Bauernmöbel und Fabelwesen wie bei Tolkien

23-11-2018

Volyně / Wolin liegt etwa zehn Kilometer südlich der südböhmischen Bezirksstadt Strakonice. Das historische Zentrum des Städtchens steht unter Denkmalschutz. In einem der historischen Bauten ist das Regionalmuseum untergebracht.

Marktplatz von Volyně (Foto: Chmee2, Wikimedia Commons, CC BY 3.0)Marktplatz von Volyně (Foto: Chmee2, Wikimedia Commons, CC BY 3.0) Der Bus hält auf dem Marktplatz von Volyně, direkt vor dem Rathaus mit einer auffallenden Sgrafiti-Fassade. Nicht weit entfernt steht die Festung, in der das Stadtmuseum seinen Sitz hat. Volyně hat nur 4000 Einwohner, sein Museum ist jedoch weit über die Grenzen der Region bekannt. Museumsleiter Karel Skalický verwaltet nicht nur die Sammlungen, sondern veranstaltet auch Ausstellungen, Jazzkonzerte und Wanderungen durch die Umgebung von Volyně. Sein Enthusiasmus ist bewundernswert und vermutlich auch ansteckend. Karel Skalický hat eine klare Vorstellung von der Arbeit eines Museums.

„Ein Regionalmuseum sollte sich in erster Linie mit der Region beschäftigen. Das ist das Prinzip, das wir vertreten. Ein derartiges Museum sollte nichts Oberflächliches nur aus dem Grund anbieten, um höhere Besucherzahlen zu erlangen. Das heißt, wir konzentrieren uns auf die Stadt und ihre Umgebung in allen Zusammenhängen, von den ältesten Berichten bis zu den gestrigen Ereignissen. Wir versuchen mit unserer Arbeit, alles Vergangene zu dokumentieren und beschreiben. Unser Team ist sehr klein, und genauso eingeschränkt sind unsere finanziellen Möglichkeiten. Aber eine fachlich gut konzipierte und visuell ansprechende Ausstellung lässt sich auch mit niedrigem Budget verwirklichen. Wir haben derzeit beispielsweise eine Ausstellung über den Tabakanbau im Böhmerwaldvorland, über das Tabakschnupfen, Kauen sowie das Rauchen in der Vergangenheit.“

Zeichnung von Bohumil Ullrych (Foto: Martina Schneibergová)Zeichnung von Bohumil Ullrych (Foto: Martina Schneibergová) Das Gespräch mit dem Museumsleiter entstand vorwiegend im kleinsten Saal der Festung. Es ist übrigens auch der einzige Saal, in dem geheizt wird. Gezeigt werden dort Zeichnungen von Bohumil Ullrych (1893-1948), einem Künstler aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er ist als Maler der Gegend am Fluss Otava bekannt geworden.

„Diese Schau zeigt Zeichnungen, die einen Ausflug auf den Berg Boubín dokumentieren. Ullrych unternahm ihn mit seinen Schwestern und seinem Freund, dem Maler Alois Moravec, 1916. Mit den Zeichnungen beschrieb Ullrych mit viel Humor seine Erlebnisse von der Böhmerwald-Wanderung. Auf den Bildern hat der Künstler zudem einige Zitate im deutschen Böhmerwald-Dialekt notiert.“

Die Werke von Maler Ullrych wurden von einem Privatsammler für die Ausstellung ausgeliehen. Skalický bemüht sich seinen Worten zufolge jedoch, möglichst viele Ausstellungen aus den Sammlungen des Museums zusammenzustellen.

Erinnerungen, Burgen und Malereien

Museumsgebäude (Foto: Martina Schneibergová)Museumsgebäude (Foto: Martina Schneibergová) Das Museum wurde in einem früheren Speicher eingerichtet. Das ganze Areal wird „Festung“ genannt. Man könnte es aber auch als Burg bezeichnen, sagt Skalický.

„Es handelt sich eigentlich um einen befestigten Verwaltungssitz der Herrschaft Volyně. Die ältesten Berichte über Volyně stammen aus dem 13. Jahrhundert. Das Prager Domkapitel verlieh 1299 dem Ort das Stadtrecht. Gleich neben der Festung befindet sich die Allerheiligenkirche, früher war sie dem heiligen Wenzel geweiht. Den Landespatron Wenzel trägt die Stadt auch in ihrem Wappen. Ursprünglich stand an dem Ort ein befestigtes Burgareal. Das Gebäude, in dem das Museum untergebracht ist, ist eigentlich der einstige Burgpalast.“

Karel Skalický (Foto: Martina Schneibergová)Karel Skalický (Foto: Martina Schneibergová) Karel Skalický und seine Mitarbeiter bemühen sich nicht nur, die Sammlungen des Museums zu erweitern, sondern auch die Erinnerungen der Bewohner aufzuzeichnen. Der Museumsleiter:

„Mein Vorgänger im Amt war der Ethnograph und Dudelsackspieler Josef Režný. Er war in unserer Region ein Pionier, was die Aufzeichnung von Erinnerungen der Bewohner anbelangt. Er hat zudem Volkslieder gesammelt. Auch wir zeichnen Erinnerungen verschiedener Persönlichkeiten für die Zukunft auf.“

Zu den bekannten Persönlichkeiten aus Volyně gehört die Malerfamilie Boháč. Vater Maxmilián Boháč (1854-1928) war Zimmermaler und ein guter Aquarellist. Er hatte drei Söhne, die alle künstlerisch begabt waren.

Alois Boháč: Auf Schaukel (Foto: Archiv des Stadtmuseums in Volyně)Alois Boháč: Auf Schaukel (Foto: Archiv des Stadtmuseums in Volyně) „Maxmilián wurde 1882 geboren, Alois war Jahrgang 1885. Sie waren beide akademische Maler. Der jüngste Sohn Josef, geboren 1890, war Bildhauer. In unseren Sammlungen befinden sich Werke von allen drei Brüdern. Maxmilián war ein hervorragender Landschaftsmaler. Wir haben viele seiner Skizzen aus dem Böhmerwald hier im Museum. Er hat zudem große Gemälde angefertigt, diese haben einen symbolistischen Anhauch. Mehrere dieser Werke befinden sich in unseren Sammlungen. Allerdings müssten die Bilder restauriert werden. Dafür haben wir aber nicht das nötige Geld. Alois Boháč hat auf seinen Gemälden eine spezielle Märchenwelt geschaffen. Er malte verschiedene Phantasiewesen, die er selbst als seine ‚Lieblinge‘bezeichnet hat. Wir haben vor einigen Jahren eine große Ausstellung aus seinem Werk zusammengestellt. Viele Besucher haben bei den Bildern an Tolkien gedacht. Doch Boháč hat seine Gollums noch vor Tolkien gemalt.“

Die ganze Familie Boháč hat Kunstgegenstände und ethnografische Gegenstände gesammelt. Vieles aus ihrem Nachlass befindet sich in den Museumssammlungen.

Bauernmöbelsammlung (Foto: Martina Schneibergová)Bauernmöbelsammlung (Foto: Martina Schneibergová)

Karge Landschaft mit viel Stil

Museum in Volyně (Foto: Martina Schneibergová)Museum in Volyně (Foto: Martina Schneibergová) Volyně wird manchmal als das „Tor zum Böhmerwald“ bezeichnet. In der Stadt war schon vor fast 100 Jahren der „Tschechische Wanderverein“ sehr aktiv. Der Museumsleiter:

„Der Verein war der erste, der die Wanderwege im ganzen Böhmerwald mit Wegweisern ausgestattet hat. Er hat auch in den deutschsprachigen Gebieten Berghütten gebaut, darunter an der Moldauquelle, in Lenora (deutsch Eleonorenhain, Anm. d. R.). Geplant war auch eine sogenannte Baude in Kubova Huť (dt. Kubohütten, Anm. d. R.).“

Aus dem Böhmerwald und dem Vorland des Böhmerwaldes stammen zudem bunt bemalte Bauernmöbeln, die im Museum zu sehen sind. Gezeigt werde nur eine kleine Auswahl von Möbeln aus den Sammlungen, sagt Karel Skalický:

Bauernmöbelsammlung (Foto: Martina Schneibergová)Bauernmöbelsammlung (Foto: Martina Schneibergová) „Unsere Bauernmöbelsammlung gehört zu den größeren dieser Art hierzulande. Wir zeigen hier Möbel aus tschechisch- und deutschsprachigen Gegenden. Dieser Schrank stammt aus Michlova Huť / Helmbach. Früher gab es dort eine Glashütte. Der Ort gehört heutzutage zu Vimperk. Gezimmert wurde der Schrank in Volary (Wallern, Anm. d. R.) oder in Horní Vltavice (Obermoldau).“

Jede der Tischlerwerkstätte hatte dem Experten zufolge ihren eigenen Stil. Die mit grüner Farbe bemalten Schränke seien für die Gegend von Podlesí typisch. Anders sehen wiederum Möbel aus Vacov / Watzau oder aus der Gegend von Prácheň / Prachen aus. Neben Schränken werden auch schöne bemalte Truhen gezeigt.

„Die beiden Truhen stammen aus dem deutschsprachigen Gebiet um Prachatice. Die Bilder, die auf einigen der Schränke gemalt worden sind, erinnern an Hinterglasmalereien. Der eine wurde vermutlich in Vimperk (Winterberg) hergestellt, der andere in Michlova Huť.“

Das Stadtmuseum hat vor einiger Zeit Kontakte zum Bauernmöbelmuseum in Hirschbach im Mühlkreis geknüpft. Mit dem Museum in Oberösterreich arbeitet das Stadtmuseum von Volyně gemeinsam an einem gemeinsamen Projekt.

 

Das Stadtmuseum in Volyně ist bis April täglich außer sonntags von 9 bis 16 Uhr geöffnet und samstags von 11 bis 17 Uhr. Von Mai bis September sind die Öffnungszeiten außer montags von 9 bis 17 Uhr zugänglich.

23-11-2018