Bergsynagoge in Hartmanice wurde wieder geöffnet (II.)

17-06-2006

Die Synagoge in der Stadt Hartmanice ist eine der wenigen Synagogen im ganzen Böhmerwald, die die Nazi-Zeit und auch das kommunistische Regime überlebt haben. Dank dem Bürgerverein "Pamatnik Hartmanice" wurde das fast zerfallene Gebäude renoviert. Über die feierliche Eröffnung der Gedenkstätte, die dort eingerichtet wurde, haben wir in der letzten Ausgabe der Sendereihe "Reiseland Tschechien" berichtet. Dabei haben wir versprochen, im nächsten "Reiseland" ein Gespräch mit der Kuratorin der in der Synagoge installierten Ausstellung, Tereza Bruchova, zu bringen. Nach Hartmanice lädt Sie in den folgenden Minuten Martina Schneibergova ein.

Tereza Bruchova (Foto: Autorin)Tereza Bruchova (Foto: Autorin) Die so genannte Bergsynagoge in Hartmanice ist eine der wenigen Synagogen in der Region, die erhalten geblieben sind und die einzige, die wenigstens als eine Gedenkstätte dienen kann. Einst gab es im Böhmerwald etwa sechzig Synagogen. Das Gebetshaus in Hartmanice wurde um 1880 erbaut. Tereza Bruchova, die Kuratorin der in der Synagoge installierten Ausstellung, fragte ich danach, wie groß damals Hartmanice war und wie viele Einwohner die Stadt hatte:

"Damals lebten hier etwa 900 Menschen und wenigstens 100 davon waren Juden. Sie bildeten einen signifikanten Bestandteil der hiesigen Gemeinschaft."

Sie haben bereits den Unternehmer Bloch erwähnt, lebte hier damals ein weiterer wichtiger Unternehmer?

Synagoge Hartmanice vor der Renovierung (Foto: Offizielle Web-Seite von Hartmanice)Synagoge Hartmanice vor der Renovierung (Foto: Offizielle Web-Seite von Hartmanice) "Die Fabrik des Unternehmers Bloch war hier die bekannteste und zugleich die größte Fabrik. Einige Kilometer von Hartmanice entfernt - in Chlum / Chumo gab es eine Filiale dieser Fabrik. Dort wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Spiegel hergestellt. Die Glasplatten wurden dann nach Hartmanice gebracht und mit dem Spiegelmaterial überzogen. Diese Spiegel wurden in verschiedene Länder auf der ganzen Welt ausgeführt. Die Ausstellung beschreibt die Erfolge dieser Firma, es hieß damals: die Hartmanitzer Firma exportiert in die ganze Welt. Man kann hier verschiedene Dokumente von der Firma sowie ihr Logo und anderes mehr besichtigen."

Wie entwickelte sich das Schicksal der jüdischen Bevölkerung dieses Städtchens seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts, sind neue Bewohner hinzugekommen?

"Die jüdischen Bewohner von Hartmanice sind hier praktisch bis zum Anfang des Zweiten Weltkriegs geblieben. Die jüdische Gemeinde ist jedoch seit den zwanziger Jahren immer kleiner und kleiner geworden. Aus den hiesigen Dokumenten wissen wir, dass die Synagoge an die jüdische Gemeinde in Susice / Schüttenhofen angegliedert wurde. Juden, die hier in der Region geblieben sind, sind Opfer des Nazi-Regimes geworden. Wir verfügen über Dokumente, in denen man Namen von hiesigen Juden findet, die in den Konzentrationslagern ermordet wurden."

Wie kommt es, dass die Synagoge die Nazi-Zeit überlebt hatte?

Synagoge Hartmanice (Foto: Autorin)Synagoge Hartmanice (Foto: Autorin) "Die Synagoge überlebte, aber sie wurde in eine Tischlerei umgebaut. Man kann sich das kaum vorstellen, aber dort, wo jetzt die Frauengalerie beziehungsweise ein Balkon ist, da wurde ein Geschoss hinein gebaut. Vieles wurde geändert. Dort, wo Aron ha-kodesh ist, wurde eine Tür eingebaut, die in den Garten führte. Die Zehn Gebote wurden abgerissen und als Treppen in den Garten genutzt, wo sie mehrere Jahrzehnte lang lagen, um später entdeckt zu werden. Aber paradoxerweise sind sie deswegen erhalten geblieben. Die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof unweit von Hartmanice haben dagegen nicht überlebt, man findet dort heute keinen einzigen mehr. Vor der Synagoge steht heutzutage eigentlich einer dieser Steine. Der wurde aber erst vor einigen Tagen gefunden."

