Becov nad Teplou (Petschau)

Gleich zwei Folgen unserer Touristiksendung wollen wir dem kleinen westböhmischen Städtchen Becov nad Teplou (Petschau an der Tepl) widmen. Die Gemeinde, früher verödet und traurig, erwacht heute zu neuem Leben und verdient ohne Zweifel unsere Aufmerksamkeit: Sie beherbergt nämlich in ihrem Schloss einen Schatz, dessen Wert mit dem der Krönungskleinodien des böhmischen Königreiches verglichen wird. Mehr werde ich aber nicht verraten. Hören Sie selbst die folgende Sendung mit und von Markéta Maurová.

Schloss in Becov nad TeplouSchloss in Becov nad Teplou Eine mächtige Burg überrascht und begrüßt jeden, der durch das einsame, aber umso reizvollere Tal des Flusses Tepla aus Karlsbad stromaufwärts fährt. Sie ragt auf einem Felsenkamm majestätisch empor und steigt von dort aus allmählich ab - über einen Renaissanceflügel, ein Barockschloss und dessen Gartenterrassen, bis zum Stadtring des malerischen Städtchens Becov-Petschau. Ich traf in der Stadt eines heißen Tages in diesem Sommer ein. In der Mittagshitze war die Stadt völlig menschenleer. Der einzigen Frau begegnete ich vor der Kirche:

"Ich lebe mehr als 50 Jahre in Petschau. Was kann ich Ihnen von der Kirche sagen? Sie wurde dem hl. Georg geweiht. Hier oben sehen Sie das Wappen der Herren, die sie errichten ließen. Wir haben hier einen sehr wertvollen Leidensweg, da er mit Kohle gemalt wurde. Und es gibt hier auch eine prächtige Orgel. Wir haben aber keinen Organisten. Nur zu größeren Festen spielt hier der Organist aus Tepl, der hier in unserer Musikschule unterrichtet."

Becov nad TeplouBecov nad Teplou Dies erzählte mir Helena Ponertová, die Witwe des Petschauer Mesners, in der angenehmen Kühle des leider ziemlich schäbigen Gotteshauses. Wie sie sich beklagte, kämen nicht viele Leute hierher. In der Stadt kann man des weiteren ein schönes Barockrathaus besichtigen oder aber das Museum besuchen, in dem u.a. alte Spielzeuge und Motorräder ausgestellt sind. Ein schöner Blick auf die Stadt und Burg bietet sich jedem, der bis zum Friedhof auf einer Anhöhe aufsteigt. Übrigens, sein alter und verwüsteter deutscher Teil bekommt dieser Tage in Zusammenarbeit mit den in Deutschland lebenden Landsleuten eine neue, ehrwürdige Gestalt.

Die Stadt wirkt heute ziemlich verschlafen, in der Geschichte war sie jedoch der Sitz wichtiger Bezirksämter, eines Gerichts, Hauptmannsamtes und Steueramtes. Bis heute hat dort überraschend eine Musikschule überlebt. Mit deren Tradition machte mich der Bürgermeister Frantisek Neuwirth bekannt.

"Wir haben hier kürzlich den 115. Jahrestag der Musikschule gefeiert, die einst mit dem Prager Konservatorium verglichen wurde, und auch den 200. Geburtstag von Josef Labický. Dieser Mann war ein bedeutender Komponist zur Strauss-Zeit und Direktor des Kur-Symphonie-Orchesters in Karlsbad. Die Musiktradition ist aber wesentlich älter, sie reicht mehrere Jahrhunderte zurück. In Karlsbad gab es Orchester, die für Kurbesucher spielten. Hier in der Umgebung wurden Handwerke gepflegt, die allmählich ausstarben, und man musste nach einem neuem Beruf suchen. Und deshalb wurde hier eine Musikschule zur Erziehung neuer Musiker gegründet."

Nachdem ich mich in der Stadt umgesehen hatte, begab ich mich ins Schloss, das sich an den Stadtring anschließt. Im rosa-angestrichenen Gebäude des ehemaligen Burggrafensitzes wartete die energische Leiterin der Petschauer Schlossführer, Dagmar Kalasova, auf mich, und begann, über die Geschichte Petschaus zu sprechen. Bereits im frühen Mittelalter stand an der Stelle der heutigen Kirche ein Zollhaus, das die Kreuzung wichtiger Landstraßen bewachte:

"Die erste schriftliche Erwähnung Becovs stammt aus dem Jahre 1314. Damals stand hier eine Burg, die von den Gutsherren von Osseck gegründet worden war. Im 15. Jahrhundert wurden die Burg und die umfangreiche Herrschaft von Pluh von Rabstejn gekauft. Dieses Geschlecht wurde aus dem Ertrag der Silber- und Zinnberggruben in der Umgebung sehr reich und war eine der reichsten und mächtigsten Familien im Lande."

Da aber Kaspar Pluh von Rabstejn an der Spitze des Aufstands der böhmischen Stände gegen den Habsburger Ferdinand I. stand, wurde sein Besitz nach der Niederschlagung der Revolte konfisziert. In den nachfolgenden Jahrhunderten wechselte das Gut mehrmals seinen Besitzer und verlor allmählich an Bedeutung. Im 18. Jahrhundert ließ die Familie Kaunitz ein spätbarockes Schloss unter der Burg errichten, das heute der einzige zugängliche Teil der Anlage ist, da die mächtige Burg renoviert wird. Als Markstein in der neuzeitlichen Geschichte des Guts Petschau gilt das Jahr 1813, als es vom belgischen Herzog Friedrich Beaufort-Spontin gekauft wurde. Gerade dieser Familie verdanken wir Exponate und Möbel im Schloss, die wir heute beim Rundgang besichtigen können. Im Erdgeschoss wird der Besucher zunächst in die Bibliothek eingeführt.

"Diese Bibliothek befindet sich in ursprünglichem Zustand und ist im klassizistischen Stil eingerichtet. Es gibt hier um die 20 Tausend Bände, vor allem in Französisch, Deutsch, Lateinisch. Es handelt sich um Enzyklopädien, Lexika, Lehrbücher, Reisebeschreibungen und Atlanten, religiöse Bücher und auch Poesie."

Die klassizistische Ausschmückung wird durch Marmorbüsten römischer Staatsmänner an Fenstern und durch den einzig erhaltenen Kachelofen im Schloss ergänzt. Außerdem kann man sich auf einem Gemälde mit der Beaufort-Familie bekannt machen. Ein weiteres Porträt eines Familienmitglieds - des Herzogs Friedrich August Beaufort-Spontin als 13jähriger Jüngling im Jägeranzug - hängt im Gang in der obersten Etage. Dort beginnt auch der Rundgang durch einige Schlosszimmer und Säle.

"Die Familie Beaufort-Spontin widmete sich dem Sammeln von Kunstgegenständen. Hier im Schloss Becov konzentrierte sie eine Sammlung von Bildern, Gobelins, Porzellan und anderen Kunstgegenständen, die sie auf Märkten und Auktionen in ganz Europa kauften. Leider ist hier nur ein kleiner Teil davon erhalten geblieben."

An den Wänden des ersten Zimmers sehen wir Bilder aus der Graphik-Sammlung der Familie.

"Sie wurden nach Vorlagen von Angelika Kaufmann geschaffen. Sie war eine interessante Persönlichkeit, verfügte über breite Kenntnisse aus den verschiedensten Bereichen. Angelika lebte und arbeitete praktisch in ganz Europa, beherrschte mehrere Sprachen, traf sich mit der prominenten Intelligenz, war auch mit Goethe befreundet. Und sie war auch eine beliebte, modische Porträtistin. Dem Adel lag daran, gerade von Angelika Kaufmann porträtiert zu werden."

Die Besichtigung wird in einem Zimmer fortgesetzt, das mit Sitzmöbeln im Stil "Louis XVI." eingerichtet ist. Meine Aufmerksamkeit zogen dort aber vor allem die Gobelins an den Wänden auf sich:

"Das Geschlecht Beaufort-Spontin brachte auf unser Schloss unter anderem auch eine Kollektion wertvoller Gobelins. In diesem Salon können wir zwei davon sehen. Sie gehören dem Zyklus "Davids Leben" an. Auf dem größeren ist David als Kämpfer und auf dem kleineren bereits als König dargestellt. Diese Gobelins sind etwa 300 Jahre alt und wurden in Belgien, in Brüssel gewoben. Die Brüsseler Manufaktur produzierte Gobelins für die vornehmsten Adels- und Herrscherfamilien Europas. Es handelte sich um eine sehr aufwendige Angelegenheit."

Zur Beaufort-Sammlung gehörten natürlich auch Gemälde. Einige davon, u.a. wertvolle Porträts eines Ehepaars aus dem Jahre 1610, sieht man im sog. Saal der spanischen Porträts. Nach dessen Besichtigung führte mich Dagmar Kalasova in den Sakralteil des Schlosses.

"Wir befinden uns nun in der Sankt-Peter-Kapelle. Der hl. Peter war Patron der Familie Beaufort-Spontin. Die Kapelle befindet sich im achteckigen Teil des Schlosses. Sie ist in byzantinischem Stil ausgemalt, die Kuppel schmücken goldene Sterne auf blauem Hintergrund. Hier vorne haben wir einen interessanten Altar. Oben steht eine vergoldete Inschrift "Altare privilegiatum", d.h. dass dieser Altar privilegiert war und eine größere Bedeutung als andere Kirchen- und Klosteraltare hatte."

Unsere Sendung neigt sich ihrem Ende zu und Sie sagen sich vielleicht - na ja schön - am Anfang wurde aber doch von einer Sensation, einem prächtigen Schatz riesigen Wertes gesprochen. Strengst bewacht ruht dieser in einem Tresor im ersten Stockwerk des Turms, zwischen der Kapelle und der Bibliothek: das goldene Reliquiar des hl. Maurus aus dem 13. Jahrhundert. Von der Geschichte dieser Kostbarkeit, von deren Versteck und Wiederentdeckung, Restaurierung und Ausstellung, zu der es im Frühling dieses Jahres kam, werden wir aber erst nächstes Mal sprechen. Für heute verabschieden sich von Ihnen Silja Schultheis und Markéta Maurová.