Barockes Theater pur

Das Schlosstheater in Český Krumlov / Krumau ist eines der ältesten erhaltenen Barocktheater Europas. Die Ausstattung und Maschinerie stammen noch aus seiner Blütezeit im 17. und 18. Jahrhundert.

Pavel Slavko (Foto: Ondřej Tomšů)Pavel Slavko (Foto: Ondřej Tomšů) Das einzigartige Theatergebäude aus dem 17. Jahrhundert steht auf dem fünften Schlosshof hinter der Mantelbrücke. Kastellan Pavel Slavko führt uns rein und schildert dabei, was die barocke Theaterwelt zu bieten hatte:

„Das Barocktheater war außerordentlich dynamisch. Erdbeben, Meereswellen, sinkende Segelschiffe und Walfische, Luftmaschinen, Wolken, auf denen Götter saßen und zu den Erdbürgern herabflogen, Versenkungen, dank deren Höllenwesen auf- und untertauchten. Dazu Maschinen, die akustische Effekte produzierten, wie etwa einen Vulkanausbruch.“

Der Kastellan bewegt selbst ein Rad und schüttelt ein Blech, um die Toneffekte zu zeigen, den Wind, den Regen mit Hagel und den Donner. Um eine authentische Wirkung zu erreichen, seien die technischen Mittel mit lebendigen Elementen kombiniert worden, fügt Slavko hinzu:

Meereswellen und Vulkanausbruch

Bühnenbild mit dem Titel ‚Großer Barock-Saal‘ (Foto: Ondřej Tomšů)Bühnenbild mit dem Titel ‚Großer Barock-Saal‘ (Foto: Ondřej Tomšů) „Ab und zu liefen ein Schaf oder ein Pferd über die Bühne. Die Schauspieler wurden der Größe nach aufgestellt: in den ersten Reihen standen die längsten Akteure, in der Mitte dann die mit einem durchschnittlichen Wuchs und ganz hinten Kinder, die als Erwachsene verkleidet waren. Alles zusammen schuf eine Perspektive, die heute durch die 3D-Technik erzeugt wird.“

Das einzige, was im heutigen Theater nicht ganz der Barockzeit entspricht, ist das Licht. Die Kerzen wurden durch Glühbirnen ersetzt, doch die Lichtintensität ist so eingestellt, um das schimmernde Kerzenlicht möglichst getreu nachzuahmen. Pavel Slavko führt uns in den verdunkelten Zuschauerraum:

„Sie können das Bühnenbild mit dem Titel ‚Großer Barock-Saal‘ sehen. Insgesamt haben sich hier Kulissen für 17 Szenen erhalten: das Kabinett, der Urwald, das Feldlager, das Meer mit Inseln und Schiffen und weitere mehr. Also eine breite Skala.“

Oper ‚Il natale d’Augusto‘ (Foto: VitVit, CC BY-SA 4.0)Oper ‚Il natale d’Augusto‘ (Foto: VitVit, CC BY-SA 4.0) Der Kulissenwechsel erfolgt durch einen gut durchdachten Mechanismus:

„Eine Maschinerie ermöglicht, fünf Szenen-Varianten auf dem Podium vorzubereiten. Das ist die Grundausstattung für eine einfachere Aufführung. Bei wichtigeren Theaterstücken gab es bis zu fünfzehn Bühnenwechsel. Die Pausen dauerten eine halbe Stunde bis eine Stunde. Die Gäste gingen raus aus dem Saal, sie aßen, tranken und debattierten. Dann ging die Vorstellung weiter.“

Maschinerie in drei Etagen

Der Besucher kann bei der Führung nicht nur den Zuschauerraum und die Bühne besichtigen, sondern auch den Raum unter dem Podium, der voll von Balken, Schienen, Rädern und Seilen ist:

Foto: Gerd Eichmann, CC BY-SA 4.0Foto: Gerd Eichmann, CC BY-SA 4.0 „Der ganze Apparat ist ein unglaubliches Beispiel damaliger Konstruktionstechnik und Mechanik. Die Balkenkonstruktionen stammen aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert, die feineren Teile der Maschinerie wurden im 18. Jahrhundert ergänzt.“

Pavel Slavko führt den Mechanismus vor:

„Durch die zentrale Handwinde werden Rahmen in Bewegung gesetzt, die sich auf ihren Bahnen nach vorne und nach hinten schieben. Der Rahmen, der die Kulisse trägt, wird dann auf die Bühne hochgezogen. Bei der Vorstellung sind nur die vorderen Kulissen zu sehen, die hinteren nicht. Etwa zwölf Menschen standen dort an einer Winde und tauschen mit Hilfe von Seilen und Schlingen das Bühnenbild. Der Kulissenwechsel dauert drei, fünf oder acht Sekunden.“

Foto: Ondřej TomšůFoto: Ondřej Tomšů Das Theater bietet Platz für etwa 160 Zuschauer. Slavko verweist auf die Zahl der Personen, die sich an der Aufführung beteiligt haben:

„Für die Bedienung der Maschinerie in drei Etagen brauchte man 35 Personen, die per Hand die Technik in Bewegung setzen. Auf der Bühne gab es in der üblichen Besetzung zwei bis vier Solisten, vier bis sechs Chorsänger und im Orchesterraum 18 bis 24 Musiker. Und da man in Kostümen und Perücken spielte, brauchte man Visagisten, Perückenmacher, Ankleiderinnen, also weitere fünf bis acht Personen. Insgesamt arbeiteten etwa 70 bis 80 Menschen daran, dass eine Vorstellung für 160 Zuschauer gespielt werden konnte. Auch das belegt die barocke Großzügigkeit.“

Einzigartiges Archiv

Krumauer Synagoge (Foto: GFreihalter, CC BY-SA 3.0)Krumauer Synagoge (Foto: GFreihalter, CC BY-SA 3.0) In dem Schlosstheater wurde bis Ende des 19. Jahrhunderts gespielt. Ein kaiserliches Kerzen-Verbot für Schauspielhäuser beendete 1893 den Betrieb. Erst 1950 übernahm das Südböhmische Theater das Gebäude, 1964 musste die Bühne aber wegen des schlechten bautechnischen Zustands geschlossen werden. Erst in den 1990er Jahren nahm das Schicksal der Institution eine Wende.

„Über zwanzig Jahre lang wurden einzelne Teile restauriert und konserviert. Man suchte erneut, welcher Teil wohin gehört. Es gab hier einen großen Vorteil im Vergleich mit ähnlichen Theatern Europa – der Barockfundus wurde nicht zerstört. Die Sachen lagen auf Dachböden, im Schloss-Depositar oder in der Krumauer Synagoge. Alles wurde hier im Schloss zusammengetragen, und das einzigartige Theater erneuert.“

Ein großer Vorteil des Barocktheaters in Krumau ist, dass dort ein großes Archiv mit dem Repertoire erhalten geblieben ist:

„In der Schlossbibliothek befinden sich über 2000 Libretti. Das älteste davon stammt aus dem 15. Jahrhundert, die Mehrheit bilden Werke aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Einige Duzend davon sind komplett und können einstudiert werden.“

Das Barocktheater kann man heute im Rahmen der Schlossführungen besuchen und besichtigen. Zweimal im Jahr werden dann Barockopern aus dem Schlossarchiv einstudiert und aufgeführt.