Der jüdische Friedhof von Mladá Boleslav

17-05-2019

Mladá Boleslav /Jungbunzlau in Mittelböhmen hat einen der am besten erhaltenen jüdischen Friedhöfe in Tschechien. Er wurde im späten 15. Jahrhundert angelegt und umfasst rund anderthalbtausend Gräber. Die Friedhofsbauten sowie einige Grabsteine wurden nach der Jahrtausendwende renoviert. Eine kleine Ausstellung dokumentiert das Leben der einstigen jüdischen Gemeinde von Mladá Boleslav, die zeitweilig bis zu einem Drittel der Stadtbevölkerung ausmachte.

Ältester Teil des jüdischen Friedhofs (Foto: Maria Hammerich-Maier)Ältester Teil des jüdischen Friedhofs (Foto: Maria Hammerich-Maier)

Jaromír Žák (Foto: Maria Hammerich-Maier)Jaromír Žák (Foto: Maria Hammerich-Maier) Die Lage des jüdischen Friedhofs von Mladá Boleslav ist pittoresk. Man betritt ihn von der alten Prager Straße über eine Steinstiege beim Verwalterhaus, dann windet sich der Weg den Hügel hinan, begrenzt von alten Grabstelen, die dicht wie eine Mauer nebeneinander gesetzt sind. Oben öffnet sich der Blick auf das vorspringende Felsplateau gegenüber, auf dem die Burg und die Altstadt von Mladá Boleslav liegen. Der Verwalter, Jaromír Žák, kümmert sich tagtäglich um den Friedhof. Er weiß über viele Details genau Bescheid.

„Wir haben hier 1418 Stelen, die direkt auf Grabstätten stehen. Im Laufe der Jahrhunderte wurden mit Sicherheit mehr als 2000 Tote auf dem hiesigen jüdischen Friedhof bestattet. Erstmals erwähnt werden Juden in Mladá Boleslav im Jahr 1471. Es ist also anzunehmen, dass es Ende des 15. Jahrhunderts hier schon einen Friedhof gab“, so Žák.

Ursprünglich war dieser jedoch bedeutend kleiner. Erst 1870/71 wurde er auf die jetzige Fläche von 13.400 Quadratmetern erweitert. Damals legte man auch den Zugangsweg zum neuen, oberen Teil an und befestigte diesen zum Schutz vor Erdrutschen mit alten Grabsteinen. Bald darauf, im Jahr 1889, wurde die Zeremonienhalle errichtet. Der achteckige Bau wird durch einen laternenförmigen Dachaufbau belichtet.

Zeremonienhalle restauriert

Zeremonienhalle (Foto: Maria Hammerich-Maier)Zeremonienhalle (Foto: Maria Hammerich-Maier) Bei der Renovierung nach der Jahrtausendwende wurde die ursprüngliche Gestalt des Gebäudes wie auch der Innenausstattung weitgehend wiederhergestellt. Jaromír Žák:

„Als die Stadt die Zeremonienhalle nach der Wende von 1989 an die jüdische Gemeinde zurückgab, war sie selbstverständlich nicht in ihrem heutigen Zustand. Die Inschriften an den Wänden waren beschädigt, und es regnete herein. Sehen Sie, hier ist noch der ursprüngliche Fußboden, und dort ist er neu gemacht, da war er zerstört. Man hat also die Inschriften erneuert, das Dach abgedichtet, die Einrichtung renoviert und eine kleine Ausstellung über das Leben der jüdischen Gemeinde Mladá Boleslavs installiert.“

