Umwelt und Umweltschutz in Tschechien seit 1989

Einen Umweltschutz, der dieses Wort auch verdient, gibt es in Tschechien beziehungsweise der damaligen Tschechoslowakei erst seit 1989. In den zurückliegenden 20 Jahren aber hat gerade dieser Bereich eine sehr erfolgreiche Entwicklung genommen. Radio Prag hat mehrere Experten befragt, wie sie den Zeitraum von 1989 bis 2009 aus ökologischer Sicht bewerten.

Jakub Kašpar (Foto: Libor Sváček, www.mzp.cz)Jakub Kašpar (Foto: Libor Sváček, www.mzp.cz) „Vor dem Jahr 1989 haben die damaligen Machthaber den Umweltschutz ganz einfach ignoriert“, sagt der Pressesprecher des tschechischen Umweltministeriums, Jakub Kašpar, und fährt fort:

„Die Verschmutzung der Umwelt, wie wir sie damals vor allem in Nordböhmen, aber auch in Nordmähren und anderen Teilen des Landes angetroffen haben, war wirklich katastrophal.“

Kašpar, der aus einem Prager Vorort nördlich der Hauptstadt täglich mit dem öffentlichen Nahverkehr zur Arbeit ins Ministerium fährt, weiß, wovon er spricht. Schon als Kind hat er die unappetitlichen Verschmutzungen in der Natur mit eigenen Augen gesehen:

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission „Aus meiner Kindheit im Riesengebirgsvorland erinnere ich mich, dass sich die Farbe des Wassers in der Elbe und der Aupa (Upa) ständig verändert hat, je nachdem, was für ein buntes Papier die regionale Papierfabrik gerade produziert hat.“

Vom sauren Regen zerstörte Wälder, eine ungemein verschmutzte Luft und die mit allerlei Abfällen verdreckten Flüsse haben in der Vorwendezeit besonders die Landschaft Nordböhmens geprägt. Die durch diese Region mit ihrem Oberlauf fließende Elbe war auch stark betroffen, bestätigt Jürgen Phoenix vom Nationalpark Sächsische Schweiz:

„In der zweiten Hälfte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren regelmäßig Sauerstoffdefizite in der Elbe festzustellen, aufgrund der starken Verschmutzung.“

Petr Machálek, der Vorsitzende der Umweltorganisation Hnutí Duha, was soviel wie Bewegung Regenbogen heißt, steckt den Zeitraum, in dem besonders gesündigt wurde, noch etwas weiter ab:

„Nach meinen Informationen hat sich der Zustand der Umwelt in der damaligen Tschechoslowakei vor allem in den 70er und 80er Jahren enorm verschlechtert. Es war jedoch überhaupt nicht möglich, darüber frei zu diskutieren.“

Nichtsdestotrotz, so Machálek, haben einige Mutige auch schon vor der Wende versucht, auf die Umweltsünden hinzuweisen:

„Ökologische Organisationen gab es auch schon unter dem vergangenen Regime, wie zum Beispiel Brontosaurus und einige andere. Diese Organisationen versuchten, die Natur so gut es ging zu schützen. Sie hatten jedoch keine Chance, ökologische Kampagnen in der Öffentlichkeit zu führen. Soviel ich weiß, ist die erste progressive Umweltorganisation noch kurz vor der Samtenen Revolution im Jahr 1989 entstanden. Hnutí Duha zum Beispiel ist ein paar Wochen zuvor gegründet worden. Es lässt sich also durchaus sagen, dass es vor genau 20 Jahren einen wahren Boom bei der Gründung von Umweltorganisationen in der damaligen Tschechoslowakei gegeben hat.“

Petr Machálek, der 1989 erst 13 Jahre alt war, weiß auch den Grund, weshalb diese und andere Organisationen vor 20 Jahren wie Pilze aus der Erde schossen:

„Meine Vorgänger haben damals einfach geglaubt, dass ihnen die Freiheit ganz neue Möglichkeiten einräumt und man auch die Chance habe, diese Welt zu ändern. Diese Veränderungen betrafen auch den Umweltschutz. Es war halt eine sehr idealistische Zeit.“

Es war eine Zeit, in der vielerorts auch Nägel mit Köpfen gemacht wurden. Der Umweltschutz war da erst recht keine Ausnahme, sagt Jakub Kašpar:

„Gleich zu Beginn der 90er Jahre gehörte der Umweltschutz zu den drei Topthemen im Land. Das Interesse an Umweltfragen hielt bis zirka 1992-93 an.“

