestellung der Hauptstadt Prag bleibt unangetastet, hinter der Moldaumetropole aber ist es zum Teil zu deutlichen Verschiebungen im Vergleich zur letzten Erhebung vor zehn Jahren gekommen. Klar an der Spitze liegt Prag zum Beispiel bei der Lebenserwartung der Einwohner. In der Hauptstadt liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei 76,46 Jahre, die nach diesem Kriterium zweitplazierte Region, die Böhmisch-Mährische Höhe, hat ein Jahr weniger zu bieten. Am Ende liegen der Kreis Ústí nad Labem / Aussig und der Mährisch-Schlesische Kreis, wo die Einwohner im Schnitt fast vier Jahre weniger leben als in Prag. Es sind zwei Regionen, in denen neben dem Hüttenwesen und der chemischen Industrie auch der Bergbau und damit Kohlekraftwerke angesiedelt sind. Demzufolge ist hier die Luft oft stark verschmutzt, was nicht nur der Gesundheit der Bewohner schadet, sondern auch der Entwicklung des regionalen Tourismus im Wege steht. Milan Damborský ist Ökonom an der Volkswirtschaftlichen Fakultät der Hochschule für Ökonomie:

Foto: Archiv Czech CoalFoto: Archiv Czech Coal „Die alte Industrie, das heißt die Kohleförderung, konnte vor allem in der Region um Ústí noch kaum durch neue Firmen ersetzt werden.“

Ein großer Unterschied besteht auch im Arbeitsplatzangebot der einzelnen Regionen. Das spüren insbesondere die Schulabgänger. Entfallen im Kreis Olomouc / Olmütz rund 50 Bewerber auf eine Arbeitsstelle, so sind es in Prag nicht mehr als vier Bewerber pro Stelle. Relativ gut in dieser Statistik schneidet auch der Kreis Plzeň / Pilsen ab, in dem sich zehn Anwärter auf einen Arbeitsplatz melden. Dazu erläutert Martin Zaoral vom dortigen Kreisamt:

„Wir bemühen uns in letzter Zeit besonders um Kontakte nach China, denn chinesische Investoren zeigen gegenwärtig ein wachsendes Interesse daran, in Tschechien aktiv zu werden.“

Karlsbad (Foto: Barbora Kmentová)Karlsbad (Foto: Barbora Kmentová) Die Region Pilsen aber hat noch ein großes Plus: ihre Verkehrsinfrastruktur kann sich durchaus sehen lassen. Der städtische Nahverkehr funktioniere ausgezeichnet, bestätigt ein Pilsener Einwohner, und Ökonom Damborský verweist darauf, dass eine gute Verkehrsanbindung auch viel eher qualifizierte Arbeitskräfte und Investoren anlockt. Im Gegensatz dazu könne der Kreis Karlovy Vary / Karlsbad diese Vorzüge nicht vorweisen, obwohl er, wie die Pilsener Region, direkt an den hochentwickelten Freistaat Bayern grenzt, so Damborský:

„Zwischen beiden Regionen gibt es wesentliche Unterschiede. Die Region um Karlsbad ist zwar für ihre drei großen Kurbäder berühmt, was sicher positiv ist. Auf der anderen Seite gehört zu dieser Region auch der Bezirk Sokolov / Falkenau. Und dieser Bezirk hat bereits seit den ersten Jahren nach der Wende strukturelle Probleme. Ein bedeutendes Problem des Kreises Karlsbad ist auch dessen schwache Verkehrsinfrastruktur.“

Pilsen (Foto: Archiv Radio Prag)Pilsen (Foto: Archiv Radio Prag) Deshalb liegen die Einwohner von Karlsbad und Umgebung beim Vergleich des Lebensstandards auch hinter der Nachbarregion Pilsen zurück. Der Kreis Pilsen darf sich zudem mit einem höheren Durchschnittslohn brüsten: In dieser Region verdienen die Arbeitnehmer monatlich im Schnitt umgerechnet 960 Euro brutto. Mit der Hauptstadt indes kann auch der Pilsener Kreis nicht konkurrieren: In Prag erhalten die Arbeitnehmer einen monatlichen Durchschnittslohn von umgerechnet 1320 Euro. Und dennoch: die Region Pilsen ist als Zweiter des Rankings eindeutig der Aufsteiger des letzten Jahrzehnts, betont Damborský:

Foto: Barbora KmentováFoto: Barbora Kmentová „Diese Bezeichnung trifft auf die Region in jedem Fall zu, und das wird auch von einer ganzen Reihe der von uns untersuchten Kriterien belegt. Man muss nur auf die Entwicklung des Business und den Zustrom von großen Investoren im Kreis Pilsen schauen, auch damit wird der Aufstieg der Region bestätigt.“

In Prag, wo der Wohlstand eindeutig am größten ist, muss man hingegen auch mit mehreren Unannehmlichkeiten leben. So ist zum Beispiel die Kriminalität in der Hauptstadt weit höher als anderswo. Auf 1000 Einwohner entfallen hier nicht weniger als 58 Straftaten, recherchierten die Experten. Zum Vergleich: Das ist viermal so viel wie in der Region von Zlín. Den statistischen Daten zufolge müssen die Prager ebenso das meiste Geld für die Entsorgung des Abfalls oder für das Parken bezahlen. In punkto Lebensstandard aber können den Pragern nach wie vor keine anderen Einwohner Tschechiens das Wasser reichen, resümiert Damborský:

Südmähren (Foto: CzechTourism)Südmähren (Foto: CzechTourism) „In dieser Beziehung hält Prag die anderen Regionen weiterhin auf Distanz“, bemerkt der Hochschulökonom. Er nennt im Gegenzug aber auch die Schlusslichter des Ranking. Und dazu gehöre eine Region mit Sicherheit nicht, auch wenn sie von manchem schon abgeschrieben wurde, so Damborský:

„Südmähren gehört aus ökonomischer Sicht weiterhin zur Gruppe der überdurchschnittlichen Regionen. Deshalb würde ich die Entwicklung dieser Region nicht so kritisch sehen. Ich muss aber sagen, dass drei Regionen stetig an Anschluss verlieren, und das sind der Mährisch-Schlesische Kreis sowie die Kreise Karlsbad und Ústí nad Labem.“

Milan Damborský (Foto: Archiv der Hochschule für Ökonomie)Milan Damborský (Foto: Archiv der Hochschule für Ökonomie) Die von Damborský negativ hervorgehobene Region Mährisch-Schlesien ist andererseits aber auch ein Phänomen: Beim Kriterium des Bruttoinlandsproduktes hat sich diese Region im Vergleich zur letzten Studie gleich um acht Plätze verbessert. Doch auch dafür hat Damborský eine Erklärung:

„Der Mährisch-Schlesische Kreis ist ziemlich interessant. Hierzulande wird dieser Kreis warum auch immer als arm und rückständig präsentiert, doch ich sehe das nicht so. In dieser Region operiert eine ganze Reihe wichtiger Firmen, die sehr produktiv sind. Und was die Quantität der Produktion betrifft, da gehört der Mährisch-Schlesische Kreis ohne Zweifel zu den Regionen, die einen hohen Anteil am Bruttoinlandsprodukt des Landes haben.“

Neben der Region Pilsen hat in punkto Lebensstandard auch Südböhmen kräftig zugelegt. In zehn Jahren, wenn spätestens die nächste Studie fällig wird, kann das aber schon wieder ganz anders aussehen.

25-09-2013