Aussig: Hauptstadt der Zwerge

16-03-2019

Sie kommen in vielen Märchen und Sagen vor und haben so auch ihren Weg in Filme und musikalische Werke gefunden – es geht um Zwerge, Kobolde oder Gnome. Eine ganz besondere Art des Halblings – die Gartenzwerge – bewohnt vor allem die tschechischen Vietnamesenmärkte im Grenzgebiet. Das Stadtmuseums im nordböhmischen Ústí nad Labem / Aussig hat nun zum Thema Zwerg eine Ausstellung vorbereitet.

Václav Houfek (Foto: Martina Schneibergová)Václav Houfek (Foto: Martina Schneibergová) Die Mitarbeiter des Stadtmuseums in Ústí nad Labem befassen sich schon seit Jahren mit Zwergen. 2004 wurde im Rahmen des „Jahres des Zwergs“ die Beziehung der Nordböhmen zu den kleinen mystischen Wesen erforscht. Das Ergebnis waren zahlreiche Konferenzen und Ausstellungen. Für das Projekt wurde das Museum damals vom Kulturministerium mit dem Preis Gloria musaealis ausgezeichnet. Aussig und die Zwerge gehören einfach zusammen, meint Museumsleiter Václav Houfek. 15 Jahre nach dem großen Erfolg hat er nun eine neue Schau zusammengestellt:

„Erstens gibt es in der Stadt und ihrer Umgebung zahlreiche Orte, an denen den Legenden zufolge Zwerge gelebt haben. Zweitens: 1841 wurde die Aussiger Keramikfabrik eröffnet, die Ende des 19. Jahrhunderts unter der Leitung der Familie Maresch zu einem der größten Keramikproduzenten in Nordwestböhmen wurde. Hergestellt wurden dort Figuren für Interieur und Exterieur. Einer der wichtigsten Artikel waren dabei die Gartenzwerge. Es handelte sich um die älteste Fabrikproduktion von Gartenzwergen weltweit.“

Ferdinand MareschFerdinand Maresch Der Museumsleiter erinnert zudem daran, dass einer seiner Vorgänger im Museum, Adolf Kirschner, Zwergenlieder und -legenden aus der Gegend von Aussig gesammelt hat. Wichtig sei, so Václav Houfek, dass der Keramikfabrikant Ferdinand Maresch Anfang des 20. Jahrhunderts Vorsitzender der Museumsgesellschaft gewesen sei.

„Deshalb befindet sich in den Sammlungen des Museums eine große Auswahl von Produkten aus Mareschs Fabrik. Zwerge stellten in verschiedenen Kulturen den Archetyp von Wesen dar, die den Übergang zwischen dem irdischen Dasein und der Welt der Toten und Götter verkörperten. Es kommt darauf an, wie diese andere Welt von der bestimmten Religion oder Kultur definiert wurde.“

Karl IV. und Paracelsus

Zwerge treten vor allem in der germanischen Mythologie auf, sie sind aber auch in anderen Kulturkreisen vertreten. Auch in literarischen Werken der Antike sowie im alten Ägypten wurden Zwerge erwähnt. Wie nennt man aber die Wissenschaft, die sich mit den kleinen Fabelwesen beschäftigt? Der Experte:

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová „Wenn man vom Lateinischen ausgeht, benutzt man den Begriff Nanologie – abgeleitet vom Wort ,nanus‘ – klein. Im Deutschen kann man Zwergenkunde sagen. In den ältesten Texten haben Zwerge spezielle Fähigkeiten, aber nie sind es göttliche Wesen. Sie werden wie die Menschen geboren und sie sind sterblich. Die Eigenschaften der Zwerge hat beispielsweise der bekannte Alchemist Paracelsus beschrieben, der unter anderem in Südmähren tätig war. Er war davon überzeugt, dass sich Zwerge in anderen zeitlichen Dimensionen bewegen können.“

Sogar Kaiser Karl IV. habe mit den Halbwüchsigen seine Erfahrungen gemacht, erzählt Václav Houfek.

„In seiner Biographie, die er selbst verfasst hat, beschrieb der Monarch, wie er nach seiner Ankunft in Prag Mitte der 1330er Jahre im Sitz des Burggrafen übernachtet hat. In der Nacht hörte er Lärm und als er Licht gemacht hatte, soll er Zwerge gesehen haben. Die Autorität des Königs und Kaisers ist kaum anzuzweifeln. Zudem hatte er einen Zeugen, seinen Kämmerer Bušek von Velhartice.“

Zipfelmütze und Lederschürze

Nicht nur Paracelsus, sondern auch ein weiterer Gelehrter hat sich in seinen Schriften mit Zwergen befasst. Der Sachse Georgius Agricola war Arzt und Wissenschaftler. Er gilt als Begründer der modernen Bergbaukunde. Agricola sei unter anderem als Lehrer in Jáchymov / St. Joachimsthal beschäftigt gewesen, sagt der Museumsleiter.

