Jaromerice nad Rokytnou

Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, bei einer weiteren musikalischen Wanderung mit Radio Prag. Vielleicht erinnern Sie sich noch, dass wir vor einem Monat das Schloss Dolni Lukavice in Westböhmen besucht haben, wo Joseph Haydn als Kapellmeister wirkte. Auch heute ist ein Schloss unser Ziel, seine musikalische Tradition ist aber noch älter und reicht bis in die Barockzeit zurück. Das Schloss heißt Jaromerice nad Rokytnou und liegt in Südmähren. Wie sie gleich erfahren werden, ist mit diesem Schloss die Entstehung der ersten tschechischen Oper verbunden. Gute Unterhaltung wünschen Ihnen Olaf Barth und Marketa Maurova.

Schloß in Jaromerice (Foto: CzechTourism)Schloß in Jaromerice (Foto: CzechTourism) Die heutige Gestalt des Schlosses entstand in der Barockzeit, als es der Familie Questenberg gehörte und die berühmteste Etappe seiner Geschichte erlebte. Der Umbau ist ein besonderer Verdienst von Johann Adam Questenberg. Unmittelbar nach seiner dreijährigen Europa-Reise wählte er aus seinen Erbschaften in Böhmen und Mähren gerade Jaromerice als seinen Sitz. Es war nicht weit von Wien entfernt, wo er seit 1702 zum Dienst bei Hofe verpflichtet war und wo er gerade seinen Palast in der Sankt Johannesgasse (übrigens das heutige Gebäude des österreichischen Finanzministeriums) bauen ließ. In der selben Zeit plante er auch den Umbau des Schlosses in Jaromerice und dessen Umgebung, mit dem Ziel, eine repräsentative und bequeme Residenz zu schaffen, die sowohl seine Vorliebe für die bildenden Künste als auch seine großen Lieben - Musik und Theater - befriedigen könnte. Dieses persönliche Programm brachte sich der Graf aus seinem Aufenthalt in Frankreich mit: Während seines Besuchs in Versailles stellte er fest, dass das Interesse für die Architektur, die bildende Kunst, das Theater und die Oper unausweichlich zum Lebensstil eines richtigen Höflings gehört.

Porträt von Johann Adam Questenberg (Autor Jan Kupecky)Porträt von Johann Adam Questenberg (Autor Jan Kupecky) Eine enge Beziehung zur Musik entwickelte Johann Adam von Questenberg bereits in seiner Kinderjahren: während seines Aufenthalts in Frankreich lernte er Laute und Theorbe zu spielen und nach der Rückkehr ins Heimatland war er einer der hervorragendsten Lautner in der adeligen Gesellschaft. Er führte seine Kunst auch öffentlich vor. Auf seinem Schloss in Jaromerice hatte er darüber hinaus eine große Kapelle, die er ungefähr seit 1706 aus dem talentierten Dienstvolk zusammensetzte. Am Anfang konzentrierte sich die Questenberger Kapelle auf die Aufführung instrumentaler Musik. Der Graf führte sie jedoch absichtlich zu großen musikalisch-dramatischen Formen, wie Oper oder Bühnenoratorium. Er wollte nämlich auf seinem Schloss eine eigene Opernbühne schaffen.

Das Schauspieler- und Sängerensemble setzte sich überwiegend aus den Bewohnern der Questenberg-Herrschaften Jaromerice und Becov in Westböhmen zusammen. Mit der musikalischen Schulung der Untertanen wurde der Rektor von Jaromerice Vaclav Frey-Svoboda beauftragt. Wenn der Graf jedoch bei jemandem auf eine außerordentliche Begabung stieß, ließ er ihn in Wien ausbilden. Die Musiker und Sänger wirkten auch in der Kirche, bei Gastmahlen und Jagden, sie traten bei verschiedenen Gelegenheiten im Schlosspark auf und wurden oft auch zu Produktionen auf benachbarten Herrschaften eingeladen. Darüber, was in Jaromerice gespielt oder gesungen wurde, entschied Graf Johann Adam persönlich. Durch Vermittlung seiner aristokratischen Freunde wurde er über das Musikgeschehen besonders in Neapel, Venedig, Turin und Rom gut unterrichtet. Seinem Geschmack entsprach vor allem die italienische Oper des Neapel-Typs, die am kaiserlichen Hof in Wien intensiv gepflegt wurde. Der Graf war mit mehreren Komponisten persönlich bekannt und gab bei ihnen Opern für sein Schloss in Auftrag.

