Zündende Idee aus Wien – wie Sušice zur Streichholzstadt wurde

19-12-2014

Die südwestböhmische Stadt Sušice / Schüttenhofen wird als Tor in den Böhmerwald bezeichnet. In einem historischen Gebäude auf dem Marktplatz ist das Stadtmuseum untergebracht. Berühmt geworden ist es unter anderem durch eine Dauerausstellung über die Zündholzproduktion sowie eine mechanische Weihnachtskrippe, die verhältnismäßig jung ist.

Miroslav Buršík (Foto: Martina Schneibergová)Miroslav Buršík (Foto: Martina Schneibergová) Das Böhmerwaldmuseum ist Ende der 1960er Jahre als Zusammenschluss von drei Stadtmuseen entstanden: der Museen in Sušice, Kašperské Hory / Bergreichenstein und Železná Ruda / Markt Eisenstein. Im Hauptsitz des Böhmerwaldmuseums in Sušice sind gleich mehrere Dauerausstellungen zu sehen. Eine davon widmet sich der Geschichte der Streichholzproduktion in der Stadt. Aufgebaut ist die Ausstellung im Erdgeschoss des Museums, in dem zahlreiche historische Maschinen und Geräte aus der hiesigen Zündholzfabrik ausgestellt sind. Miroslav Buršík ist Kurator der Sammlungen des Museums in Sušice. Über die Anfänge der Zündholzproduktion im Böhmerwald sagte er:

Marie Urbancová (Foto: Martina Schneibergová)Marie Urbancová (Foto: Martina Schneibergová) „In Sušice wurden seit 1839 Streichhölzer hergestellt. Der Begründer der Produktion war Vojtěch Scheinost. Als Handwerker kam er nach Wien, wo er für den Apotheker Stephan Römer tätig war. In der Apotheke arbeitete auch Marie Urbancová. Die junge Frau aus Mähren lernte beim Apotheker, die Phosphormasse zu mischen, die damals für die Herstellung von Zündhölzern genutzt wurde.“

Scheinost verliebte sich in die junge Frau und heiratete sie. Gemeinsam verließen sie Wien und zogen in Scheinosts Geburtsstadt Sušice. Marie hatte aus der Apotheke in Wien bereits Erfahrungen mit der Zündholzproduktion. Die Anfänge der Streichholzproduktion im Böhmerwald sind also eigentlich dieser Industriespionage zu verdanken. Scheinost und seine Frau erhielten eine Erlaubnis vom Stadtrat Sušice zur Herstellung der Hölzer. Beide arbeiteten bis zu 20 Stunden täglich. Die ersten Streichhölzer verkauften sie auf den Jahrmärkten in der Umgebung von Sušice.

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová „Sie haben später auch einige Leute beschäftigt. Mit der Produktion fingen sie in einem Haus auf dem Marktplatz an – dort, wo heute das Rathaus steht. Damals sah das Gebäude ganz anders aus.“

Die Nachfrage nach den Zündhölzern war relativ groß. Die Scheinosts waren nicht in der Lage, die geforderte Menge von Streichhölzern zu liefern. Nach 1840 begann Scheinost deshalb eine Zusammenarbeit mit Bernard Fürth. Der jüdische Kaufmann übernahm bald die ganze Firma, Scheinost wurde Direktor des Unternehmens. Als Fürth 1849 starb, waren seine Zündhölzer in ganz Europa bekannt, zudem wurden sie nach Übersee und in den Orient exportiert. Fürths Produktion übernahmen dessen Erben.

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová „Nach fast 20 Jahren beendete Scheinost die Zusammenarbeit mit der Familie Fürth beendet und machte sich selbständig. Er ließ eine neue Fabrik bauen.“

Bis 1932 gab es in Sušice zwei Zündholzfabriken, dann musste Scheinost schließen. Fürths Firma zählte hingegen schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu den größten Zündholzfabriken in Europa. Die Exporte liefen gut, auch dank der Herstellung der sogenannten „Sicherheitsstreichhölzer“. Diese Sorte hatte 1844 der Schwede Gustaf Erik Pasch erfunden, bevor sie sein Landsmann Johan Edvard Lungström noch verbesserte. Anstelle des giftigen weißen Phosphors wurde für die Herstellung ungefährlicher roter Phosphor benutzt.