„Er schrieb viele Werke über den Bergbau. In seinen Schriften gab er den Bergleuten Ratschläge, wie sie sich bei Begegnungen mit unterirdischen Wesen – also den Zwergen – verhalten sollten. Agricolas Schriften wurden in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts herausgegeben. Sie wurden mit zahlreichen Holzschnitten illustriert. Diese Bilder haben die klassische Vorstellung vom Zwerg geprägt. Die rote Mütze und eine Lederschürze entsprechen der Bekleidung eines mittelalterlichen Bergmanns. Die Männer trugen damals keine Schutzhelme, sondern hohe ausgestopfte Mützen, die sie beim Kriechen durch enge Gänge schützen sollten.“

Vergrößerte Kopien der Illustrationen aus Agricolas Werken sind deshalb auch in der Aussiger Ausstellung zu sehen.

Zwergfigur aus der Barockzeit (Foto: Martina Schneibergová)Zwergfigur aus der Barockzeit (Foto: Martina Schneibergová) Im ersten Saal sind die ältesten Zwergfiguren der Museumssammlung ausgestellt. Gezeigt wird zudem eine Reihe von Produkten der Firma Maresch. Deren Gartenzwerge wurden in die ganze Welt exportiert. Bis heute werden sie laut dem Museumsleiter auf Auktionen in Australien, Südafrika, den USA, Großbritannien, Frankreich oder Deutschland versteigert. Zwergfiguren seien auch weiterhin gefragt, erzählt Václav Houfek.

„Es gibt Länder, wo Zwerge immer noch ein fester Bestandteil der Kultur sind. Hierzulande haben die Künstler der Avantgarde den Gartenzwerg zum Kitsch erklärt. Für Sammler sind jedoch Originalfiguren aus dem 19. Jahrhundert nach wie vor sehr attraktiv. Unsere Schau fängt aber schon mit Zwergfiguren aus der Barockzeit an. Es handelt sich um Werke von Matthias Bernhard Braun. Gezeigt werden Sandsteinplastiken aus dem ehemaligen Schlosspark in Ahníkov / Hagensdorf. Heute gibt es das Schloss nicht mehr, ebenso wie den dazu gehörigen Park. Ich bin davon überzeugt, dass niemand Matthias Bernhard Braun als Schöpfer von Kitsch bezeichnen würde.“

Im 19. Jahrhundert waren die Zwergfiguren meist aus Keramik, an den Entwürfen beteiligten sich damals gute Designer. Für das einfache Volk wurden Houfek zufolge billigere Zwerge aus Holz hergestellt.

George Harrison und Zwerg aus Aussig

Zwerg von Kurt Gebauer (Foto: Martina Schneibergová)Zwerg von Kurt Gebauer (Foto: Martina Schneibergová) In den weiteren Sälen beschäftigt sich das Museum mit dem kulturellen Wert der Zwerge. Ausgestellt sind Beispiele von Regionalliteratur in tschechischer und deutscher Sprache, in der Zwerge eine Rolle spielen. Erinnert wird zudem an eine Reihe von Kunstwerken.

„Zu den renommierten Gegenwartskünstlern, die in ihren Arbeiten Zwerge dargestellt haben, gehören Milan Knížák und Kurt Gebauer. Wir zeigen hier zudem eine Zeichnung vom Schriftsteller und Liedermacher Jan Vodňanský. Er hat einige Texte über Zwerge geschrieben. Der US-amerikanische Fotograf Dietrich Gehring hat dem Museum vor 15 Jahren eine Serie von Zwergen-Fotografien geschenkt. Die USA sind ein Gelobtes Land für Zwerge. 1937 hatte dort der erste abendfüllende Zeichentrickfilm des Walt-Disney-Studios ,Schneewitchen und die sieben Zwerge‘ seine feierliche Premiere. Disney hat einige Jahre lang an dem Film gearbeitet. Viele Menschen konnten sich vorher nicht vorstellen, dass sich irgendjemand einen mehrstündigen Zeichentrickfilm anschauen würde. Es handelt sich vermutlich um die erfolgreichste Produktion des Studios.“

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Auch in der Musik setzte sich das Thema Zwerge durch. Die Besucher der Ausstellung können sich einige Lieder anhören. Václav Houfek dazu:

„Der Liedermacher Karel Plíhal, die Band Rangers, der Sänger Viktor Sodoma oder die Rocker von Kabát – sie singen alle über Zwerge. Auch in der klassischen Musik findet man das Thema – unter anderem bei Edvard Grieg. Als George Harrison sein erstes Soloalbum aufgenommen hat, ließ er sich für den Umschlag der Schallplatte mit einigen Gartenzwergen fotografieren. Auf dem Foto befindet sich mindestens ein Zwerg aus der Produktion der Firma Maresch aus Aussig.“

Die kleinen Männchen mit Zipfelmütze sind zur vorletzten Jahrhundertwende hierzulande zu einem beliebten Motiv auf Weihnachts- und Osterkarten geworden:

Die Ausstellung mit dem Titel „Zwerge“ ist noch bis 11. August im Stadtmuseum in Ústí nad Labem zu sehen. Das Museum ist täglich außer montags von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

„Zwerge wurden auf den Osterkarten neben den Osterhasen abgebildet. Mir gefällt am besten die Weihnachtskarte, auf der das Jesuskind mit Engeln und Zwergen eine selige Weihnachtszeit wünscht.“

Aber Vorsicht! Laut Václav Houfek haben Zwerge auch dunkle Seiten. Es seien manchmal wilde, freche, schadenfrohe und kampflustige Wesen, so der Experte. Auch diese Dimension der Zwerge wird anhand einiger literarischer Werke dokumentiert.

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