Von der Wiege in den Sattel: Der Ort Kladruby und seine Pferde

27-10-2016

Hoch zu Ross, so stellt man sich einen Tschechen aus dem Raum Pardubice / Pardubitz oft vor. Dort findet auch eines der prestigeträchtigsten Pferderennen des Landes statt, und böse Zungen behaupten, die Würste in der Gegend stammten vor allem von einem Tier. Auch das Dorf Kladruby nad Labem steht ganz im Zeichen der Pferde.

Altkladruber Pferde (Foto: Strahinja Bućan)Altkladruber Pferde (Foto: Strahinja Bućan) Etwa eine Autostunde von Prag entfernt sind weit und breit keine Hügel mehr zu sehen. Die Elbe schlängelt sich hier durch flache Auen, und die Dörfer sind umgeben von fruchtbaren Feldern. So auch das 700-Seelen-Dorf Kladruby nad Labem.

Wenn man sich durch die endlosen Alleen von Apfelbäumen in die Ortsmitte begibt, fällt einem vor allem eines ins Auge in Kladruby: Der Kindergarten heißt „Fohlen“, die Ortskneipe „Zum schwarzen Pferd“, auf den Straßen liegen Pferdeäpfel und man hört überall das Klackern von Hufen. Das hat einen guten Grund: Kladruby nad Labem kennt man in Tschechien sowie anderswo in Europa besonders wegen der Altkladruber Pferde. Sie werden fast ausschließlich in dem Nationalgestüt Kladruby nad Labem gezüchtet. Marcela Slavíková arbeitet dort und weiß, warum die imposanten Tiere etwas so Besonderes sind:

Foto: Strahinja BućanFoto: Strahinja Bućan „Das Ziel des Gestüts in Kladruby ist der Erhalt der Altkladruber. Und das auch für nachfolgende Generationen. Die Altkladruber gibt es in zwei Farben. Konkret in Kladruby werden Altkladruber Schimmel gezüchtet, also Pferde mit weißem Fell. Und Im dazugehörigen Gestüt Slatinany bei Chrudim werden hauptsächlich Altkladruber Rappen aufgezogen, also schwarzfarbige Pferde. Ursprünglich dienten unsere Pferde zu zeremoniellen Zwecken. Die Schimmel nutzte man dabei am Hofe des Kaisers, die Rappen dienten der Kirche. Die Altkladruber Pferde macht so besonders, dass sie Spezialisten sind für Kutschen. Sie sind sogenannte Gala-Karossiere, also Pferde, die vor Festtags-Kutschen gespannt werden.“

Maximilian II.Maximilian II. Die Ortsbewohner sind stolz auf ihr Gestüt, das zu den ältesten in Tschechien und Europa zählt. Seit jeher züchtete die mährische Adelsfamilie Pernstein Pferde in der Gegend um Kladruby. 1560 verkaufte Jaroslav von Pernstein seine Ländereien in Kladruby nad Labem dem böhmischen Königshof, 1563 schließlich gründete hier der österreichische Kaiser Maximilian II. ein Gestüt. Den Grundstein für den heutigen Komplex legte Kaiser Rudolf II. im Jahre 1579, und knapp neun Jahre später wurde Kladruby nad Labem zum kaiserlichen Hofgestüt erhoben. Es war neben Piber und Lipizza eines der drei Pferdeaufzuchten im österreichischen Teil der Habsburger Monarchie.

Auch nach Ende der Monarchie 1918 büßten die gelb und hellgrün gestrichenen Gestütsgebäude nichts an ihrer Erhabenheit ein. Die Altkladruber dienten fortan den demokratischen und zwischendurch den kommunistischen Herrschern auf der Prager Burg. In royalen Diensten galoppieren die Rappen und Schimmel noch in Schweden und Dänemark. Auch deswegen hat das Gestüt einen hohen Stellenwert im Leben der Ortsbewohner, wie Bürgermeisterin Lenka Gotthardová (Volkssozialisten) weiß. Auch sie stammt aus einer alten Reiterfamilie und war früher einmal Leiterin des Gestüts:

Lenka Gotthardová (Foto: Archiv der Landwirtschafts-Universität in Prag)Lenka Gotthardová (Foto: Archiv der Landwirtschafts-Universität in Prag) „Was die Bürger unserer Gemeinde angeht, so finden sie seit jeher vor allem Arbeit in dem Gestüt. Früher war hier sogar das ganze Dorf in Lohn und Brot, was heute selbstverständlich anders ist. Aber Kladruby hat ebenso eine große Bedeutung für Tschechien. Es ist die wichtigste Pferdezucht im Lande. Genauso ist es weltweit eines der Gestüte, das am längsten durchgehend in Betrieb ist. Auch wenn es bestimmt ältere Gestüte gibt: Unseres ist eines der bedeutendsten.“

Regionaler Stolz und internationale Anerkennung

Die Dorfbewohner möchten ihrer Tradition nun noch mehr Geltung verleihen. Seit 1995 ist die Altkladruber Pferderasse bereits nationales Kulturerbe in Tschechien und seit 2002 das ganze Gestüt. Nun soll zudem der Titel des Unesco-Weltkulturerbes her. Jiří Machek ist Leiter des Gestüts:

Foto: Strahinja BućanFoto: Strahinja Bućan „Seit 2007 stehen wir auf der nationalen Liste der Unesco für Tschechien. Als Weltkulturerbe möchten wir uns als gesamte Kulturlandschaft Kladruby nad Labem bewerben. Es handelt sich dabei um ein Areal mit einer Fläche von über 1200 Hektar. Diese Landschaft ist gerade durch die Pferdezucht maßgeblich geprägt. Zurzeit bereiten wir eine komparative Studie vor, die die Einzigartigkeit des Gestüts und der Gegend hier gegenüber anderen in Europa und der Welt zeigen soll. Was die Aussichten angeht: Wir sind fest von dem Wert dieser Kulturlandschaft überzeugt und werden uns maximal für die internationale Anerkennung einsetzen.“

Der Kulturerbe-Status der Unesco ist natürlich auch gutes Marketing für die Region. Sich für die Touristen verbiegen wolle das Gestüt jedoch nicht, wie der gebürtige Kladruber Jíři Machek bekräftigt:

Jiří Machek (Foto: ČT24)Jiří Machek (Foto: ČT24) „Wir begreifen uns als nationales Kulturerbe und wollen uns so auch der Öffentlichkeit präsentieren. Das heißt, dass wir vor allem Führungen durch das Gestüt anbieten. Wir zeigen die Ställe, das Schloss und die Kutschen, wir haben aber auch einen Aussichtsturm mit Ausblick auf das gesamte Areal des Gestüts. Die Besucher sollen vor allem sehen, wie hier alles funktioniert. Unser Ziel ist es aber, das Gestüt gerade in seiner ursprünglichen Form zu zeigen. Also fast so, wie es zur Zeit der Habsburger war.“

Ein Fest über Stock und Stein

Hubertusfahrt (Foto: Strahinja Bućan)Hubertusfahrt (Foto: Strahinja Bućan) Einen Besucheransturm erfährt Kladruby nad Labem traditionsgemäß im Herbst. Ende Oktober und Anfang November feiern sich die Reiter des Gestüts nämlich selbst. In dieser Zeit um den 5. November, den Tag des heiligen Hubertus, findet die alljährliche Hubertusfahrt statt. Was das genau ist, erklärt Marcela Slavíková:

„Die Hubertusfahrt ist eine Traditionsveranstaltung. Mit ihr wird die Reitsaison feierlich beendet. Da wir hier im Nationalgestüt sowohl Reit- als auch Kutschenpferde haben, beteiligen sich Reiter sowohl auf dem Sattel als auch auf dem Bock.“

Das war auch am vergangenen Wochenende so. Auf einer Kutsche kann man die rund dreistündige Fahrt genießen, wenn man nicht gerade Seekrank wird am Ende. Ab und an gibt es auch die Möglichkeit abzusteigen und ein besonderes Schauspiel zu beobachten.

Foto: Strahinja BućanFoto: Strahinja Bućan Reitergruppen, sortiert jeweils nach Erfahrung und Fertigkeiten, reiten eine abgesteckte Strecke ab durch die Wälder rund um das Gestüt. An ausgewählten Lichtungen wird Halt gemacht, und die Pferde führen den Zuschauern am Wegesrand ihre Fertigkeiten vor. Es bietet sich ein magisches Bild, wenn die Reiter mit ihren Pferden aus den Bäumen auftauchen.

Abgeschlossen wird jede Parade der Pferde mit dem Klang von Jagdhörnern. Der Tross von Kutschen setzt sich dann wieder in Bewegung in Richtung der nächsten Lichtung.

Die Hubertusfahrt endet auf einer Koppel beim Gestüt mit einer ganz besonderen Vorführung. Die einzelnen Reitergruppen müssen im Sprung einen Fuchsschwanz fangen, der an einem hohen Gestell angebracht ist. Am Ende springen noch einmal die drei führenden Reiter jeder Gruppe um die Wette.

Foto: Strahinja BućanFoto: Strahinja Bućan Der Ausritt zu Ehren des heiligen Hubertus ist sowohl für die Reiter als auch die Pferde sehr anstrengend. Vor allem sind junge Leute auf dem Rücken der Tiere zu sehen. So auch Jakub Hlávka, der seit mittlerweile acht Jahren im Sattel sitzt. Er hat keine Angst um den Reiter-Nachwuchs:

„Das Interesse ist im Großen und Ganzen da. Wir haben beim Training zurzeit einen sehr niedrigen Altersdurchschnitt. Im Grunde gilt es aber, beim Training konsequent zu sein. Meist können die jungen Reiter mit dem Tempo nicht mithalten, das beim Training herrscht. Viele schreckt das ein bisschen ab, obwohl sie die Pferde und das Reiten an sich gern haben. Diejenigen, die durchhalten, können aber viel gewinnen. Vor allem was die Ausbildung auf Pferd und Kutsche angeht.“

 

Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite des Gestüts. Und das auch in deutscher Sprache: www.nhkladruby.cz

27-10-2016