Musiksalon im Schloß in Jaromerice (Foto: Schloss Jaromerice nad Rokytnou)Musiksalon im Schloß in Jaromerice (Foto: Schloss Jaromerice nad Rokytnou) Eine wichtige Rolle bei der Verwirklichung der Pläne Johann Adam Questenbergs spielte ein Musiker aus Jaromerice namens Frantisek Vaclav Mica. Er war der begabteste Sohn des Orgelspielers Mikulas Mica. Im Alter von 14 Jahren trat Frantisek als Page im Questenberg-Palais in Wien ein. Ein Jahr später war er schon Mitglied der Palais-Kapelle und in den nächsten Jahren Schüler beim Komponisten Antonio Caldara, durch den er das Milieu der Wiener Hofoper kennen lernte. Seit 1723 lebte er in Jaromerice, wo er später die Leitung der Kapelle übernahm. Auf Wunsch des Grafen verfasste Mica Osteroratorien, gelegentliche Kantaten, allegorische Ballette und weitere Kompositionen. Von entscheidender Bedeutung war jedoch seine Tätigkeit im Jaromericer Operntheater. Er arbeitete dort als Dirigent und Regisseur, Verwalter der Kostüme und Bühnendekorationen, Chormeister des Opern- und Kirchenchors sowie Leiter des Ensembles auf dessen Reisen. Er war zudem für die Opernaufführungen verantwortlich. Zu diesen Zwecken passte er Partituren fremder Komponisten an die Möglichkeiten der Jaromericer Oper an, oder komponierte neue Arien und Chorgesänge.

1729 verfasste Mica auf Geheiß des Grafen seine eigene Oper. Sie erhält die zeitgenössischen Barockkonventionen und verarbeitet die Sage von der Gründung des Städtchens Jaromerice. Die Oper "L´Origine di Jaromeriz in Moravia" (Vom Ursprung von Jaromeriz in Moravia") wurde 1730 in Italienisch uraufgeführt. Einige Jahre später wurde der Text ins Tschechische übersetzt und damit ist die erste tschechische Oper überhaupt entstanden. Der Graf, der sich während des Jahres nur wenig in Jaromerice aufhielt, ließ sich vom Stand der Vorbereitungen der Opernvorstellungen berichten, die in der größten Blütezeit bis zu dreißigmal im Jahre stattfanden.

Die Barockoper war ohne entsprechende Bühnengestaltung und Erfindungskraft kaum denkbar - und Graf Questenberg sparte nicht daran. So entstand in Jaromerice ein hervorragend ausgestattetes Theater, und kleinere Theater wurden auch auf den Schlössern im westböhmischen Becov und im österreichischen Rapoltenkirchen errichtet. 1735 vollendete Johann Adam Questenberg den langjährigen Umbau des Schlossparks durch die Errichtung eines Gartentheaters auf einer Insel, die ein Kanal und das Flüsschen Rokytna vom Park trennten. Er ließ auf eigene Kosten mehrere Jünglinge aus der Umgebung in Malerwerkstätten der Wiener Hofoper ausbilden und stellte auch fremde, besonders italienische Maler ein, die sich an der Ausschmückung sowohl des Theaters als auch des Schlosses beteiligten. Mehrere Male gelang es ihm sogar, den berühmtesten Theaterkünstler jener Zeit, den kaiserlichen Theaterarchitekten Giuseppe Galli-Bibienu zur Zusammenarbeit zu gewinnen. Prachtvoll waren auch Theaterkostüme, an deren Entwürfen sich auch Questenbergs Tochter Marie Karolina beteiligte, die vom Vater die Liebe zur Musik geerbt hatte.

Durch den Tod Frantisek Vaclav Micas im Jahre 1744 verlor Graf Johann Adam seine wichtigste Stütze. Trotzdem bedeutete das nicht das Ende der Musik in Jaromerice und der Graf betrieb sein Theater auch nach 1740, als ihn die Kriege, die Kaiserin Maria Theresia führte, zu wesentlichen Sparmaßnahmen zwangen. Der Graf überlebte seine Töchter und hatte keinen Erben. So waren es gerade Musik und Theater, die die letzten Jahre seines Lebens angenehmer machten. Nach dem Tod des Grafs im Jahre 1752 löste die Questenberg-Witwe die Kapelle auf und beschloss damit das glanzvollste Kapitel in der Geschichte von Jaromerice .

So, liebe Hörerinnen und Hörer, damit endet die musikalische Geschichte von Jaromerice. Wenn Sie heute das Schloss besuchen, können Sie den erwähnten Park, aber auch das eigentliche Schloss besichtigen. Eine Besuchertrasse lädt zur Besichtigung von zwei Sälen und zehn Zimmern. Besonders der Ahnensaal, der Tanzsaal und der chinesische Salon bieten ein gutes Bild davon, wie das Schloss unmittelbar nach der Vollendung aussah.