Nach 100 Jahren wieder zum Leben erwacht: Fotoatelier Seidel in Krumau (II)

Die „Bildchronisten des Böhmerwalds“ wurden sie genannt: die Krumauer Fotografen Josef und Franz Seidel. Im Haus in der Linzer Straße in Český Krumlov / Krumau, wo sich einst die Lichtbildwerkstätte Seidel befand, wurde vor kurzem ein Museum eingerichtet. In der vergangenen Ausgabe der Sendereihe „Reiseland Tschechien“ haben wir Sie über die Entstehung des Museums des Fotoateliers Seidel informiert. Dabei haben wir versprochen, die Führung durch die altneue Lichtbildwerkstätte fortzusetzen.

Das Museum des Fotoateliers Seidel ist nicht nur wegen des sorgfältig renovierten Hauses mit der historischen Einrichtung und zahlreichen technischen Geräten interessant, sondern auch wegen des Schicksals der Familie Seidel.

„Es ist ein Schicksal, in dem sich die ganze bewegte Geschichte des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa widerspiegelt – von der technischen Entwicklung der Jahrhundertwende über die Entstehung des tschechoslowakischen Staates, den Zweiten Weltkrieg bis zum Aufmarsch des Kommunismus in unserem Land und schließlich zu den großen Änderungen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus. Es ist eine Geschichte, von der man heute Lehre ziehen kann,“ Sagt Miroslav Reitinger. Er leitet den Entwicklungsfonds der Stadt Český Krumlov, der das Fotoatelier drei Jahre lang renoviert hat.

Josef Seidel und sein Sohn Franz haben Atelierporträts und Gruppenaufnahmen sowie Landschaftsaufnahmen gemacht. Im Atelier ist auf den Glastafeln und Negativen zudem eine detaillierte Fotodokumentation der Böhmerwald-Städte erhalten geblieben. Josef Seidel ist 1935 gestorben. Sein Sohn Franz, der 1938 bei der tschechoslowakischen Mobilisierung als Offizier einrückte, wurde 1939 von der Gestapo verhaftet. Bis 1940 saß er in Linz in Haft. Danach durfte er sein Fotoatelier nicht mehr führen und wurde in die Rüstungsproduktion geschickt. So überlebte er den Krieg. 1945 durfte Franz Seidel mit seiner Mutter im Gegensatz zu seinem Bruder Helmut in Krumau bleiben. Seine Verlobte Marie wurde jedoch vertrieben. Nach der Machtübernahme durch die Kommunisten im Februar 1948 wurden alle Gewerbe liquidiert. Seidel durfte im Gegensatz zu seinen tschechischen Kollegen keiner Fotografengenossenschaft beitreten, die ihm mehr Freiheit geboten hätte. Seine Firma wurde vom Kommunalbetrieb übernommen. Erst 1958 bekam Seidels Verlobte Marie von den Behörden die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft zurück. Daraufhin hat sie Franz Seidel geheiratet. Um Kinder zu haben, war es jedoch zu spät. Franz Seidel lebte in Krumau noch 40 Jahre lang, jedoch weitgehend zurückgezogen als ein eher verschlossener Mensch.

Das Museum des Fotoateliers Seidel wurde in Zusammenarbeit mit Partner-Institutionen aus Bayern und aus Österreich errichtet. Manfred Pranghofer vom Böhmerwald-Museum in Passau beteiligte sich an der Entstehung des Museums. Zu den Fotografen Seidel hat er eine besondere Beziehung: Fotos aus dem Atelier Seidel hat er einige zu Hause. Dies sei jedoch, so Manfred Pranghofer, eine sehr lange Geschichte:

“Meine Familie ist mit der Familie Seidel geschäftlich und auch persönlich in Verbindung seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Die ersten Fotos, die wir haben, sind die Fotos von meiner Mutter und von meinem Vater vor der Heirat aus dem Jahr 1916. Damals waren sie beide knapp 17 Jahre alt. Und seit dieser Zeit gibt es in unserer Familie verschiedene Fotos aus dem Atelier Seidel. Das letzte Foto, das sich in unserer Familie befindet, stammt aus dem Jahr 1948, also kurz bevor Seidel enteignet wurde: Ich wurde mit meiner Mutter und meiner jüngeren Schwester bei Seidel fotografiert. Josef und Franz Seidel waren in meiner Familie ständig präsent, denn mein Vater hatte in Nová Pec / Neuofen ein Geschäft. Von dort aus gingen die Touristen zum Plöckensteiner See / Plešné jezero und bevor man rauf ging oder wenn man zurückkam, hat man noch Souvenirs gekauft – und natürlich hat man Ansichtskarten von Seidel gekauft. Mein Vater hatte sicher einige Tausend Ansichtskarten von Seidel verkauft. Und wenn Franz Seidel im Winter in unserer Region fotografiert hat, hat ihn mein Vater manchmal auf den Skiern begleitet – zum Beispiel auf den Hochficht / Smrčina.“

Mit Franz Seidel traf Manfred Pranghofer noch vor der Wende von 1989 zusammen. Bereits damals fand er es wichtig, das Werk der Fotografen Seidel für die nächsten Generationen zu retten:

„Als ich mit Franz Seidel diskutiert habe, habe ich ihm erzählt, dass ich Fotos von Seidel habe und dass Nummern darauf sind. Er sagte mir: ´Schicken Sie mir die Nummern´. Diese habe ich ihm geschickt, und in drei Wochen bekam ich fünf Abzüge von einem Foto von 1916. Da wurde mir bewusst, was es da im Ateliernachlass für einen Schatz gibt. Ich habe Franz Seidel schon vor der Wende - während der achtziger Jahre – und danach auch nach der Wende mehrmals besucht und wir haben versucht, ein Projekt zu entwickeln, mit dem man diese Schätze hätte retten können. Wir waren 1990 schon sehr nahe dran - mit eine Art joint venture zwischen Bayern und Tschechien. Das war noch zu Franz Seidels Lebzeiten.

Wir haben damals daran gedacht, dass er aus dem Geld, das er für das Haus bekommen hätte, eine Rente bekommen hätte. Wir wollten, dass er im Haus lebt, aber die Option offen bleibt, dass es ein Museum wird und er vom Kaufpreis schon Geld beziehen kann. Das Projekt war schon sehr weit, und dann hat er mir 1994 plötzlich geschrieben, er habe schon mal unter den Nazis leiden müssen, und dann auch unter den Kommunisten und er habe Angst, dass er noch einmal geschädigt wird. Und er hat es nicht mehr gemacht. Drei Jahre später ist er gestorben. Für uns vom Böhmerwald-Museum hat Herr Baierl dann das Projekt übernommen. Er hat sehr intensiv mitgewirkt, dass die Stadt Krumau das Haus kaufen konnte. Dann ist das Projekt des Museums in ständiger Zusammenarbeit gewachsen.“

Bei der feierlichen Eröffnung des Museums hatte Manfred Pranghofer auch ein Foto aus Seidels Lichtwerkstätte mit dabei in der Tasche:

„Das habe ich heute mitgenommen, denn das gehört dazu. Ich habe immer irgendein Foto mit dabei, weil immer jemand nach diesem Museum fragt.“

Haben Sie die Wiederbelebung des Fotoateliers Seidel näher beobachtet, wenn Sie schon von Anfang an mit dabei waren?

„Die Stadt Krumau hat uns in das Projekt immer integriert. Wie bei der Eröffnung des Museums gesagt wurde, es ist wirklich ein Musterbeispiel dafür, was man machen kann, wenn man vernünftig an die Vergangenheit mit Blick in die Zukunft heran geht.“

Das Museum des Fotoateliers Seidel ist täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet.