Das weiße Gold aus Klášterec

13-09-2019

Was für die Deutschen das sächsische Meißen ist, ist für die Tschechen die Gegend um Karlovy Vary / Karlsbad. Noch heute ist die Region ein Zentrum der Porzellanproduktion. Führend ist dabei die Manufaktur Thun mit ihren Betriebsstätten in Nová Role / Neurohlau, Lesov / Lessau und Klášterec nad Ohří / Klösterle. In der letztgenannten Kleinstadt kann man in einem Museum die Geschichte der Porzellanproduktion bewundern.

 Porzellan der Marke „Thun“ (Foto: Klára Stejskalová) Porzellan der Marke „Thun“ (Foto: Klára Stejskalová) Das Schloss war bis 1945 im Besitz der Adelsfamilie Thun, seit den 1950er Jahren ist dort das Museum für Porzellan (Foto: Klára Stejskalová)Das Schloss war bis 1945 im Besitz der Adelsfamilie Thun, seit den 1950er Jahren ist dort das Museum für Porzellan (Foto: Klára Stejskalová)Es ist schon etwas diesig und grau am Fuße des Erzgebirges um diese Jahreszeit. Und auch Klášterec nad Ohří scheint etwas traurig zum Ende des Sommers und in den ersten herbstlichen Tagen. Für Farbe sorgt jedoch das Schloss in der nordwestböhmischen Kleinstadt, die nur wenige Autominuten von Karlovy Vary entfernt liegt. Es strahlt nämlich in warmen Rottönen. Der Bau hat eine lange und bewegte Geschichte, mit der sich Kristýna Sladomelová sehr gut auskennt. Sie ist Kuratorin des Porzellanmuseums im Schloss:

„Im Jahr 1514 ließ Wolf-Dietrich Vitzthum eine Festung an diesem Ort erbauen. Ende des 16. Jahrhunderts wurde dieser ursprüngliche Bau zu einem Renaissance-Schloss mit vier Flügeln und einem Turm erweitert. 1621 schließlich wurde der Besitz der Vitzthums konfisziert, weil sie am damaligen Ständeaufstand teilgenommen hatten.“

Ein neuer Schlossherr war aber recht schnell gefunden. Denn die Region war nicht nur strategisch interessant, sondern auch reich an Rohstoffen. Heilsames Mineralwasser sprudelt aus den Quellen rund um Klášterec, und in den Bergen finden sich Eisen und Kupfer, aber auch Kaolin. Und gerade dieses weiße Gestein wird der Stadt in den Folgejahren seinen Stempel aufdrücken. Genauso übrigens wie die neuen Herren im Schloss Klášterec – es war das Adelsgeschlecht Thun:

„1623 wurde die Anlage dem österreichischen Adeligen Christoph Simon Thun verkauft. Klášterec oder Klösterle blieb dann bis 1945 im Besitz der Familie. Unter den Thuns wurde das Schloss mehrmals umgebaut, es brannte aber auch dreimal nieder. Nach dem letzten Feuer im Jahr 1856 wurde es ein weiteres Mal radikal umgestaltet. Seitdem glänzt es im Stil der Neogotik.“

Das älteste Stück im Museum ist die Tasse mit Untertasse „Vivat Böhmen“ aus dem Jahr 1794 (Foto: Klára Stejskalová)Das älteste Stück im Museum ist die Tasse mit Untertasse „Vivat Böhmen“ aus dem Jahr 1794 (Foto: Klára Stejskalová)

Vom „Vivat Bohemia“ zum Weltprodukt

Die Kuratorin des Porzellan-Museums Kristýna Sladomelová (Foto: Klára Stejskalová)Die Kuratorin des Porzellan-Museums Kristýna Sladomelová (Foto: Klára Stejskalová) Im ausgehenden 18. Jahrhundert suchte die Familie Thun von Hohenstein eine neue Einnahmequelle. In der Umgebung wurden zu jener Zeit die ersten Porzellanmanufakturen errichtet, und in Klášterec sollte bald auch eine stehen:

„Der Gründer der Porzellan-Manufaktur in Klösterle war Johann Nikolaus Weber. Im Jahr 1794 begann er mit den ersten Experimenten. Dazu bekam er von der Familie Thun Wasser, Holz und ausreichend Land. Die ersten Versuche führte Weber in der Sala Terrena im Schlosspark durch.“

Im April 1794 wurde schließlich die Grundlage für die spätere Manufaktur gelegt. Damals kam nämlich der erste Ofen nach Klášterec, in dem das „weiße Gold“ mit seinen ursprünglich kobaltblauen Verzierungen gebrannt werden sollte.

