Zwettler Altar: Holzschnitz-Juwel bei Brünn

Etwa 20 Minuten nördlich von Brno / Brünn liegt das Städtchen Adamov / Adamsthal. Dort steht zwischen Plattenbauten und Fabrikgebäuden eine Ziegelkirche. Und obwohl unscheinbar, birgt diese Kirche ein einzigartiges Kunstwerk: den Zwettler Altar. Nach Ausstellungen in Deutschland und Österreich erinnert man sich jetzt wieder gerne an ihn. Nur in Tschechien selbst kennt man ihn kaum.

Kirche der heiligen Barbara in Adamov (Foto: Lasy, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)Kirche der heiligen Barbara in Adamov (Foto: Lasy, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0) Plattenbauten ragen aus dem Wald hervor. Verfallene Fabrikgebäude säumen die Zuggleise. Wer die Zugstrecke Prag-Brünn kennt, hat die Stadt Adamov bestimmt schon bemerkt. Dort findet man, zwischen Bausünden eingepfercht, die neugotische Kirche der heiligen Barbara. Und gerade die wird nun zunehmend zur Touristenattraktion. Denn darin stehen die Überreste des ehemals größten Altars Europas: des Zwettler Altars.

Jiří Kaňa war bis 2016 Pfarrer von Adamov. Er wartet vor der Kirche und lässt uns hinein. Die Kirche selbst ist sehr hell und freundlich. In der Mitte, links an der Wand, steht der Altar. Er fällt sofort auf, wenn man eintritt. Er wirkt wie ein Ausstellungstück einer Kunstgalerie.

„Der Altar wurde für das Zisterzienserstift in Zwettl geschnitzt. Dieses Stift wurde im zwölften Jahrhundert gegründet und steht bis heute. Der Altar wurde im Jahre 1516 bis 1525 für die Klosterkirche gebaut“, erläutert Kaňa.

Kunstwerk der Spätgotik

Zwettler Altar (Foto: Lasy, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Zwettler Altar (Foto: Lasy, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0) Zwettl liegt im Waldviertel, in Niederösterreich. Es ist das drittälteste Zisterzienserkloster weltweit. Doch durch die Hussitenkriege wurde es schwer beschädigt. Der damalige Abt ordnete daher den Bau eines neuen Altars an. Das Ergebnis war ein aus Lindenholz geschnitzter Hochaltar – ein wahres Kunstwerk der Spätgotik. Gepriesen wird darauf Maria: Sie bildet das Zentrum allen Geschehens.

„Alle Zisterzienserkloster oder -kirchen sind der Himmelfahrt Mariens geweiht. Das ist auf der ganzen Welt so“, so der ehemalige Pfarrer.

Der Altar gliedert sich wie üblich in drei Abschnitte: in einen irdischen, einen himmlischen und einen göttlichen. Doch es bestehen Unterschiede zu anderen Marien-Darstellungen. Kana beschreibt den auffälligsten, unteren Teil des Kunstwerks:

„Dort sind die zwölf Apostel beim leeren Grab Mariens. Und sie scheinen alle ein bisschen verrückt zu sein.“

Auf jeden Fall sind die Apostel in heller Aufregung. Die zwölf Gestalten drängen sich um das leere Grab. Alles ist in Bewegung, ihre Körper verschmelzen miteinander. Die Gesichter sind wild verzerrt. Knochige Hände und nackte Füße stehen aus dem Gewirr hervor. Und Haare und Bärte wehen durch das Bild. Jiří Kaňa kennt den Grund für die Aufregung der Apostel:

Zwettler Altar (Foto: Lasy, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)Zwettler Altar (Foto: Lasy, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0) „Der Legende nach waren sie zuerst ohne Thomas bei dem Grab. Aber dann auch ein zweites Mal mit ihm. Und da sagte Thomas: ‚Ja, ich sehe, und ich glaube.‘ Deshalb sind die Apostel hier alle so in Bewegung.“

Der größte Unterschied zu anderen Altären liegt aber noch woanders.

