Bauernhof als Museum: Michalův statek in Pohleď

19-08-2016

Die Gemeinde Pohleď / Pochled liegt auf der Böhmisch-Mährischen Höhe, nahe der Stadt Havlíčkův Brod / Deutschbrod. Es ist eine Gegend, wo der Winter lang und hart ist und wo das Leben schon immer nicht einfach war. Heute hat das Dorf rund 70 Einwohner. Vor 150 Jahren wohnten dort noch mehr als 250 Menschen. Eine Vorstellung davon, wie die Bauern vor ein paar Jahrhunderten in Pohleď gelebt haben, können sich die Besucher im zum Museum umgebauten Bauernhof machen, der nach den ursprünglichen Besitzern, der Familie Michal, benannt wurde.

Michalův statek (Foto: Martina Schneibergová)Michalův statek (Foto: Martina Schneibergová) Pohleď liegt auf einem Hügel am rechten Ufer des Flusses Sázava. Mit der Bahn fährt man aus Prag etwas über zwei Stunden zu dem kleinen Ort. Von der Bahnhaltestelle geht es auf einem gelb markierten Wanderweg durch den Wald hinauf zur Straße, die durch die Gemeinde führt. Das Dorf wird durch das Schulgebäude aus dem 19. Jahrhundert und ein Glockenturm aus Holz dominiert. Der Name der Gemeinde Pohleď bedeutet auf Deutsch etwa „Sieh her!“ Bürgermeister Jindřich Holub macht jedoch noch auf eine andere Bedeutung des Wortes aufmerksam:

„Pohleď beschreibt im Alttschechischen ebenfalls einen Ort, an dem man eine gute Aussicht hat. Von hier aus bietet sich ein schöner Blick auf das Sázava-Tal. Die ersten Erwähnungen von Pohleď stammen vom Anfang des 15. Jahrhunderts. Sie betreffen einen Streit, der ein gewisser Mikeš von Hřebeč aus Pohleď mit dem Kloster Vilémov hatte. Zudem gibt es eine Notiz von 1591. Im sogenannten ´Register der Herrschaft Světlá´ ist von elf hier niedergelassenen Nachbarn die Rede. Einer von ihnen war der Vogt. Dieser hatte doppelt so viele Grundstücke als die anderen Bewohner. Zu den damaligen Bewohnern gehörte schon ein gewisser Michal.“

Nationales Kulturdenkmal

Michalův statek (Foto: Martina Schneibergová)Michalův statek (Foto: Martina Schneibergová) Michalův statek – zu Deutsch Bauernhof Michal – befindet sich inmitten des Dorfes. Etwa 15 Generationen dieser Familie haben über die Jahrhunderte auf dem Gut gelebt und gewirtschaftet. Familie Michal gehörte der Bauernhof bis in das Jahr 2000. Damals habe die Gemeinde ihn von den Töchtern des letzten Besitzers gekauft, erzählt Bürgermeister Holub:

„Ursprünglich sollte da eine Pension errichtet werden. Als wir den Bauernhof in Stand setzten, entdeckten wir in den Häusern viele historische Elemente. Wir entschieden uns, den Hof in ein Bauernmuseum zu verwandeln. Eröffnet wurde es 2004. Seit zwei Jahren ist Michalův statek ein nationales Kulturdenkmal.“

Der Großteil des Bauernhofs stammt aus dem 18. Jahrhundert, erzählt Jindřich Holub. Er ist nicht nur Bürgermeister der Gemeinde, sondern auch Verwalter des Museums. Darüber hinaus führt er die Touristen durch den historischen Ort. Im Haus gegenüber des Haupteingangs werden Eintrittskarten und Souvenirs verkauft. Zudem befindet sich dort eine kleine Gaststätte, in der über dem Tisch die Kopie eines historischen Dokuments hängt. Jindřich Holub dazu:

„Einer unserer Vorfahren, Mikeš z Pohledi, sowie sein Sohn Petr schlossen sich der Beschwerde gegen die Verbrennung von Jan Hus an. Eine Kopie des Briefes ist hier ausgestellt, die Siegel der beiden Herren hängen an der Urkunde.“

