Kamenice - Heimatfluss des Lachses

23-11-2002

Keine Stadt, keine Burg, kein Kulturdenkmal, sondern ein Fluss ist Ziel unser heutigen Wanderung: ein Fluss, in dessen Wellen nach einer ein halbes Jahrhundert dauernden Pause wieder die Lachse zu Hause sind. Nach Nordböhmen, zu den Ufern des Flüsschens Kamenice, begleiten Sie in den nächsten Minuten Gerald Schubert und Markéta Maurová.

Das Flüsschen Kamenice-Kamnitz ist wohl die bekannteste Attraktion des Nationalparks "Böhmische Schweiz" im äußersten Norden der Tschechischen Republik. Vor allem die Bootsfahrten, die man in der Edmund-Klamm und in der Wilden Klamm bereits seit 1890 unternehmen kann, ziehen zahlreiche Touristen an. Doch über diese Kamnitz-Bootsfahrten werden wir ein anderes Mal erzählen. Heute wollen wir uns einem ganz anderen Unikum widmen, das dieser Strom bietet: den Lachsen. Diese Wassernomaden waren seit jeher in tschechischen Flüssen zu Hause. Noch in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts lebten sie im Wasser der Elbe, der Orlice, aber auch in der Moldau und der Otava, doch später verschwanden sie. Die letzten Lachse in der Elbe wurden 1947 unter der Burg Strekov (Schreckenstein) und ein Jahr später bei Lovosice (Lobositz) gefangen. Den allerletzten tschechischen Lachs erblickte ein Fischer in Südböhmen, und zwar in der Otava, im Jahre 1953. Als Ursachen für das Verschwinden der Lachse gelten die Wasserverschmutzung sowie der Aufbau von Wehren, Talsperren und Wasserwerken, die für den stromauf- und stromabwärts ziehenden Fisch eine unüberwindbare Hürde darstellen (das erste Wehr wurde 1934 unter der Burg Strekov gebaut).

Wie ein Wunder wirkte daher eine Nachricht, die im November aus Nordböhmen kam: die Lachse seien zurückgekommen. Es handelte sich dabei um die ersten zehn Tiere, man hofft jedoch, dass sich ihnen in den kommenden Jahren weitere Duzende und vielleicht sogar Hunderte anschließen. Pavel Benda, der stellvertretende Direktor des Nationalparks Böhmische Schweiz kommentiert das Ereignis lakonisch:

"Ich nenne dies die größte Sensation des beginnenden 21. Jahrhunderts."

Und Pavel Benda fügt hinzu:

"Ich habe einen schönen Lachs in der Hand getragen und ich habe mehrere Lachse gestreichelt."

Natürlich sind die Lachse nicht zufällig wieder in Nordböhmen erschienen. Es handelt sich um das Ergebnis eines Projekts, an dem sich der Nationalpark Böhmische Schweiz, der Tschechische Fischerverband und die Natur- und Landschaftsschutzagentur der Tschechischen Republik beteiligen. Seit 1998 wurden hunderttausende junge Lachse in der Kamenice, der Ploucnice und der Ohre / Eger ausgesetzt. Sie wuchsen hierzulande auf und zogen elbeabwärts ins Meer. Der Instinkt befiehlt den Lachsen jedoch, nach gewisser Zeit an ihren Geburtsort zurückzukommen, um dort zu laichen. Wohin sie sich begeben sollen, erkennen sie nach Geruchsspuren im Wasser, das aus ihrem Geburtsbach oder Fluss ins Meer fließt. Experten haben daher angenommen, dass in diesem Jahr die ersten nordböhmischen Lachse wieder zu Hause erscheinen können.

"Dieses Jahr wurde berechnet. Ein Lachs bleibt zwei Jahre in unseren Flüssen, dann wandert er langsam in die Elbe und dann ins Meer, wo er zwei bis vier Jahre lang bleibt. Lachse ziehen in das Nordmeer, bis vor Island, wo sie ihre endgültige Größe erreichen und sich dann wieder zurückziehen. Der Instinkt ist sehr stark, und die Tiere haben keine Lust, sich irgendwo aufzuhalten. Ich glaube, ihre Rückreise dauert einige Wochen. Sie verlassen uns etwa 10 bis 15 Zentimeter groß und kehren mit einer Größe von mehr als 70 Zentimetern zurück."

Die Hoffnung und Erwartung der Fischer hat sich Ende Oktober erfüllt.

"Der Herbstzug der Lachse ist immer der stärkste. Wir haben geschätzt, dass nun die richtige Zeit gekommen ist. Außerdem wurde uns vorher von deutscher Seite gemeldet, dass der Zug langsam beginnt. Wir haben dreimal versucht, die Lachse zu fangen. Am 25. Oktober fand der erste Versuch statt. Damals haben wir keinen Lachs gefangen, aber sicher zwei gesehen. Es war ein fröhliches Ereignis, aber noch nicht das Richtige. Wir versuchten es erneut eine Woche später, am 31. Oktober, als es uns wirklich gelungen ist, vier Fische zu fangen. Das war ein unumstößlicher Beweis, dass die ersten tschechischen Lachse wieder bei uns sind. Und am 8. November wurde noch ein Lachs gefangen und ein weiterer beobachtet."

Es reicht jedoch nicht, die Lachse nur in den Fluss zu bringen. Man muss ihnen auch Bedingungen für ihr Leben und besonders ihre Züge schaffen. Wie schon gesagt wurde, stellen Wasserwerke und Wehre das größte Hindernis für die Lachse dar. Der Lachs kann zwar mittels kräftigem Schwanzschlag aus dem Wasser schnellen und bis zu 3 Meter hoch springen, doch höhere Hürden kann er nicht überwinden. Dort wo diese dem Fisch im Wege stehen, werden daher verschiedene Umwegkanäle bzw. Fischlifte errichtet.

