Novy Jicin - die Wiege der Hüteproduktion

26-10-2002

Damenhüte, Herrenhüte, Zylinder, Sonnenhüte, Melonen, Filze, Mützen, Kappen, Baretten. Einige dieser Kopfbedeckungen haben in den letzten Jahrzehnten gewiss an Bedeutung, insbesondere an ihrer gesellschaftlichen Bedeutung verloren. Doch noch immer ist das menschliche Leben ohne Hüte und Mützen kaum vorstellbar. In der nachfolgenden Touristensprechstunde besuchen Sie mit Markéta Maurová und Lothar Martin die Stadt Novy Jicin, die auch als Wiege der Hüteproduktion bezeichnet wird.

Den Namen "TONAK" kennt in Tschechien jeder, der sich mal eine Mütze oder einen Hut gekauft hat. Weniger ist jedoch bekannt, dass es sich hierbei um eine Abkürzung handelt - "TONAK heißt TOvárna NA Klobouky", also "Hutfabrik". Ihren Sitz hat die Fabrik in der nordmährischen Stadt Novy Jicin (Neutitschein). Mehr dazu sagt uns der Fabrikdirektor, Michal Simek.

"TONAK in Novy Jicin hat eine sehr lange Tradition. Die Anfänge der Hüteproduktion gehen bis in das 16. Jahrhundert zurück. 1799 knüpfte die industrielle Produktion an die handwerkliche Herstellung an. Ihr Begründer in Novy Jicin war Herr Johann Hückel, der die Produktion weiter entwickelte. Ende des 19. Jahrhunderts arbeiteten in der Hutmacherei Novy Jicin um die 1000 Arbeiter. Es wurden hier etwa fünftausend Kopfbedeckungen pro Tag erzeugt. Diese Produktion hielt bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts an. Danach, zur Zeit der Rezession, setzte der Niedergang ein."

Wie die Stadtbücher besagen, gab es die Hutmacher in Neutitschein bereits im 16. Jahrhundert. Damals waren sie jedoch noch nicht in einer Gilde versammelt. Diese wurde erst um 1630 gegründet. Die Hutmachermeister ließen sich damals jene Zunftvorschriften vom Stadtrat bestätigen, die sie von den Hutmachern aus Kromeriz (Kremsier) übernahmen. Die Vorschriften wurden am 7. Mai 1630 besiegelt: Sie bestanden aus 14 Punkten und beinhalteten fachliche Bestimmungen und Anordnungen, die Bedingungen zur Erringung eines Meistertitels, sie legten die Länge der Lehrzeit, die Höhe der Entlohnung für Gesellen und weitere wichtige Regeln fest.

1799 wurde Johann Nepomuk Hückel, ein Geselle aus Fulnek, in die Zunft aufgenommen. Sehr bald eroberte er sich sowohl in der Zunft als auch in der Stadt eine einflussreiche Position und setzte u.a. die Aufnahme seines Bruders Augustin in die Gilde durch. Augustins Sohn Johann vereinigte 1848 die Werkstätten seines Onkels und seines Vaters und gründete eine Manufaktur. Damit legte er den Grundstein für die spätere Hutindustrie in Neutitschein.

Um die Produktion zu verbessern, schickte er seine drei Söhne - August, Johann und Karl - ins Ausland. Nach deren Rückkehr wurden Maschinen in die Werkstätten eingeführt und eine Dampfmaschine in Betrieb genommen. Hückel wurde zum Begründer der Fabrikherstellung von Haarhüten in Österreich. 1867 kaufte seine Familie umfangreiche Grundstücke hinter der Stadt, wo eine moderne Fabrik gebaut wurde. Bald ließen auch weitere Hut-Unternehmer von sich hören. Ivo Otahal, der Direktor des Neutitscheiner Museums, weiß mehr zu erzählen:

"Die Fabrik blieb nicht die einzige. Nachdem Hutmeister Böhm sie verlassen hatte, gründete er seine eigene Fabrik, die bald eine starke Konkurrenz für Hückel darstellte. Und letztendlich entstand hier noch eine dritte Fabrik, die von Peschel. In Novy Jicin wurde also eine riesige Menge an Hüten produziert, mit denen das gesamte Gebiet Österreich-Ungarns versorgt wurde. Und die Hüte wurden zudem in viele andere Staaten exportiert."

Den Stadtbesuchern, die sich für die Geschichte der Hut-Produktion in Neutitschein näher interessieren, empfehlen wir, das dortige Hut-Museum zu besichtigen. Es befindet sich in einem Teilgebäude des Zerotin-Schlosses. Als Bestandteil des Regionalen Museums kann es auf eine lange Tradition zurückblicken.

"Ich will darauf hinweisen, dass das Museum in diesem Jahr seinen 115. Jahrestag seit der Gründung feiert. Das Museumswesen in der Stadt ist aber noch älter. 1861 entstand hier das Katauer-Schulmuseum, das Sammlungen zu Unterrichtszwecken in den hiesigen Schulen konzentrierte. Es war eines der sechs Museen, die auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik damals entstanden sind. Einen Grundstock unserer Exposition bildet die Bilimek-Sammlung. Bilimek war ein Mann, den Kaiser Maxmilian I. zu sich nach Mexiko holte. Er sollte ihm dort bei der Gründung des mexikanischen Nationalmuseums helfen. Und dieser Herr Bilimek, der hier in Novy Jicin wirkte, widmete einen Teil seiner Sammlungen dem hiesigen Museum."

