Süßes Wissen – die Dobrowitzer Museen

Das mittelböhmische Dobrovice / Dobrowitz hat ein Museum der Zuckergewinnung. Das Museum befindet sich in einem Renaissance-Hof. Es ist einzigartig hierzulande und auch international eine Rarität. Doch die 3000-Einwohner-Stadt bietet ihren Besuchern noch mehr. In dem Gutshof, der selbst ein sehenswertes Kulturdenkmal ist, wurde ein ganzer Museumskomplex eingerichtet. Die Dobrowitzer Museen bieten auch Ausstellungen über die Spirituserzeugung, die Rübenzucht und die Stadtgeschichte.

Rathaus von Dobrovice (Foto: Maria Hammerich-Maier)Rathaus von Dobrovice (Foto: Maria Hammerich-Maier)

Josef Nešněra (Foto: Maria Hammerich-Maier)Josef Nešněra (Foto: Maria Hammerich-Maier) Eine geschützte Lage fern der Zentren kann auch ihre guten Seiten haben. Die Kleinstadt Dobrovice hat sich im Windschatten der Geschichte ohne dramatische Veränderungen entwickelt. Von den schlichten Häusern rings um den langgezogenen Palacký-Platz in der Stadtmitte strahlt Ruhe und Bedächtigkeit aus. Manche Gemäuer stammten noch aus der Renaissance, erklärt Josef Nešněra, Manager und Führer in den Dobrowitzer Museen:

„Man kann sagen, dass in Dobrovice die alte Zeit konserviert ist, denn die Stadt lag abseits der wichtigen Verkehrswege. Daher bestand kein besonderes Interesse daran, hier zu bauen. Und so ist ein Teil der Bausubstanz der Renaissance bis heute erhalten geblieben. Mitten in der Stadt steht das schöne Renaissance-Rathaus, und die ehemalige Brauerei und das Verwalterhaus ruhen ebenfalls auf Fundamenten aus der Renaissance.“

Renaissance-Gutshof (Foto: Maria Hammerich-Maier)Renaissance-Gutshof (Foto: Maria Hammerich-Maier) Den Wandel der Zeiten überdauert hat ebenso der ehemalige Gutshof am Rande des Stadtzentrums. Er wurde zwischen 1570 und 1585 vom böhmischen Herrengeschlecht der Waldstein errichtet. Stimmungsvolle Tonnengewölbe, Reste von Graffiti, vor allem aber der große Schüttboden mit dem seltenen Holzdachstuhl machen ihn zu einem Baudenkmal. 1809 kam der Gutshof als Teil der Grundherrschaft Loučeň / Lautschin in den Besitz der Thurn und Taxis. Diese bewirtschafteten ihn bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

„Das war ein klassischer Hof, von dem aus die gesamte Landwirtschaft geführt wurde. Solange der Hof einen Besitzer hatte, wurde er gepflegt. Als er dann unter der sozialistischen Ordnung betrieben wurde, begann man die Instandhaltung zu vernachlässigen. Der Niedergang schritt unablässig voran, sodass die Rettung buchstäblich fünf vor zwölf kam, als mit dem Aufbau der Museen begonnen wurde.“

Rettung in letzter Minute

Tereos TTD Aktiengesellschaft (Foto: Maria Hammerich-Maier)Tereos TTD Aktiengesellschaft (Foto: Maria Hammerich-Maier) Das war im Jahr 2008. Vier Jahre zuvor hatte die in Dobrovice ansässige Aktiengesellschaft Tereos TTD den baufälligen Gutshof von der Stadt angekauft. Die Firma ist einer der größten Zucker- und Ethanolproduzenten in Mittel- und Osteuropa. An der Tereos TTD Aktiengesellschaft sind die französische Tereos-Gruppe mit 62 Prozent und die deutsche Nordzucker AG mit 35 Prozent beteiligt. Der Konzern, der in Tschechien über sieben Standorte verfügt, blickt in Dobrovice auf eine nahezu zweihundertjährige Geschichte zurück.

„Die Bemühungen, Rübenzucker zu gewinnen, gehen in unserer Region bis ins Jahr 1831 zurück. Damals gründete der Besitzer der Grundherrschaft Loučeň, Fürst Anselm von Thurn und Taxis, in Dobrovice eine Zuckerfabrik. Und er begann auf seinen Ländereien mit dem Anbau von Zuckerrüben.“

Zeichen der Firma Tereos TTD AG (Foto: Maria Hammerich-Maier)Zeichen der Firma Tereos TTD AG (Foto: Maria Hammerich-Maier) Der Fürst baute sein Dobrowitzer Schloss zu einer Manufaktur aus und berief für deren Aufbau den Spezialisten Karl Weinrich aus Wetzlar.

„Karl Weinrich verstand sich sowohl darauf, die technische Anlagen einzurichten, als auch die Arbeiter in der Rübenzucht zu schulen.“

Rübenzucker war damals in Europa eine Neuheit. Er verbreitete sich als Folge von Napoleons Kontinentalsperre. Diese hatte das europäische Festland vorübergehend vom Rohrzucker abgeschnitten. Die Produkte der Zuckermanufakturen waren allerdings anders beschaffen als heute. Anfangs wurden nur Rohzucker und Sirup hergestellt. Die großen Zuckerhüte oder Laibe, zu denen der Zucker gepresst wurde, mussten von den Endverbrauchern zerkleinert werden. Erst später wurde raffinierter, weißer Zucker in küchen- und mundgerechter Form produziert.