„Aber das erste Porzellanstück entstand schon früher. Es ist eine Tasse mit Untertasse, die den Namen ‚Vivat Böhmen‘ bekommen hat. Das Set befindet sich immer noch bei uns im Schloss und ist im Porzellan-Museum zu besichtigen.“

Weitere Exponate des Porzellan-Museums (Foto: Klára Stejskalová)Weitere Exponate des Porzellan-Museums (Foto: Klára Stejskalová) Nikolaus Weber legte allgemein den Grundstein für die Porzellanherstellung in Klášterec nad Ohří. Die Teller und Tassen aus der dortigen Manufaktur überholten von der Qualität her die Produkte aus den anderen böhmischen Manufakturen. Und das, obwohl diese bereits einige Jahre vorher entstanden waren. So schuf Weber das wichtigste wirtschaftliche Standbein der Region sowie ein Unternehmen mit Weltruf:

„Schon ab 1795 wurde in der hiesigen Manufaktur hochwertiges Porzellan hergestellt. Im Jahr 1801 starb Nikolaus Weber jedoch und der Betrieb wurde direkt von der Familie Thun übernommen. Den Namen Thun trägt die Fabrik hier übrigens bis heute.“

Hohe Qualität mit Tradition

Weitere Exponate des Porzellan-Museums (Foto: Klára Stejskalová)Weitere Exponate des Porzellan-Museums (Foto: Klára Stejskalová) Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie Thun-Hohenstein auf Grundlage der Beneš-Dekrete enteignet und der Betrieb fiel dem Staat zu. Die Produktion lief weiter und hielt die Qualität auf hohem Niveau. Die Porzellanmanufaktur Thun kann somit auf eine nunmehr 225 Jahre alte Tradition blicken, auf die Klášterec durchaus stolz sein kann:

„Die Porzellanfabrik in Klášterec ist die älteste in Tschechien, die auch heute noch produziert. Gegründet wurde sie zwar als die zweite hierzulande, doch die erste Manufaktur hat den Betrieb bereits eingestellt. Gegenwärtig gehört die Fabrik in Klášterec zur Aktiengesellschaft ‚Thun 1794‘, die ihre Betriebe außerdem in Nová Role, also Neurohlau, und Lesov hat.“

Die überhaupt erste böhmische Porzellan-Manufaktur entstand übrigens in Horní Slavkov / Schlaggenwald, und zwar schon im Jahr 1789. Auch sie produzierte bis in die Gegenwart, die Fabrik wurde jedoch wegen Misswirtschaft im Jahr 2011 geschlossen. Ein Wiederbelebungsversuch durch eine kleine Prager Firma scheiterte im Jahr 2014.

Weitere Exponate des Porzellan-Museums (Foto: Klára Stejskalová)Weitere Exponate des Porzellan-Museums (Foto: Klára Stejskalová)

Eine Rundgang durch die Geschichte des Porzellans

Weitere Exponate des Porzellan-Museums (Foto: Klára Stejskalová)Weitere Exponate des Porzellan-Museums (Foto: Klára Stejskalová) In die lange Geschichte des Unternehmens Thun, aber auch der böhmischen Porzellanproduktion insgesamt, kann man im eigens dazu eingerichteten Museum eintauchen.

„Im Jahr 1945 ging das Schloss in den Besitz des Staates über, seit 1953 gibt es hier ein Museum des Porzellans. Dieses ist mittlerweile das größte Porzellan-Museum in Böhmen. Seit 1993 schließlich gehört das ganze Areal der Stadt.“

Kuratorin Kristýna Sladomelová kennt die Highlights.

„Insgesamt haben wir hier 25 Räume voll mit Porzellan zu sehen, wobei die Stücke aus der Vergangenheit und der Gegenwart stammen. In zwei Räumen ist Porzellan aus China ausgestellt, in zwei weiteren dann Exponate aus Japan. In einem weiteren Saal sind dann schließlich die ältesten Werke der europäischen Porzellan-Kunst zu sehen. Die übrigen 21 Räume sind dann dem böhmischen Porzellan gewidmet, wobei wirklich wunderschöne Sachen hier ausgestellt sind. Dabei können sie – wie ich bereits erwähnt hatte – das erste Service aus Klášterec bewundern, aber auch Erzeugnisse aus den übrigen Betrieben in Böhmen.“

Das Porzellanmuseum in Klášterec nad Ohří ist in den Monaten April bis September täglich von 9:00 bis 17:00 geöffnet. In den Monaten Oktober bis März kann man es lediglich von Mittwoch bis Sonntag besuchen, und das auch nur bis 15:00 Uhr. Der Eintritt kostet 150 Kronen (sechs Euro), für Kinder und Senioren gibt es aber Ermäßigungen.

13-09-2019