Erst im 20. Jahrhundert entstand das Leichenhaus, in dem die Toten für die Bestattung vorbereitet wurden. Der in zwei Kammern gegliederte Bau aus dem Jahr 1937 ist ein seltenes Beispiel funktionalistischer Architektur auf einem jüdischen Friedhof. Wertvollstes Ausstattungsstück ist ein steinerner Tisch, der zur rituellen Waschung der Toten diente. Wandtafeln zeigen jüdische Bestattungsriten. Bei der bislang letzten Bestattung erfolgte die rituelle Reinigung allerdings schon zuvor in Prag. Damals, im Dezember 2015, wurde der Bildhauer Aleš Veselý feierlich beigesetzt. Seine Vorfahren waren mehrere Generationen hindurch in Mladá Boleslav ansässig gewesen. Aleš Veselý sei lange Zeit im Ausland bekannter gewesen als in seiner Heimat, so der Friedhofsverwalter:

Steintisch für rituelle Reinigung (Foto: Maria Hammerich-Maier)Steintisch für rituelle Reinigung (Foto: Maria Hammerich-Maier) „Erst nach 1989 konnte Veselý wieder bildende Kunst unterrichten und im Inland ausstellen. Sein letztes Werk stellt ein Gleis dar, das in den Himmel führt. Diese Skulptur steht auf dem Bahnhof Bubny, denn von dort wurden viele Juden in die Konzentrationslager deportiert.“

Das Werk trägt den Namen „Tor zum Jenseits“. Aleš Veselýs Skulpturen stehen auf öffentlichen Plätzen und in führenden Kunstsammlungen auf der ganzen Welt.

Künstler, Gelehrte, Unternehmer

Ein weiterer bedeutender tschechisch-jüdischer Künstler aus Mladá Boleslav war František Gellner. Das Geburtshaus des Lyrikers steht noch heute in der Altstadt. 1914 wurde František Gellner an die galizische Front geschickt und galt danach als verschollen. In den Jahrhunderten davor brachte die jüdische Gemeinde Mladá Boleslav viele deutschsprachige gelehrte Rabbiner und Künstler hervor. Erwähnt sei hier der Publizist Moritz Hartmann. Auch eine schillernde Persönlichkeit aus dem Umkreis des Wiener Kaiserhofes ist auf dem jüdischen Friedhof in Mladá Boleslav bestattet: Jakob Bassevi. Den mächtigen Finanzier und Berater des Feldherrn Albrecht von Waldstein (seit Schiller bekannt als „Wallenstein“, Anm. d. Red.), verschlug es im Frühjahr 1634 nach Mladá Boleslav.

Grab von Jakob Bassevi (Foto: Maria Hammerich-Maier)Grab von Jakob Bassevi (Foto: Maria Hammerich-Maier) „Jakob Bassevi hielt sich zu jener Zeit auf seinem Gut in Jičín auf. Dort erfuhr er, dass Albrecht von Waldstein, der seine schützende Hand über ihn gehalten hatte, ermordet worden war. Er versuchte daraufhin, nach Prag zu gelangen. Auf der Reise suchte er Zuflucht im jüdischen Ghetto in Mladá Boleslav. Drei Monate nach Albrecht von Waldsteins Ermordung ist er hier eines natürlichen Todes gestorben. Bassevis Frau wollte die Reise nach Prag offenbar fortsetzen, doch sie verstarb ebenfalls und ist auf dem jüdischen Friedhof in Brandýs nad Labem bestattet“, erzählt Jaromír Žák.

Bassevis barocker Grabstein besteht aus Marmor. Die Inschrift und das Dekor sind daher trotz der Verwitterung noch gut zu erkennen. Einzigartig für jüdische Gräber jener Zeit ist das Wappen im Kopfteil der Grabstele. 1622 wurde Bassevi der Namenszusatz „von Treuenberg“ sowie ein Wappen zuerkannt; eine Erhebung in den Adelsstand ist gleichwohl in den Quellen nicht ausdrücklich erwähnt. Die meisten Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof sind nicht aus Marmor, sondern aus Sandstein gefertigt. Der Verwalter:

„Nicht alle Juden waren reich. Und Mladá Boleslav ist auf Sandstein gebaut. Es gibt hier viele Sandsteinbrüche. Der Sandstein aber nimmt im Laufe der Zeit Wasser auf und gibt es wieder ab, sodass er zu zerbröseln beginnt. Daher sind viele Inschriften kaum mehr zu entziffern.“