Diese gesamte Geschichte der Zuckergewinnung können die Besucher der Dobrowitzer Museen anhand von vielen Einzelobjekten, Vitrinen, Schautafeln, Bildern und Modellen kennenlernen. Wer will, kann jedoch noch mehr erfahren.

„Das Museum ist in drei Rundgänge gegliedert. Der erste stellt die Geschichte und Gegenwart der Zuckergewinnung, Spirituserzeugung und Rübenzucht dar, der zweite zeigt die Technologien und Verfahren, die in diesen Zweigen eingesetzt werden, und der dritte Rundgang umfasst die Ausstellung zur Geschichte und Gegenwart von Dobrovice.“

Museumsführer in mehreren Weltsprachen

Einfahrt in die Dobrowitzer Museen (Foto: Maria Hammerich-Maier)Einfahrt in die Dobrowitzer Museen (Foto: Maria Hammerich-Maier) Beschriftet sind die Exponate in Tschechisch und Englisch. Wer nur Deutsch spricht, kann an der Rezeption einen gedruckten Museumsführer mit deutschen Erklärungen erhalten. Wenn trotzdem Fragen offen bleiben, hilft Josef Nešněra nach Möglichkeit gerne auch in dieser Sprache aus.

„Herzlich willkommen in den Dobrowitzer Museen. Die Ausstellung beginnt beim Aufgang in den ersten Stock auf dem ehemaligen Schüttboden. Im Erdgeschoss darunter waren einst Stallungen.“

Seit neun Jahren bestehen die Dobrowitzer Museen schon. In dieser Zeit ist deutlich geworden, welche Teile bei den Besuchern besonders gut ankommen.

Dobrowitzer Museen (Foto: Archiv Tereos TTD AG)Dobrowitzer Museen (Foto: Archiv Tereos TTD AG) „Zu den interessantesten Objekten gehören die technischen Schaustücke – zum Beispiel hier dieser Querschnitt einer Zuckerraffinerie oder das Modell einer Spiritusbrennerei. Auch die Objekte zu den Zuckerhüten und den alten Zuckerformen, die es heute nicht mehr gibt, zählen dazu. Das zieht die Besucher an.“

Die beeindruckende Fülle von Objekten ist der guten Vernetzung der Dobrowitzer Museen in der Fachwelt zu verdanken. Viele Exponate sind Leihgaben oder Schenkungen von Partnerinstitutionen, einige stammen von privaten Gönnern.

„Wir haben Schenkungen von Menschen in Tschechien und sogar aus dem Ausland bekommen. Zum Beispiel diese Messer einer Schnitzelmaschine hat uns unsere Gönnerin Monique Pirson aus Belgien geschenkt.“

Woher kommt der Zucker? - Angebote für Schüler

Bahnhof Dobrovice (Foto: Maria Hammerich-Maier)Bahnhof Dobrovice (Foto: Maria Hammerich-Maier) Träger des Museumskomplexes ist eine gemeinnützige Organisation, der die Aktiengesellschaft Tereos TTD und die Stadtverwaltung von Dobrovice angehören. Eröffnet wurden die Dobrowitzer Museen im Mai 2010. Seither sind sie zu einem Bestandteil der Unterrichtspläne vieler Schulen aller Altersstufen geworden, von den Vorschulen bis zu den Hochschulen. Kindergarten- und Grundschulkindern machen vor allem die Schaubeete Spaß. Dort erfahren sie, wie die Rüben gezogen werden – vom Samen bis zur Ernte.

„Schulgruppen kommen oft zu uns. Wir bieten ihnen außer den Museumsrundgängen auch Exkursionen in die Zuckerfabrik. Diese gefallen den Schülern am besten. Ausländischen Gruppen stellen wir englischsprachige Lektoren zur Seite, die fachlich ausgebildet sind. Sie erklären den Besuchern, wie die Zuckergewinnung vor sich geht und begleiten sie durch die Zuckerfabrik.“

Gedenktafel am Bahnhof (Foto: Maria Hammerich-Maier)Gedenktafel am Bahnhof (Foto: Maria Hammerich-Maier) Gut und gern drei Stunden könne man in den Museen verbringen, wenn man alle Rundgänge auf einmal machen möchte. Nešněra empfiehlt, den Museumsbesuch mit einer Werksexkursion zu verbinden. Die Besichtigung der Zuckerfabrik dauert zwei Stunden und wird auch für Einzelpersonen angeboten. Sie ist aber nur zur Zeit der Rübenkampagne möglich, also jeweils von Oktober bis Dezember.

Auf ihre Rechnung kommen in Dobrovice nicht zuletzt auch die Fans von Bohumil Hrabal. Der weltberühmte Schriftsteller arbeitete am Bahnhof von Dobrovice während des Zweiten Weltkriegs als Fahrdienstleiter. Das ist in seinen bekannten Roman „Reise nach Sondervorschrift, Zuglauf überwacht“ eingeflossen. Erwähnt wird es im Museum der Stadtgeschichte und auf einer Gedenktafel am Bahnhof.