1903 erschien auf den Zündholzschachteln zum ersten Mal der später weltberühmte Markenaufdruck „Solo“. Damals entstand die „Solo-Zündwaren-Fabriken Actien Gesellschaft“. Auch die beiden Fabriken aus Sušice gehörten zu dem Zündholzimperium. Während der Wirtschaftskrise 1932 musste eine der Fabriken geschlossen werden. Nach dem Münchener Abkommen gelang es einigen Mitgliedern der Familie Fürth, vor den Nazis in die Vereinigten Staaten zu flüchten. Ihre Fabrik wurde „arisiert“. Ernst Fürth - der Enkelsohn des Firmengründers - blieb in Europa und starb infolge seiner Haft im französischen Sammellager Drancy.

In Sušice wurden nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin Zündhölzer produziert. In der Zeit des kommunistischen Regimes war es ein tschechoslowakischer Staatsbetrieb.

Böhmerwaldmuseum in Sušice (Foto: Martina Schneibergová)Böhmerwaldmuseum in Sušice (Foto: Martina Schneibergová) Nach dem Ende des Staatssozialismus wurde 1990 die Aktiengesellschaft Solo gegründet. Die Zündhölzer habe man auch weiterhin produziert, sagt Jan Lhoták. Er arbeitet als Historiker im Böhmerwaldmuseum.

„Es zeigte sich jedoch, dass die Streichholzproduktion für die westlichen Märkte zurückgegangen war. Der Besitzer der Firma Solo Sušice beschloss, die Produktion nach Indien zu verlagern. Nach 170 Jahren wurde die Zündholzherstellung in Sušice eingestellt, seit 2009 gibt es sie hier gar nicht mehr. Es bleibt aber die Frage, was aus dem historischen Fabrikgelände künftig werden soll. Dafür wurden einige Varianten ausgearbeitet. Die extremste davon sieht vor, die historischen Produktionshallen abzureißen und an deren Stelle einen Supermarkt mit einem Parkplatz zu errichten. Unter den Einwohnern von Sušice hat der Vorschlag Interesse geweckt. Während ein Teil diese Aussicht begrüßt hat, hat ein anderer dagegen protestiert. Mit einer Petition wurde dann versucht, den Bau des Einkaufszentrums zu verhindern.“

Jan Lhoták (Foto: Martina Schneibergová)Jan Lhoták (Foto: Martina Schneibergová) Die Unterzeichner befassten sich aber nicht damit, wie die Gebäude genutzt werden sollen und ob es sinnvoll ist, sie zu erhalten, sagte Jan Lhoták.

„Das Böhmerwaldmuseum hat sich darum entschieden, eine Diskussion über den Erhalt der Industriearchitektur in Gang zu setzen. Denn es gibt bei uns nur sehr wenige Originalgebäude, die mit den Anfängen der Zündholzproduktion verbunden sind. Die hiesigen Fabrikhallen und einige weitere Gebäude sind einzigartig. Deshalb haben wir uns entschlossen, einen Antrag zu stellen, damit sie zu Kulturdenkmälern erklärt werden. Der Aufnahmeprozess hat im März des vergangenen Jahres begonnen, das Kulturministerium hat in der Zwischenzeit die historischen Gebäude begutachtet. Vor kurzem wurden einige der Gebäude auf dem Fabrikgelände inoffiziell zu Kulturdenkmälern erklärt.“

Fabrikgelände der Firma Solo Sušice (Foto: Martina Schneibergová)Fabrikgelände der Firma Solo Sušice (Foto: Martina Schneibergová) Der Besitzer des Fabrikareals hat dagegen jedoch Berufung eingelegt. Jan Lhoták glaubt, dass das endgültige Urteil über den Denkmalschutz nächstes Jahr fallen wird. Um die zukünftige Nutzung der Gebäude entscheiden zu können, sei es notwendig, deren aktuellen Zustand gut zu kennen, meint der Historiker:

„Sobald die Entscheidung getroffen ist, wird man mit dem Besitzer des Fabrikgeländes darüber verhandeln müssen, was er bereit ist zu akzeptieren. Es gab eine Reihe von Vorschlägen. So wurde zum Beispiel ins Spiel gebracht, dort etwas Ähnliches einzurichten wie das Techmania-Science-Center in Pilsen. Außerdem gab es Überlegungen, dort eine größere Dauerausstellung über die Zündholzproduktion zu installieren. Für realistisch halte ich eher die Möglichkeit, nur die allerwertvollsten Teile der Fabriken aufrechtzuerhalten. Diese könnten dann zu kommerziellen Zwecken genutzt werden.“

Weihnachtskrippe (Foto: Martina Schneibergová)Weihnachtskrippe (Foto: Martina Schneibergová) Im Museum in Sušice ist seit einer Woche nach einigen Monaten wieder die berühmte mechanische Weihnachtskrippe in Betrieb. Besichtigen kann man sie täglich außer montags.

19-12-2014