Online durch die europäische Kulturhauptstadt Pilsen

Mehr als 600 Veranstaltungen im Rahmen von 50 Projekten sind es, mit denen Plzeň / Pilsen in diesem Jahr Besucher aus dem In- und Ausland anlockt. Der Grund ist bekannt: Wie das belgische Mons ist man „Kulturhauptstadt Europas 2015“. Eines der vielen Projekte zu diesem Anlass ist ein Online-Stadtführer, „Plzeňský architektonický manuál“, auf Deutsch „Pilsens Architekturhandbuch“.

Petr Klíma (Foto: ČT24)Petr Klíma (Foto: ČT24) Petr Klíma ist studierter Architekt und Architekturhistoriker am Institut für Kunst und Design in Pilsen. Der Mittdreißiger gehörte zum Team, das das Kulturhauptstadtprogramm gestaltet hat. Das sogenannte Architekturhandbuch ist seit Mitte April im Internet frei zugänglich unter pam.plzne.cz. Die Inspiration dazu holte sich Klíma in Brno / Brünn. Die südmährische Stadt präsentiert sich schon seit 2011 mit rund 400 Architekturobjekten im Internet. In Wort und Bild wird damit dokumentiert, wie sich Brünn zwischen der tschechoslowakischen Staatsgründung von 1918 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 entwickelt hat, und zwar im kulturellen und gesellschaftlichen Kontext der Zeit. Das Pilsener Pendant, kurz Pam, fokussiert Ähnliches, allerdings für die Jahre von 1914 bis 1950.

„Wir wollten in einer Zeit starten, in der die moderne Architektur in Pilsen entstanden ist. Es war der Übergang von der historisierenden Architektur des 19. Jahrhunderts zur Moderne, deren Spuren bis in die Mitte der 1950er Jahre reichen. Das Jahr 1914 ist im gewissen Sinne ein Konstrukt. Aber mit dem Gründungsjahr der Tschechoslowakei zu beginnen, wäre nicht ganz korrekt gewesen. Die ersten Boten der Moderne datierten in Pilsen einige Jahre zuvor. Das ist dem berühmten Bahnbrecher der modernen Architektur Adolf Loos zu verdanken, der schon 1907 zum ersten Mal nach Pilsen kam. Das Jahr 1950 markiert den ausklingenden funktionalistischen Baustil. Dieser wurde in Pilsen zwangsweise nach und nach vom ideologisch geprägten sozialistischen Realismus abgelöst“, so Petr Klíma.

In den 1950er Jahren trafen in der Stadt zwei unterschiedliche Baustile aufeinander. Ein Beispiel:

„In Pilsen entstanden damals schon die ersten Plattenbausiedlungen mit sozialistisch-realistischen Attributen wie zum Beispiel im Stadtteil ‚Na Slovanech‘. In derselben Zeit wurde das Gebäude des Tschechoslowakischen Rundfunks im spätfunktionalistischen Stil fertig gestellt. Dieser Stil zeigt sich sehr stark in den Innenräumen des Funkhauses.“

Über 150 architektonische Objekte

Das Pam-Projekt ist weit gefasst und wird schrittweise realisiert. Im bisherigen halben Jahr wurden Begleittexte über mehr als 150 Architekturobjekte veröffentlicht, über 80 Architekten, 50 Bauherren und 25 öffentliche Räume. Das alles lässt sich auch auf sechs Stadtspaziergängen erschließen.

„Bei der Auswahl der Touren haben wir uns am architektonischen Wert der Gebäude orientiert, die Routen folgen einer geografischen Logik. Daher war es von Beginn an klar, dass es eine Trasse im historischen Stadtzentrum geben wird und eine andere zum Beispiel in der Südvorstadt, wo Mitte des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung Pilsens begonnen hatte. Ebenso führt eine Tour durch Bezovka, ein Stadtviertel mit einem spezifischen Flair.“

Die Touren sind zwischen drei und fünf Kilometern lang. Außer dass man sie online einsehen kann, lässt sich jeden ersten Samstag im Monat auch eine kommentierte Führung absolvieren. Dabei kommt man nicht nur an Spitzenarchitektur der Stadtelitevorbei, sondern auch an interessanten Wohnhäusern oder sogar sozialen Wohnprojekten, von denen die ersten bereits in den 1920er Jahren entstanden.

Außer mit dem Pam-Stadtführer kann man im Internet auch mit einem Stadtplan namens „Skryté město“ (Verborgene Stadt) durch Pilsen wandern. Über die dort markierten Orte gibt es mehrere Hundert Geschichten zu lesen. Zum Beispiel wer am jeweiligen Ort einst lebte, was alles dort geschah und Ähnliches mehr. So kann man sich auch beim Online-Surfen ein Bild von der interessanten Entwicklung der Stadt machen.

Die Chancen Pilsens, sich zu einer modernen Stadt zu entwickeln, seien nicht schlecht gewesen, so der Architekturhistoriker Petr Klíma. Es habe aber hierzulande Städte gegeben, die bessere Voraussetzungen dafür hatten:

„Pilsen war ab Mitte des 19. Jahrhundert eine sich dynamisch entwickelnde Industriestadt mit schnell steigender Bevölkerungszahl und einer handelsorientierten Bürgerschicht. Eine Stadt, die zwar vom vorhandenen Finanzkapital und Menschenpotential profitieren, sich jedoch nicht ganz von ihrer Provinzialität befreien konnte. Brünn zum Beispiel entwickelte sich zur selben Zeit wesentlich dynamischer. Anders als Pilsen war die südmährische Stadt auch in der Zwischenkriegszeit noch immer in der Lage, von der Nähe Wiens zu profitieren. Außerdem wurde Brünns Baukultur auch von Architekten geprägt, die dem deutschjüdischen Milieu der Stadt entstammten.“

Häuser von Loos gehörten zum guten Ton

Foto: Archiv Plzeň 2015Foto: Archiv Plzeň 2015 Beim Vergleich der Architektur aus der Zwischenkriegszeit schneidet Brno / Brünn nach Klímas Meinung besser ab als Pilsen.