Kašpar weiß nur zu gut, weshalb man sich damals so engagierte: „In der Gesellschaft herrschte damals eine Aufbruchstimmung, so ein richtiger Drive, wie ich es am besten sagen würde. Wir wollten die Umwelt verbessern, denn wir haben erlebt, wie es ist, in einem schwarzen Dreieck zu leben.“

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission Schwarzes Dreieck wurde seinerzeit das Dreiländereck zwischen Tschechien, Deutschland und Polen genannt. Und zwar deshalb, weil vor allem die Industrieschlote in der sächsischen Oberlausitz und im polnischen Niederschlesien ihre Gase nahezu ungefiltert in die Atmosphäre geblasen haben. Solche und ähnliche Umweltprobleme erforderten schnelle Lösungen. Nicht von ungefähr entstanden folglich 1990 die Umweltministerien in Prag und Bratislava sowie – man lebte in der föderalen ČSFR – ein föderaler Ausschuss für Umweltschutz. Der Ausschuss wurde von Josef Vavroušek geleitet, der ebenso wie die ersten tschechischen Umweltminister, Bedřich Moldan und Ivan Dejmal, sofort Schwung in die neuen Institutionen brachte. Alle drei leisteten jedoch auch ganz konkrete Arbeit, betont Machálek:

„Zu Beginn der 90er Jahre schufen sie die ökologische Gesetzgebung, die meiner Meinung nach sehr gelungen ist. Seit dieser Zeit verteidigen wir de facto das, was damals für den Umweltbereich an Gesetzen verabschiedet wurde.“

Das sind insbesondere die Gesetze zum Luft- und Wasserschutz, das Gesetz zum Schutz der Natur und der Landschaften und der Regierungsbeschluss von 1991 zur Beschränkung der Förderlimits im Braunkohleabbau, erläutert Kašpar. Gesetze und Bestimmungen, die ihre Wirkung nicht verfehlt haben: Sie waren die Grundlage für die deutlichen Verbesserungen der Luft- und Wasserqualität in den zurückliegenden 20 Jahren. Machálek erklärt, wie sie erreicht wurden:

„Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Die Verbesserung der Luft basiert zum einen auf dem Zerfall der maroden sozialistischen Schwerindustrie und zum anderen auf dem deutlich geringer gewordenen Schadstoffausstoß der Wärmekraftwerke. Hier kommen heute wesentlich bessere Filter zum Einsatz. Zur Verbesserung der Wasserqualität hat in erster Linie der massive Ausbau von Kläranlagen gesorgt. Zudem werden die Industriefirmen heute kontrolliert, wie sie ihre Schadstoffe entsorgen und vieles andere mehr.“

Das wieder sauberere Wasser, wie es heute zum Beispiel die Elbe führt, hat auch zu erfreulichen Veränderungen der dort lebenden Fauna geführt, berichtet Umweltschützer Jürgen Phoenix:

„Nachlaufend zu der Verbesserung der Wasserqualität in der Elbe wanderten Anfang der 90er Jahre viele Insektenarten als Grundlage für die Nahrung der Fische wieder in die Elbe ein.“

Auch die Verbesserung der Luftqualität ist heute deutlich spürbar. Durch moderne Filteranlagen konnte zum Beispiel der Ausstoß der Schwefel- und Stickstoffdioxide um 80 bis 90 Prozent gegenüber dem Jahr 1989 gesenkt werden, sagt Kašpar. Anstelle dieses Problems ist jetzt jedoch ein ganz anderes getreten, so der Sprecher des Umweltministeriums:

„Seit dem Jahr 1989 ist in Tschechien die Motorisierung enorm gestiegen. Heute sind wir in der Situation, in der zum Beispiel in Prag zwei Bürger im Schnitt mehr als ein Auto besitzen. Für die gesamte Tschechische Republik kann man sagen, dass auf zweieinhalb Einwohner ein Auto kommt. Im Schnitt hat ein Haushalt drei Personen, also de facto hat jeder Haushalt mehr als ein Auto.“

Autos sorgen für schädliche Abgase und sie verschärfen den Treibhauseffekt. Und genau der ist heutzutage das größte Problem, das die tschechische Gesellschaft im Umweltschutz zu stemmen hat. Petr Machálek beschreibt die Initiative, mit der seine Organisation Hnutí Duha dieses Problem hierzulande beseitigen will:

„Die Bewegung Regenbogen schlägt eine Initiative vor, die wir als ´die große Herausforderung´ bezeichnen. Wir fordern von den Politikern und Abgeordneten, ein Gesetz auszuarbeiten und zu verabschieden, in dem festgelegt wird, dass wir die Emissionen der Treibhausgase in Tschechien bis zum Jahr 2050 jährlich um zwei Prozent bis zum Jahr 2050 verringern.“