„Der aus Zwettl hat drei spezielle Zeichen. Die machen ihn auf der ganzen Welt einzigartig. Zuvorderst sind es die Dimensionen. Einen solch großen Altar gibt es sonst in ganz Europa nicht. Nur in Polen und Österreich lassen sich zwei ähnliche finden. Aber die Darstellung der Maria Himmelfahrt ist so groß wie nirgendwo anders“, so Kaňa.

Unglaubliche Dimensionen

Zwettler Altar (Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain)Zwettler Altar (Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain) Das Stück in Adamov ist wirklich gigantisch groß: sieben Meter hoch und vier Meter breit.

„Ursprünglich war der Altar sogar 21 Meter hoch und rund 10 Meter breit. Was man hier sehen kann, ist nur ein Fünftel oder Sechstel davon.“

Einen Eindruck davon vermittelt jetzt nur noch eine dem Stift erhaltene Federzeichnung – nur darauf sieht man den noch intakten Altar. Denn schon 200 Jahre nach dessen Fertigstellung war das Werk aus der Mode geraten. Er konnte der Österreichischen Barockisierungswelle nicht standhalten. Deswegen wurde er zerlegt, beschädigt und zerstört. Nur das Herzstück wurde weiterhin aufbewahrt: der Mittelteil mit Marias Himmelfahrt.

Und die zweite Besonderheit? Jiří Kaňa:

„Alles ist original. Man sieht keine Zusätze. Nur wenige Wolken wurden verbessert.“

Denn das erhaltene Mittelstück wurde 1857 von Alois II. von Liechtenstein in Wien erworben. Er ließ schon damals die notwendigen Restaurierungsarbeiten machen. Danach schenkte er den Altar der damals neuen Kirche in Adamov.

„Das Städtchen nannte sich früher ‚Der alte Hammer‘. Das heißt, hier wurde früher Eisen produziert, und es gab Industrie. Der Name Adamov kommt von Adam von Liechtenstein“, erläutert der ehemalige Geistliche.

Kirche der hl. Barbara in Adamov (Foto: Kirk, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Kirche der hl. Barbara in Adamov (Foto: Kirk, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Bis ins kleinste Detail geschnitzt

Zwettler Altar (Foto: Lasy, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)Zwettler Altar (Foto: Lasy, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0) Die dritte Besonderheit des Altars bezieht sich auf den vorsichtigen Umgang mit Farben. Die Künstler haben nur Gold, Blau und ein bisschen Rot genutzt. Der Rest ist allein durch die Holzschnitzereien dargestellt. Jiří Kaňa:

„Alle Gesichter sind nur aus Holz hervorgeschnitzt. Das ist viel schwieriger, als diese aufzumalen. Und sehen Sie die Haare? Jedes einzelne ist aus Holz geschnitzt, auch von innen.“

Auch jede Falte, ja selbst die komplizierten Säume der Gewänder sind aus Holz geschnitzt. Details wie Lippen und Nähte wurden durch Vergoldungen, Blau und Rottöne leicht hervorgehoben. Ansonsten ist der Altar aber vollkommen unbemalt.

Die Kirche in Adamov kann nur nach vorheriger Anmeldung besichtigt werden. Der zuständige Kirchenmitarbeiter ist unter 00420/736 136 480 zu erreichen.

2015 wurde dieses Werk der Spätgotik in Deutschland und Österreich präsentiert. Im Kunsthistorischen Museum in Wien konnte man ihn in der Ausstellung „fantastische Welten“ bewundern. Seitdem erinnern sich die Österreicher wieder gerne an ihn. Aber ein Gefühl der Melancholie ist geblieben: „Ach stände er doch noch in Österreich…“ Anderseits lockt Adamov jetzt immer mehr Interessierte an. Es sind vor allem Besucher aus Deutschland und Österreich, viele auch aus Liechtenstein. Ein vollgeschriebenes Gästebuch dient als Zeuge. Es liegt aufgeschlagen in der Kirche, ein paar Seiten sind noch leer. Dazu meint Kana lächelnd:

„Wir werden von jenen Menschen besucht, die auch wirklich hier herkommen wollen. Schließlich ist der Weg zu uns etwas umständlich. Aber wer kommt, ist begeistert.“