„Pilsens Architekten beschwerten sich schon damals über Geldmangel, über häufige Streitigkeiten und viele Probleme bei der Durchsetzung von Bauprojekten. Auch das war ein Grund, warum die Spitzenarchitektur in Pilsen nicht das Niveau von Brünn, Hradec Králové oder Zlín erreichte. Dennoch herrschte in Pilsen auch in der Zwischenkriegszeit eine ausgeprägte Baukultur. Dies betrifft vor allem die Gestaltung des öffentlichen Raumes. In dieser Hinsicht kann man in Pilsen nicht klagen. Damit wurde hier eine hohe Messlatte gelegt, die wir heutzutage nicht einmal annähernd erreichen.“

Spitzenarchitektur ist in Pilsen in erster Linie durch die Persönlichkeit von Adolf Loos vorhanden:

„Loos kam 1907 nach Pilsen, um zwei Projekte zu realisieren. Es handelte sich um zwei Wohnungen für je eine reiche jüdische Familie. Aus diesen Kreisen entstammte der Großteil seiner Klientel. Es waren überwiegend Industrielle, Geschäftsleute oder Firmenbesitzer, die sich untereinander kannten. Nach und nach gehörte es für diese Familien zum guten Ton, ein Haus von Loos zu haben.“

Adolf Loos wurde zum begehrten Markenzeichen. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre kam er erneut nach Pilsen, wahrscheinlich 1927. Diesmal nahm er ein Team von Mitarbeitern zu Hilfe, die seine Skizzen in technische Zeichnungen umsetzten. Er wohnte entweder im Hotel oder bei Familien seiner Auftraggeber – zum Beispiel bei den Becks, Hirschs, Vogels oder Brummels.

„Bei seinen drei Aufenthalten in Pilsen war Loos insgesamt an bis zu 14 Projekten beteiligt. Davon sind derzeit nur drei Bauten für die Öffentlichkeit zugänglich: das Brummel-Haus, das sich im Besitz des Neffen der Familie Brummel befindet, und zwei Interieurs, die der Stadt gehören. Es handelt sich um die ehemaligen Privatwohnungen der Familien Vogel und Kraus. Alle drei wurden vor kurzem mit großer Sorgfalt renoviert. Andere Interieurs, die auch der Stadt beziehungsweise dem Kreis Pilsen gehören, warten entweder auf die Renovierung oder sind schon renoviert worden und sollen nun zugänglich werden. Ein Teil von ihnen befindet sich in privater Hand.“

Ungenutzte Areale ausfindig gemacht

Depo 2015 (Foto: Archiv Plzeň 2015)Depo 2015 (Foto: Archiv Plzeň 2015) Pilsens Architektur und das Geschehen in der Kulturstadt Europas soll im August die Schwerpunktthematik der deutschen Fachzeitschrift „Bauwelt“ sein. Um etwas mehr über die Kulturhauptstadt 2015 zu erfahren, verbrachte vor kurzem Wolfgang Kil, freiberuflicher Kritiker und Publizist, ein paar Tage in Pilsen. Petr Klíma war sein Begleiter:

„Ich glaube, er war erstaunt, dass wir in den vergangenen Jahren mehrere ungenutzte Areale in unserer Stadt ausfindig gemacht und diese für neue Zwecke umgestaltet haben. Dazu gehört das Depot der Verkehrsbetriebe, das heutzutage als Kulturzentrum für Konzerte und Ausstellungen funktioniert. Oder das Bahnhofsgebäude Südstadt. Das wertvolle Jugendstilhaus, das ab 2000 als sogenannte ‚Moving Station‘ für alternative Kunstprojekte diente, wird derzeit renoviert. Im September wird es seine Tore für das internationale Theaterfestival eröffnen. Es gibt noch mehr solcher Bauobjekte, um die Pilsens Kulturlandschaft bereichert wurde.“

Und das Pam-Projekt, also das Architekturhandbuch, soll demnächst erweitert werden. Darüber ist sich sein Urheber im Klaren:

„Ende 2015 soll der zweite Teil unseres Projektes fertig sein. Wir bleiben zwar immer noch im Zeitraum 1914 bis1950, werden aber vier oder fünf neue Routen auch in weitere Stadtteile ausdehnen. Vorgestellt werden rund 100 weitere Architekturobjekte. Die Gesamtzahl könnte sich dann auf 250 belaufen.“

Und Architekt Petr Klíma schmiedet schon weitere Pläne: Wenn alles gut laufe und das Projekt finanzielle Unterstützung bekomme, dürfte es bereits im kommenden Jahr die ganze Stadt erfassen.

 

Demnächst soll der Online-Spaziergang durch Pilsen auch in englischer Version möglich sein. Angedacht ist zudem eine deutsche Variante, dafür soll aber zunächst noch eine finanzielle Unterstützung gefunden werden.