Während des kommunistischen Regimes befand sich Hartmanice in der Nähe der im Grenzgebiet eingerichteten militärischen Sperrzone. Damals diente die Synagoge, wie ich gehört habe, der Armee ...

Synagoge Hartmanice (Foto: Offizielle Web-Seite von Hartmanice)Synagoge Hartmanice (Foto: Offizielle Web-Seite von Hartmanice) "Während der kommunistischen Zeit hat das Baudenkmal wieder gelitten. Ich habe von den Stadtbewohnern gehört, dass die Synagoge in ein Lager verwandelt wurde, wo die Armee Reifen gelagert hat. Die hiesigen Kinder haben da oben Tischtennis gespielt. Deswegen kannten sie das Gebäude gut. Aber sonst gab es hier niemanden, der sich um das Gebäude gekümmert hätte."

Angeblich wollte man die Synagoge abreißen, aber es mangelte damals an Geld, um sie abreißen zu können. Das war eigentlich noch ein Glück.

"Ja, das ist ein weiteres Paradox - sie wurde nicht abgerissen, weil es an finanziellen Mitteln gemangelt hat. Nach der Wende von 1989 wurde die Synagoge an die jüdische Gemeinde in Plzen / Pilsen zurückgegeben. Dort mangelte es leider auch an Geld, und deswegen wurde sie an mehrere Inhaber verkauft, bis sie von Michal Klima entdeckt wurde. Seit 2002 kann man schon über ein glücklicheres Schicksal des Baudenkmals sprechen. Die Bürgerinitiative ´Pamatnik Hartmanice´ sorgte danach für eine gründliche Renovierung des Gebäudes."

Foto: AutorinFoto: Autorin Danach wurden Sie als Kuratorin mit der Vorbereitung von Ausstellungen in diesen Räumlichkeiten beauftragt. Mit wem arbeiteten Sie dabei zusammen?

"An den Forschungen über das Zusammenleben von Tschechen, Deutschen und Juden im Böhmerwald beteiligten sich mehrere Menschen. Wir arbeiteten mit Professor Tomas Jilek von der Westböhmischen Universität in Pilsen zusammen. Außerdem haben wir auch weitere Forscher kontaktiert. Es gibt inzwischen viele Materialien, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Anhand dieser Unterlagen sowie anhand von Materialien, die wir von der Bewohner von Hartmanice bekamen, haben wir die Ausstellung zusammengestellt."

Stimmt es, dass einige Dokumente, die Hartmanice betrafen, sogar in Jerusalem gefunden wurden?

Foto: AutorinFoto: Autorin "Der Begründer der Bürgerinitiative Michal Klima ist vor etwa zwei Jahren nach Jerusalem gefahren, um in den Archiven zu suchen. Er hat dort interessante Dokumente gefunden, die sich unter anderem auf die hiesige jüdische Gemeinde beziehen. Das sind Dokumente wie beispielsweise ein Ehevertrag - die so genannte ´ketuba´ - oder Dokumente, die die Kinder betreffen, die hier geboren sind. Es gibt darunter auch einige persönliche Briefe, die an den Rabbiner geschrieben wurden. Unter diesen historischen Quellen gibt es auch Schriftstücke aus der Nazi-Zeit, darunter beispielsweise viele Seiten, die sich nur mit der Synagoge und ein paar Reichsmark befassen. Das war so eine Maschinerie von Stempeln und Regeln, dass es fast unglaublich ist. Die Synagoge wurde damals konfisziert und an den hiesigen Tischler - Herrn Pelikan - verkauft."

Heute wird die Synagoge nicht mehr als Gebetshaus benutzt. Soll sie eher als ein Kulturraum dienen?

"Ja, genauso haben wir es geplant. Die Synagoge soll ein neues Leben anfangen. Im Herbst dieses Jahres wird hier eine Konferenz über das Zusammenleben von Tschechen, Deutschen und Juden im Böhmerwald stattfinden. Außerdem werden hier Konzerte veranstaltet, Theaterstücke aufgeführt und Seminare organisiert."

Für diejenigen, die die Synagoge besichtigen möchten, ist der folgende Hinweis bestimmt. Das Gebetshaus ist täglich außer montags von 9 bis 18 Uhr geöffnet, bis Ende Juni kann es aus Betriebsgründen ohne vorherige Anmeldung nur am Freitagnachmittag und am Wochenende besichtigt werden. (An den anderen Tagen kann man eine Führung unter der Telefonnummer 00420 606 802 992 bestellen.)

17-06-2006