Gedenkstätte Muttergottesberg: Zeitzeuge erinnert sich an die Internierung

22-06-2012

Das Barockkloster auf dem Muttergottesberg / Hora Matky Boží unweit der Stadt Králíky / Grulich war einst ein bekannter Wallfahrtsort. Während des Kommunismus wurde das Kloster jedoch in ein Konzentrationslager für Ordensmitglieder verwandelt. An die Geistlichen, die dort interniert waren, erinnert ein Museum, das im Klosterareal vor kurzem eröffnet wurde. In der Sendereihe „Reiseland Tschechien“ haben wir Ihnen die neue Gedenkstätte bereits vorgestellt und dabei versprochen, die Führung durch die Dauerausstellung fortzusetzen.

Kloster auf dem MuttergottesbergKloster auf dem Muttergottesberg Mehr als 500 Geistliche waren in den Jahren 1950 bis 1961 im so genannten „Konzentrationskloster“ auf dem Muttergottesberg eingesperrt. Petra Gabrielová ist Theologin und beteiligte sich an der Zusammenstellung einer Dauerausstellung in der neuen Gedenkstätte. Sie hat einige Persönlichkeiten aus den Reihen der Geistlichen ausgesucht, deren Schicksale in der Ausstellung ausführlich beschrieben werden:

„Wir wollten zeigen, welche Rolle die Internierung in ihrem Leben gespielt hat. Hier wird beispielsweise das Leben des Jesuitenpaters Antonín Zgarbík dokumentiert, des Vizeprovinzials des Jesuitenordens. Er war Opfer zweier totalitärer Regime. Er wurde schon während der Nazi-Zeit eingesperrt, weil er ausländische Radiosender gehört hatte. Die Freiheit hatte Zgarbík nicht lange genießen können. 1950 wurde er in das Internierungskloster in Želiv eingewiesen und von dort aus 1956 nach Králíky weitergeschickt. 1960 hat man ihn in einem Schauprozess zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte dann große gesundheitliche Probleme und starb 1965 nach einem Asthmaanfall im Gefängnis in Valdice.“

Dominik Duka und Benedikt HolotaDominik Duka und Benedikt Holota An der feierlichen Eröffnung der Gedenkstätte nahmen auch einige der ehemaligen Gefangenen teil. Der heute 89-jährige Franziskaner Benedikt Holota ist in den tschechischen christlichen Kreisen auch als Schriftsteller bekannt geworden. Er war 28, als er in das Konzentrationskloster auf dem Muttergottesberg geschickt wurde.

„Hier waren damals Priester von verschiedenen Kirchenorden inhaftiert, aber vor allem wurden viele Theologiestudenten nach Králíky eingewiesen. Ich hatte damals nur vier Semester Theologiestudium hinter mir, denn ich bin Konvertit und fing erst spät mit dem Studium an. Wir wurden immer auf das Feld zur Arbeit gefahren. Dort haben wir den Aufseher ein bisschen provoziert. Ich habe ihn gefragt: ´Bruder, es würde mich sehr interessieren, was du machen würdest, wenn jetzt jeder von uns in eine andere Richtung fliehen würde. ´ Er bat uns: ´Jungs, flüchtet nicht, sonst würde ich zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt werden´. Wir sind also nicht geflüchtet. Eigentlich wir waren froh, dass hier Vertreter verschiedener Kirchenorden waren, denn das war meiner Meinung nach einzigartig. Kein Bischof hat es später geschafft, ein Treffen von allen Kirchenorden zu organisieren. Aber die Kommunisten, die haben das geschafft.“

´Ich war kein Held´´Ich war kein Held´ Die Jahre im Konzentrationskloster seien für ihn eine bestimmende Lebenserfahrung gewesen, meint der Franziskaner. Nach vielen Jahren habe ihn das Oberhaupt der Franziskaner im Vatikan aufgefordert, die Erinnerungen an die Jahre der Internierung in einem Buch niederzuschreiben.

„Ich habe das Buch ´Ich war kein Held´ genannt. Denn ich war wirklich kein Held. Damals hatte man oft Angst gehabt. Es gab Situationen, in denen wir froh waren, dass wir überlebt haben. Und doch habe ich auch schöne Erinnerungen an Králíky, denn wir haben hier auch heimlich studiert. Gemeinsam mit uns eingesperrt war hier beispielsweise der bekannte tschechische Bibelforscher und Übersetzer Pavel Škrabal. Er hat uns viel beigebracht. Schöne Erinnerungen habe ich auch an das Weihnachtsfest, denn wir hatten wirklich gar nichts – aber haben es gemeinsam im Geiste gefeiert. Eine Weihnachtskrippe haben wir auf ein Stück Papier gezeichnet. Es waren hier auch mehrere ältere Geistliche eingesperrt, für die war der Aufenthalt schon sehr hart. Wir haben immer versucht, sie ein bisschen aufzumuntern.“

Kloster auf dem MuttergottesbergKloster auf dem Muttergottesberg Die eingesperrten Geistlichen hatten Benedikt Holota zufolge gar keine Kontakte nach draußen. Auch wenn sie in der Landwirtschaft arbeiten mussten, waren sie immer unter strenger Aufsicht. Trotz den harten Jahren im Internierungskloster ist der 89-jährige Franziskaner aber nicht verbittert. Er erinnert sich noch an eine Episode aus den 1950er Jahren, über die man schmunzeln kann:

„Bei der Arbeit hat sich einer der Mitbrüder an der Hand verletzt. Als er zum Ambulanzraum ging, begegnete er dem Bevollmächtigten, der das Internierungskloster leitete. Dieser schaute auf den blutenden Finger und grinste: ´Na, ja, wieder ein Ungeschickter. ´ Als er mit dem verbundenen Finger den Ambulanzraum wieder verließ, traf er den Bevollmächtigten erneut, diesmal rannte der mit blutender Hand hin. Er hatte die Gefangenen bei der Arbeit beobachtet und sich unvorsichtig an einer Maschine verletzt. Da fragte ihn der Geistliche: ´Zeigen Sie mal, Herr Leiter, was ist denn passiert? ´ Und als er die blutende Hand gesehen hat, sagte er nur: ´Na, ja, geschickt. ´ Der Mann warf ihm nur einen bösen Blick zu und hat geschwiegen. Wir haben Manches erlebt. Wichtig ist, das alles aus geistlicher Sicht zu bewältigen.“

In der Dauerausstellung der Gedenkstätte ist eine kleine Zeichnung von Benedikt Holota zu sehen. Dazu erklärt der Kurator der Gedenkstätte, Richard Sicha:

„Wir sind sehr froh, dass er uns diese kleine Karikatur geschenkt hat. Die Stadt am Fuße des Muttergottesbergs heißt Králíky – im Tschechischen bedeutet ´králíky´ Kaninchen. Auf dem Bild ist ein Kaninchenstall und aus jedem Fensterchen des Stalls guckt ein Kaninchen raus. Unter jedem der Kaninchen ist der Name eines Ordensangehörigen sowie die Abkürzung des Ordens angegeben.“

Die Gedenkstätte für verfolgte Geistliche auf dem Muttergottesberg ist vom Mai bis Oktober täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Vom November bis März kann man die Gedenkstätte nach vorheriger Anmeldung besichtigen.

Fotos: Autorin

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