Grabmale im neueren Teil (Foto: Maria Hammerich-Maier)Grabmale im neueren Teil (Foto: Maria Hammerich-Maier) Viele neuere Gräber sind auch aus Granit. Im Laufe der Jahrhunderte änderte sich die Sprache der Inschriften. Während die ältesten Grabsteine durchweg hebräisch beschriftet sind, wurden ab dem 18. Jahrhundert zweisprachige Inschriften üblich. Die Personendaten der Verschiedenen sind auf vielen Grabsteinen in Deutsch angeführt. Die religiösen Texte auf der Vorderseite wurden dagegen weiterhin in Hebräisch gehalten. Im 20. Jahrhundert ging man zunehmend zu tschechisch-hebräischen Inschriften über. Aufschlussreich sind die Namens- und Berufssymbole auf den Stelen.

„Das Symbol der Familie Kohen sind zwei segnende Hände. Dieses Zeichen kommt hier auf dem jüdischen Friedhof nur einmal vor. Kannen lassen sich dagegen sowohl bei alten als auch bei neueren Gräbern recht häufig finden. Es gab also offenbar in Mladá Boleslav viele Personen levitischer Abkunft“, so Friedhofsverwalter Žák:

Symbole (Foto: Maria Hammerich-Maier)Symbole (Foto: Maria Hammerich-Maier)

Voluten (Foto: Maria Hammerich-Maier)Voluten (Foto: Maria Hammerich-Maier) An symbolischen Tiermotiven kommen Hirsche, Fische, Löwen und Bären vor. Dekoriert wurden die Grabstelen oft mit Voluten, also schneckenförmigen Verzierungen. Sie sind an der Oberseite der Grabsteine angebracht, schmücken die Fläche um die Inschrift oder schließen die Pilaster auf beiden Seiten der Grabsteine ab.

Lebendiges Gedenken

Heute gibt es in Mladá Boleslav keine jüdische Gemeinde mehr. Die jüdischen Einwohner der Stadt und ihrer Umgebung wurden ab 1940 in der Burg Mladá Boleslav interniert und von dort nach Theresienstadt sowie in die Vernichtungslager nach Polen deportiert. Nach Kriegsende kehrten nur einige wenige zurück. Die Synagoge, ursprünglich ein wertvoller Renaissancebau, wurde 1962 abgerissen. Ein Davidstern im Pflaster kennzeichnet ihren einstigen Standort im jüdischen Viertel.

Denkmal von Mike Frankl und Hana Samson (Foto: Maria Hammerich-Maier)Denkmal von Mike Frankl und Hana Samson (Foto: Maria Hammerich-Maier) Der jüdische Friedhof zeugt in eindrucksvoller Weise von der historischen Rolle der jüdischen Einwohner Mladá Boleslavs. Diese würdigt nicht zuletzt ein Denkmal, das die Geschwister Mike Frankl und Hana Samson 2018 errichten ließen. Ihre Vorfahren mütterlicherseits hatten über 200 Jahre lang in Mladá Boleslav gelebt. Das Denkmal ist ihren Verwandten und generell all jenen gewidmet, die im Zweiten Weltkrieg ermordet wurden. Jaromír Žák erinnert sich noch gut an den Besuch von Hana Samson:

„Vor ein paar Jahren kam sie aus London und erzählte mir die Geschichte der Familie Haurowitz. Als sechsjähriges Kind gelangte sie 1939 mit ihrer Mutter nach London zu ihrem Vater, der bereits dort war. Der Großvater, Julius Haurowitz, und die Großmutter, Maria Haurowitz, blieben in Mladá Boleslav.“

Julius und Maria Haurowitz überlebten den Krieg nicht. Hana Samson ist Bildhauerin. Sie hat die Skulptur auf der Gedenksäule geschaffen. Ihre drei Figuren verkörpern die Hoffnung, die Verzweiflung und die Denunziation.

17-05-2019