Außen schlicht, innen prächtig: Villa Stiassni

Die Villa Stiassni gilt als Juwel der Brünner funktionalistischen Architektur. Das Haus wurde in den 1920er Jahren für den Brünner Industriellen Alfred Stiassni und seine Frau Hermine erbaut. Allerdings lebte die Familie nur neun Jahre lang dort, denn 1938 flüchtete sie vor den Nazis in die USA. Zu kommunistischen Zeiten wohnten in der Villa dann oft Gäste, die wohl die ehemaligen Besitzer nie eingeladen hätten. Seit 2009 wird die Residenz vom staatlichen Denkmalschutzamt verwaltet. Nach einer Restaurierung wurde das einzigartige Gebäude vor vier Jahren für die Öffentlichkeit zugänglich.

Villa Stiassni (Foto: Martina Schneibergová)Villa Stiassni (Foto: Martina Schneibergová) Die Villa Stiassni steht im Brünner Stadtteil Pisárky / Schreibwald. Mit der Straßenbahn Nr. 1 sind es aus dem Stadtzentrum etwa 15 Minuten. Von der Haltestelle geht es bergan bis in die Straße Hroznová. Durch einen Garten gelangt man dann hinauf zur Villa. Diese wurde nach dem Entwurf des Brünner Architekten Ernst Wiesner erbaut. Viktoria Mračková studiert Kunstgeschichte an der Brünner Masaryk-Universität und führt die Besucher durch die Villa Stiassni.

„Wiesner studierte in Wien. Dies hat ihn sehr beeinflusst. Ornamente galten damals als Verbrechen. Auch an der Fassade der Villa gibt es keine überflüssigen Verzierungen. Als einziges nutzte der Architekt dekorative Simse. Wiesners Bauten hatten oft einen Anhauch des Mittelmeerraums. Über allen Fenstern sind zusammengerollte Markisen zu sehen, zudem gibt es da auch Rollläden aus Holz.“

Villa Stiassni (Foto: Martina Schneibergová)Villa Stiassni (Foto: Martina Schneibergová) Das Haus hat die Form eines L. Der längere Teil beherbergt im Erdgeschoss die Empfangsräume und im ersten Stock den Wohnbereich. Der kürzere Teil diente dem Personal. Insgesamt 3,5 Millionen tschechoslowakische Kronen kostete der Bau der Villa in den 1920er Jahren. Die Führung durch das Gebäude beginnt im kürzeren Teil – und zwar in der kleinen Garderobe.

„Ganz wichtig: Die Garderobe ist komplett im Originalzustand. Für die Wandverkleidung wurde Marmor aus Carrara benutzt. Ein anderes bedeutendes Detail in diesem Raum ist der Spiegel, durch ihn macht der Raum einen viel größeren Eindruck.“

Flucht vor den Nazis

Der Bau der Villa wurde 1927 abgeschlossen. In dem Haus wohnten dann Alfred Stiassni, seine Frau Hermine und ihre Tochter Suzanne. Die Stiassnis waren Juden, 1938 flüchteten sie aus Brno / Brünn.

„Zuerst reisten sie nach London, von dort aus weiter nach Brasilien und später in die USA. Dort lebt bis heute ein Teil der Familie. Während der nationalsozialistischen Besatzung quartierten sich deutsche Soldaten in der Villa ein. Da das Haus ständig bewohnt wurde, ist das Interieur relativ gut erhalten. Seit 1945 diente das Gebäude als sogenannte ,Regierungsvilla‘. Der obere Teil wurde in ein Luxushotel verwandelt, in dem verschiedene Staatsoberhäupter und andere politische Besuche untergebracht wurden.“

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová

Viktoria Mračková (Foto: Martina Schneibergová)Viktoria Mračková (Foto: Martina Schneibergová) Das Interieur der Villa unterscheidet sich deutlich von der schlicht gehaltenen Fassade. Die Räume erinnern fast an Schlossgemächer. Die Expertin:

„Der Grund ist folgender: Hermine Stiassni, geborene Weinmann, stammte aus einer sehr reichen Familie. Ihr Vater war ein Kohlebaron in Ústí nad Labem (Aussig, Anm. d. Red.). Man lebte dort in einem Schloss, das im historisierenden Stil erbaut war. Hermine war an diesen Stil gewöhnt. Als sie von Wiesner die puristischen Entwürfe für die Gestaltung der Räume bekam, ließ sie ihn diese einige Male umarbeiten. Schließlich beauftragte sie jedoch den Wiener Franz Wilfert mit der Gestaltung des Interieurs im Stil eines Schlosses.“

Wie in einem Schloss

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Durch den Flur geht es in die Empfangsräume, diese sind größtenteils mit Originalmöbeln ausgestattet. Außerdem erhält man dort auch einen Eindruck von den künstlerischen Fähigkeiten der Frau des Hauses.

