Konditor, Klempner und Napoleons Schlitten: Das Handwerksmuseum in Letohrad

Die Bewunderer historischer Maschinen und Geräte kommen dort auf ihre Kosten genauso wie all diejenigen, die sich eine Vorstellung vom Alltag ihres Urgroßvaters machen wollen, der vielleicht ein tüchtiger Handwerker war. Die Rede ist vom Museum des Handwerks im ostböhmischen Letohrad. Gegründet wurde es von Pavel Tacl, einem Kenner der Region und vieler Handwerksberufe – und zwar vor knapp elf Jahren. In der vergangenen Ausgabe der Sendereihe „Reiseland Tschechien“ haben wir Sie zusammen mit Pavel Tacl in den ehemaligen Barockspeicher geführt, in dem sein Museum untergebracht ist. Dabei haben wir versprochen, die Führung durch das Museum fortzusetzen.

Schneider, Uhrmacher, Holzschnitzer sowie zahlreiche weitere Berufe sind in der Dauerausstellung in der ersten Etage des Speichers vertreten. Unter den Exponaten sind auch Kuriositäten, die einige Jahrhunderte alt sind, erzählt Pavel Tacl, der nicht nur Gründer, sondern auch Leiter des Museums ist:

„Die jüngsten Exponate stammen dagegen aus der Zeit um das Jahr 1950. Einige Gewerbetreibende gab es noch nach dem Jahr 1948, als die Kommunisten die Macht ergriffen hatten. Bald wurde jedoch alles verstaatlicht, auch die kleinste Werkstatt wurde beschlagnahmt. Ich würde sagen, dass der Schwerpunkt unserer Dauerausstellungen in der Zwischenkriegszeit liegt. An diese Zeit der Ersten Republik erinnert man sich heutzutage oft ein wenig nostalgisch. Zu sehen ist im Museum aber beispielsweise auch ein Siegelstock der Schneiderzunft aus dem Jahr 1680. Wir stellen hier auch die für unsere Region typischen Lebkuchenformen aus dem 17. und 18. Jahrhundert aus. Also wirklich historische Gegenstände gibt es im Museum auch.“

Zu den einzigartigen Exponaten gehört die große Sammlung von mehr als 100 verschiedenen Werkzeugen zur Herstellung von Kunstblumen. Die Sammlung stamme aus Hronov, erzählt der Museumsleiter:

„Ich würde doch diese Matrizen gern noch mal in Betrieb nehmen. Angeblich lebt in Mähren noch eine Frau, die sich darin auskennt und die auch heutzutage kleine Kunstblumen für die Volkstrachten herstellt. Natürlich kann heutzutage niemand mehr von der Kunstblumenherstellung leben. Denn eine kleine Blume ist meistens aus zwölf dünnen Schichten zusammengestellt. Diese kleinen Kunstblumen werden für die Stirnbänder genutzt, die zur Volkstracht getragen werden. Aber wenn man bedenkt, dass für ein Stirnband manchmal auch 200 kleine Blümchen gebraucht werden, die einzeln hergestellt werden, müsste so ein Stirnband Tausende Kronen kosten.“

Außer der Einrichtung für die Blumenherstellung, wird auch eine Mappe mit Blumenmustern präsentiert, in der man blättern kann. Diese Mappe führten Hausierer, die die Waren anboten, mit sich. Größere Geschäfte habe so ein Hausierer vor Allerseelen gehabt, meint Pavel Tacl, wo die Kunstblumen stark gefragt waren.

Ein Handwerksberuf, der im Adlergebirge stark verbreitet war, war die Paramentstickerei. Heutzutage wissen viele nicht mehr, was man sich unter dem tschechischen Begriff „paramentár“ vorstellen soll, meint der Museumsleiter.

„Die Paramentensticker stellten vor allem Messgewänder sowie andere Textilien her, die vor allem zu kirchlichen Zwecken genutzt wurden. Meistens wurden diese Gewänder mit Gold gestickt. Heutzutage werden vor allem noch verschiedene Fahnen gestickt, aber es ist keine Handarbeit mehr. Die Werkstatt eines Paramentenstickers, die hier zu sehen ist, stammt aus Jablonné. Die Konzession des Handwerkers ist auf 1825 datiert. Er verkaufte die gestickten Gewänder in ganz Europa. In unserer verhältnismäßig armen Region haben sich früher viele Frauen dieser speziellen Stickerei gewidmet.“

Vor allem Handwerksberufe, die mit Lebensmitteln zu tun hatten, sind in der zweiten Etage des Speichers vertreten: Bäcker, Fleischer, Konditor sowie der Milch- und Käsehersteller, Bierbrauer, Imker. Mehrere der Exponate haben eine bewegte Geschichte, erzählt Pavel Tacl und macht auf eine Sammlung von zierlichen rundlichen Förmchen aufmerksam. Sie hätten einem Konditor gehört:

„Einmal besuchte mich hier im Büro ein Mann. Er brachte eine Schachtel mit und fragte mich, ob ich eventuell auch etwas von einem Konditor haben möchte. Er machte die Schachtel auf, sie war voll von diesen ganz kleinen Dingen, die man im Tschechischen ´kopýtko´ nennt. Mit Hilfe dieser Formen wurden einst Bonbons hergestellt. Ich fragte den Mann, woher er kommt. Er sagte, er sei aus der Slowakei, aus Košice / Kaschau gekommen, dort lebe er seit mehr als 50 Jahren. Aber sein Vater habe unweit von Letohrad gelebt, wo er eine Konditorei hatte. Die geerbten Gegenstände habe er als Andenken an den Vater aufgehoben. Als er aber von dem Museum gehört habe, habe er sich entschieden, die Sachen hierher zu bringen und dem Museum zu schenken.“

Ein Stück Familiengeschichte ist auch mit einem viel größeren Exponat verbunden. Die Einrichtung für die Sodawasserherstellung stammt aus der Sodawasserfabrik der Familie Lorenc aus Rychnov nad Kněžnou.

„Die Familie hat uns die Maschinen als ein Andenken an ihre Großeltern geschenkt. Die Kommunisten hatten ihre Fabrik beschlagnahmt und das Haus, wo die Familie wohnte, in Brand gesetzt. Die Maschinen sind erhalten geblieben nur aus dem Grund, weil sie zu der Zeit in einem Magazin gelagert und nicht mehr genutzt wurden. Als die Nachkommen der Fabrikbesitzer unser Museum besuchten, boten sie uns die Maschinen an und sagten, sie wären froh, wenn sie hier ausgestellt würden.“

Eine Etage höher wird es im Museum etwas lauter, es rollt und klappert. Den Webstuhl erkennt jeder Laie, schwieriger ist es mit der Maschine daneben, die Pavel Tacl in Bewegung bringt. Es sei eine der drei Leinölpressen, die in Tschechien ausgestellt sind:

„Eine solche Presse ist im Freilichtmuseum auf Veselý kopec und eine andere im Freilichtmuseum in Rožnov in der mährischen Walachei zu sehen. Und die dritte ist hier, sie stammt aus einer Manufaktur aus dem mährischen Karlov. Die Leinsamen wurden zuerst in dieser Maschine verschrotet.“

Die Seiler- und die Sattlerwerkstatt kann man gleich nebenan besichtigen. Bevor im Speicher das Museum eingerichtet wurde, wurde dort ein wertvoller Fund gemacht, erzählt Pavel Tacl:

„Hier wurde ein Schlitten gefunden, den Graf Marcolini aus Dresden auf seine Herrschaft Kyšperk in den 1820er Jahren mitgebracht hat. Letohrad hieß nämlich bis 1950 Kyšperk. Den Schlitten soll Napoleon am 14. Dezember 1814 beim sächsischen Minister Graf Marcolini hinterlassen haben. Napoleon flüchtete in diesem Schlitten damals aus Russland über Warschau und Posen nach Dresden. Der Sohn des sächsischen Ministers Peter Marcolini-Feretti brachte den wertvollen Schlitten hierher. Auch Marcolini war eigentlich schon ein Hobbysammler. Den Schlitten stellte er hier als eine historische Rarität aus, die an Napoleon erinnerte.“

Zum Museum gehören noch eine Dauerausstellung landwirtschaftlicher Technik, die Schlosser- und Klempnerwerkstatt sowie eine Schmiede, ein Sägewerk mit drei historischen Gattersägen und daneben die Werkstätten eines Tischlers, Fassbinders und Wagners.

Unter den ausgestellten Holzprodukten sind zwei bewundernswerte Transportmittel nicht zu übersehen: einen historischen Skibob und einen monströsen Schlitten, der mit einem Lenkrad ausgestattet ist:

„Dies ist das Erzeugnis eines Wagners aus Kunčice. Auf den Schlitten setzten sich drei bis vier Leute. Der vorne Sitzende sollte lenken, falls er genug Kraft dazu hatte. Es wird erzählt, dass das Verkehrsmittel meistens irgendwo im Graben landete, weil es mit den Passagieren so schwer war, dass praktisch niemand das Lenkrad bewegen konnte. Ich habe ein Foto, auf dem vier Leute darauf sitzen, und da war es unmöglich, so etwas zu lenken.“

Museumsleiter Pavel Tacl kann nicht nur viele Geschichten erzählen, die mit den Exponaten verbunden sind, sondern die ausgestellten Maschinen auch in Betrieb setzen. Seit 2009 veranstaltet er immer im Juli den so genannten „Handwerkersamstag“, zu dem Vertreter interessanter Handwerksberufe aus ganz Tschechien nach Letohrad kommen. In diesem Jahr wird am 9. Juli das Handwerkertreffen stattfinden. Das Museum ist das ganze Jahr hindurch täglich geöffnet, vom April bis Oktober von 9 bis 17 Uhr, vom November bis März von 9 bis 16 Uhr.

Fotos: Archiv des Museums des Handwerks in Letohrad