Heilige Ecke

Jindřich Holub (Foto: Martina Schneibergová)Jindřich Holub (Foto: Martina Schneibergová) Durch ein Tor geht es ins Freilichtmuseum. Zum Bauernhof gehörten 18 Hektar Felder:

„Der Großteil der Gebäude waren Wirtschaftsgebäude. Nur etwa 25 Prozent der Häuser wurden als Wohnräume genutzt. Wir beschreiben hier etwa den Zeitraum vom Ende des Dreißigjährigen Kriegs bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts.“

Der einzige Raum, in dem geheizt wurde, war die Stube im Haus links vom Eingang, erzählt Jindřich Holub:

„Der Ofen sah früher etwa so aus wie der Ofen hier bei der Tür. Es gab einen Backofen, in dem Brot gebacken wurde. In der Nische zwischen dem Ofen und der Tür gab es das sogenannte ´krbeček´. Es war eigentlich ein kleiner Kamin, der den Raum beleuchtet hat. Sonst wurden Fackeln zur Beleuchtung des Zimmers benutzt. Gegenüber dem Ofen stand ein Tisch, dahinter befand sich die sogenannte ´heilige Ecke´. Dort hingen an der Wand einige Heiligenbilder und das Kreuz. Der Glaube hat den Menschen damals sehr viel bedeutet. Sie haben für die Gesundheit und die Ernte gebetet und gehofft, dass der Herr Gott sie ihnen gibt. Heutzutage beten wir in Böhmen kaum noch für eine gute Ernte, wir verlassen uns eher auf Versicherungen.“

Im 19. Jahrhundert blühte das Dorf auf

Michalův statek (Foto: Martina Schneibergová)Michalův statek (Foto: Martina Schneibergová) In der anderen Ecke stand ein Bett, aber die Menschen schliefen damals auch auf den Bänken oder auf dem Ofen. Die Anzahl der Bewohner des Hauses war unterschiedlich. Nach dem Dreißigjährigen Krieg lebte im ganzen Haus nur ein junges Paar mit einem kleinen Kind. Dagegen im 19. Jahrhundert blühte das Dorf richtig auf, erzählt Bürgermeister Holub.

„Das Dorf hatte damals rund 280 Einwohner. Es gab hier 25 Anwesen, zwei Gasthäuser, zwei Geschäfte und einige Handwerker. Heute leben hier 74 Menschen. Es gibt eine kleine Gaststätte mit einem winzigen Laden.“

Von der Stube geht es in die schwarze Küche und in die Speisekammer. Die Kammer war ein sehr kalter Raum, in dem Lebensmittel und verschiedene Instrumente aufbewahrt wurden. Aus der Kammer führte die Tür direkt in den Stall. Über den Hof gelangt man in den Speicher:

„Während oben das Getreide und Mehl gespeichert wurde, platzierte man unten kleinere Instrumente und Geräte. Die Bäuerin kümmerte sich nicht nur um das Feld und die Küche, sondern auch um die Bekleidung. Auf dem Feld wurde auch Leinen gepflanzt. Dieser wurde zu Hause bearbeitet genauso wie die Schafswolle.“

Das Bauernmuseum Michalův statek ist vom Juni bis August täglich außer Montag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Im Mai und im September ist der Bauernhof am Wochenende von 10 bis 17 Uhr zugänglich. Im April und Oktober ist es auch am Wochenende möglich, das Freilichtmuseum in der Zeit zwischen 10 und 17 zu besichtigen. In diesen Monaten muss man sich allerdings vorher bei Bürgermeister Holub anmelden.

Die Leinpflanzen wurden aus dem Boden gerauft und getrocknet, das Stroh dann gebrochen und der Kern in kleine Stücke zerkleinert. Aus den Fasern wird Garn gesponnen.

Aus dem Speicher geht es in den Schuppen, in dem das Holz gelagert wurde. Zudem hat man dort Feldgeräte abgestellt. Jindřich Holub führt den Besuchern des Museums vor, wie Schindeln gemacht werden. Er bemerkt:

„Das Bauernmuseum haben wir aus dem Grund errichtet, damit die Menschen nicht vergessen, wie früher auf einem Bauernhof gelebt und gearbeitet wurde. Ich finde es wichtig, dass auch Kinder und jüngere Leute eine Vorstellung darüber bekommen, wie es hier einst funktioniert hat.“

19-08-2016