Im Museum kann man Hüte nahezu aus der Welt bewundern. Man trifft hier auf Exponate praktisch aus ganz Europa, aber auch auf Hüte aus China, aus Bolivien, Sombreros aus Mexiko oder aber auf eine Hochzeitshaube aus Brasilien. Aber nicht nur exotische Kopfbedeckungen, auch Hüte von bekannten und bedeutenden Einheimischen sind dort ausgestellt: Wir finden einen Hut des ersten Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik Tomás Garrigue Masaryk, einen seines Sohns Jan sowie einen des zweiten Präsidenten Edvard Benes. Es gibt dort aber auch Hüte bedeutender Künstler: vom Dichter Petr Bezruc, dem Schrifststeller Alois Jirasek, dem Historiker Frantisek Palacky oder vom Maler Max Svabinsky. In der Sammlung befindet sich auch ein Hut, den der österreichische Thronfolger Ferdinand d´Este auf seinem Kopf trug.

"Einer der interessantesten Hüte ist der, den die Mitglieder des Philatelistenvereins auf dem Kopf trugen. Es ist ein Melonenhut, beklebt mit Briefmarken mit dem Porträt von Tomas Garrigue Masaryk. Wir haben hier mehrere solcher Hüte. Zu den interessantesten zählt sicher auch der Bärenhut der Prager Grenadiere. Und was die Patrioten angeht, da möchte ich vor allem auf die Mützen der Prager Barrikaden aus dem Jahr 1848 hinweisen."

Hinsichtlich der Technologie zählt ein Hut aus Löcherpilz zu den interessantesten Exponaten. Der Hut ist erstaunlicherweise sehr leicht. Er darf aber nie nass werden, denn dann wird er sehr schwer.

Im Museum sind natürlich nicht nur Hüte und Mützen ausgestellt, sondern es wird auch anschaulich gezeigt, wie diese Kopfbedeckungen in der Vergangenheit manuell erzeugt wurden.

Der wichtigste Rohstoff dafür waren Kaninchen- oder Hasenhaar bzw. Schafwolle. Das getrocknete und gespannte Fell musste zuerst gereinigt werden: Es wurde zunächst in einer Mischung von Quecksilber und Stickstoffsäure gebeizt, damit sich die Fähigkeit erhöht, es zu filzen. Danach wurde das Haar mit einem Messer abgeschnitten und weiter gereinigt. Die Masse wurde auf ein Papier geblasen, bis eine Tafel entstand. Der Halbrohstoff wurde weiter geformt, gefärbt und geschmückt. Heute nutzt man dafür natürlich Maschinen, die Grundtechnik bleibt aber dieselbe. Davon erzählt TONAK-Direktor Michal Simek.

"Die klassischen Hüte werden nicht aus Stoff, sondern aus Tierhaar erzeugt. Wir nutzen hauptsächlich zwei Haartypen - Hasen- und Kaninchenhaar. Wir verarbeiten jeden Tag etwa 25 Tausend Felle, überwiegend Kaninchenfell. Das Fell wird geschnitten, man gewinnt qualitätsvolle Haare, die sehr fein und weich sind. Und daraus werden mittels einer sehr komplizierten Technologie Hüte erzeugt ."

Die Hutfabrik Tonak entstand nach dem 2. Weltkrieg, nachdem die ursprüngliche Hückel-Fabrik verstaatlicht wurde. Und was produziert sie heute?

"Wir sind bereit, die Forderungen jedes Kunden in jedem Sortiment zufrieden zu stellen. Unsere Spezialität sind meiner Meinung nach Herrenhüte, zu nennen sind vor allem Zylinder, Melonen und Reiterhüte."

Bevor der Herbstwind zu wehen beginnt und Sie beginnen, nach einem Hut zu suchen, haben wir einige Tipps und Empfehlungen für Sie. Was im aktuellen Herbst "in" sein wird, dazu befragten wir eine ausgesprochene Fachkraft, nämlich die Designerin der Hutfabrik TONAK, Sarka Simickova:

"Unsere Chefdesignerin geht von einer Rückkehr zum Tweed aus. Dieser Stoff ist heute sehr modisch, man näht daraus Kostüme, Mäntel, Hosen, und er wird überall getragen. Des weiteren sehen wir einen Trapper-Stil, bei dem Naturelemente wie Pelz, Leder, Federn und andere Naturmaterialien genutzt werden. Die modischen Farben für den kommenden Winter sind verschiedene Töne der Natur- und Herbstfarben - Weinrot, Olivengrün, Braun bzw. Kamelbraun. Die schwarze Farbe, das ist ein Evergreen in der Mode, die wird wohl nie verschwinden. Man kann damit kaum etwas falsch machen und sie ist immer sehr chic."

Und mit dieser Empfehlung verabschieden wir uns für heute. Am Mikrophon waren Lothar Martin und Markéta Maurová.

26-10-2002