Auch im Flüsschen Kamnitz leben die Fische derzeit nur im unteren Teil, vor der Mündung in die Elbe, denn es befinden sich dort zwei Wehre, die sie am weiteren Zug stromaufwärts hindern. Die Aufgabe dieser Wehre ist es, das Wasser zu stauen, damit dort die zu Beginn genannten Bootsfahrten betrieben werden können. Aufgabe der Mitarbeiter des Nationalparks für das kommende Jahr ist es daher, zwei Fischpässe aufzubauen. Wie kann man sich einen solchen Übergang vorstellen?

"Es ist eine Rinne mit einigen Scheidewänden, die den Wasserstrom korrigieren, so dass auch Ruhestellen entstehen. Bei der Stillen Klamm müssen diese Rinnen an die Felswand gehängt werden, weil es dort sozusagen kein Ufer gibt. Der Bau wird sehr kompliziert sein, sowohl technisch als auch organisatorisch. Wenn er uns gelingt, wird er in Tschechien keine Analogie haben, weil noch nirgendwo unter so extremen Bedingungen ein Fischübergang gebaut wurde."

Man knüpft in Nordböhmen an ein Projekt an, das bei den Nachbarn, im Nationalpark Sächsische Schweiz auf der deutschen Seite, bereits seit mehreren Jahren läuft. Dort wurde bereits 1994 mit der Lachs-Aktion begonnen. Die deutschen Fischer haben daher einen vierjährigen Vorsprung, und die Lachse tauchen dort schon zu Dutzenden, wenn nicht zu Hunderten wieder auf.

Die Lachse, die in den deutschen Flüsschen und auch in der Kamnitz ihre neue Heimat gefunden haben, stammen ursprünglich aus Schweden.

"In Schweden kommt gerade jene Art vor, die auch bei uns verbreitet war. Im schwedischen Fluss Lagan lebt eine sehr starke Lachspopulation. Es passiert daher gar nichts, wenn man dort einen Teil der Population abnimmt, künstlich laicht und an andere Orte Europas bringt. Damit das Projekt erfolgreich wird, müssen Zehntausende Jungfische an einem Platz ausgesetzt werden. Wir haben im letzten und in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Fischerverband jeweils über 80.000 junge Lachse ausgesetzt. Je mehr sie sind, desto höher ist die Chance, dass sie zurückkommen. Und ich nehme an, dass die Aktion mindestens 10 bis 15 Jahre lang ununterbrochen laufen muss, bis eine Population geschaffen wird, die keine Eingriffe mehr braucht."

Das war also der vielversprechende Blick in die Zukunft. Wie sah es aber in der Vergangenheit aus? Waren die Lachse in tschechischen Flüssen wirklich ebenso üblich, wie etwa die Karpfen in tschechischen Teichen?

"Ich erinnere mich, wie man uns in der Schule erzählte - und es wird sehr häufig zitiert - dass es zur Zeit Karls IV. einen Überschuss an Lachsen gab, so dass sich auch Dienstleute ausbedungen hatten, Lachsfleisch nicht häufiger als zweimal pro Woche zu essen. Dies wird überliefert, aber es stimmt nicht so genau. Während einiger Jahre war der Lachszug so stark, dass es hier wirklich eine große Menge dieser Fische gab, aber ich betone, es war dies nur von Zeit zu Zeit so, einmal in 20, 30 vielleicht 50 Jahren. Der Lachs war immer eine Delikatesse großer Herren. Und wenn man wilderte, dann war es einfach Fischereifrevel. Lachs war nie eine Speise für Untertanten, er war immer ein Gericht des Adels."

Herr Benda hat den sogenannten Fischereifrevel erwähnt. Dieser stellt auch in der heutigen Zeit ein ernsthaftes Problem dar. Der Wachdienst auf dem Gebiet des Nationalparks ist daher speziell beauftragt, sich damit zu beschäftigen, und auch Revierförster kontrollieren das Kamnitz-Gebiet. Während seiner Wanderung aus dem Ozean stromaufwärts ist der Lachs nicht so bedroht, weil die Lockspeisen der Fischer für ihn keine besondere Anziehungskraft haben.

"Es muss bemerkt werden, dass die Lachse, die zu uns ziehen, um sich hier zu vermehren, sehr wenig Nahrung aufnehmen. Die Gefahr, dass viele von ihnen am Angelhaken den Tod finden, ist nicht so groß. Es droht eher Gefahr, dass jemand die Lachse mittels Strom oder Netze abfängt."

Über die Lachse wird überliefert, dass sie durch die Hochzeitsreise in den Geburtsfluss und das Laichen dort ihre Lebensaufgabe erfüllen und danach sterben. Erfreulicherweise gilt dies jedoch nicht für alle Lachse:

"Dieser Atlantische Lachs, salmo salar, der mit dem Atlantik verbunden ist, ist eine andere Art. Ein Teil der Lachse stirbt, aber dies ist eher durch Erschöpfung verursacht und dadurch, dass sie sich beim Laichen ziemlich verletzen, und zwar beim Graben von Laichgruben, in die sie den Laich ablegen. Aber ein Teil überlebt, kehrt ins Meer zurück, und diese Lachse sind fähig, zweimal oder dreimal nach Hause zurückzukommen."

Soweit liebe Hörerinnen und Hörer unsere heutige Wanderung zu den Ufern der Kamenice (Kamnitz). Über die Lachse hat der stellvertretende Direktor des Nationalparks Böhmische Schweiz, Pavel Benda, erzählt und aus dem Studio verabschieden sich von Ihnen Gerald Schubert und Markéta Maurová.

23-11-2002