„Hier befinden sich einige Aquarelle von Hermine Stiassni. Sie hat aber nicht nur gemalt, sondern auch viel fotografiert. Dank den Bildern erhielten die Restauratoren vor einigen Jahren eine Vorstellung von der ursprünglichen Gestaltung der Räume. Denn als das Haus zu einer Regierungsvilla umfunktioniert war, wurde einiges an der Innenausstattung geändert. Auf Hermines Bildern des Salons ist auch eine Tapisserie zu sehen. Diese ist nicht erhalten. Als russische Soldaten 1945 die Villa betraten, schnitten sie die Tapisserie heraus und benutzten sie als Plane für einen Wagen, auf dem sie einige kleinere Möbelstücke wegschafften.“

Porträt von Alfred Stiassni (Foto: Martina Schneibergová)Porträt von Alfred Stiassni (Foto: Martina Schneibergová) Im Herrensalon hängt ein Porträt von Alfred Stiassni. Er war Gesellschafter in der Firma „Brüder Stiassni“, diese hatten sein Vater und sein Onkel gegründet. Man stellte Textilien her und später Herrenbekleidung.

„Herr Stiassni ging jeden Morgen zwischen 7 und 8 Uhr in die Firma, zum Mittagessen kam er in die Villa zurück. Sein Arbeitstag endete gegen 18 Uhr. Alfred Stiassni hatte wenig Freizeit, vermutlich hat er sie nicht mit Lektüre verbracht, obwohl im Salon ein spezielles Bücherregal steht. Dieses Möbelstück wurde in Prag gefertigt, bei der Herstellung wurde kein einziger Nagel benutzt. Die Bücherregale können beliebig zusammengestellt werden.“

Unternehmerin Hermine Stiassni

Im Salon empfing Stiassni seine Kunden. Gleich nebenan war der Frauensalon, in dem Hermine Stiassni mit anderen Damen zusammentraf.

„Die Damen haben nicht nur geplaudert, sondern hatten höhere Ziele. Hermine Stiassni engagierte sich gemeinsam mit Grete Tugendhat in der Liga für die Menschenrechte der Juden. Sie organisierten viele Benefizveranstaltungen, oft in der Galerie der Villa. Hermine war zudem selbst Unternehmerin, was damals recht ungewöhnlich war. Sie hatte von ihren Eltern Aktien der nordböhmischen Kohlegruben geerbt. Darum war sie finanziell von ihrem Mann unabhängig. Sie war eine sehr moderne Frau.“

Hermine Stiassni (Foto: Martina Schneibergová)Hermine Stiassni (Foto: Martina Schneibergová) Frau Stiassni ließ eine Ausschreibung für den Bau neuer Gebäude durchführen, damit wollte sie zur Modernisierung von Brünn beitragen. Auf ihre Initiative wurde zum Beispiel das Palais Morava erbaut, dieses steht bis heute gegenüber dem Mahen-Theater am Rand der Innenstadt.

Über eine prunkvolle Treppe gelangt man in den ersten Stock, auf dem sich die Wohnräume befinden. Der Flur ist schlicht gehalten. Es gibt da eine Replik eines großen Heizkörpers, der nach dem Entwurf von Architekt Wiesner gestaltet wurde. Aus den Fenstern ist der obere Teil des Gartens zu sehen.

„Dort standen früher große Treibhäuser. Die Familie hat ihr eigenes Gemüse gezüchtet. Man hatte damals auch Obstbäume.“

In der ersten Etage wohnte die Familie. Zu besichtigen sind nicht nur die früheren Schlaf- und Kinderzimmer, sondern auch die Garderobe und die Badezimmer.

Auf dem fast drei Hektar großen Grundstück befinden sich zudem ein Tennisplatz und ein Schwimmbecken. Von der Terrasse auf der linken Seite der Villa gelangt man in einen Ausstellungssaal. Zurzeit wird dort eine Ausstellung über die moderne Architektur in Brünn gezeigt. Zu den Besuchern der Villa gehören auch viele Touristen aus dem Ausland. Viktoria Mrackova:

„Die meisten kommen wahrscheinlich aus Österreich. Sie haben es nicht weit nach Brünn. Wenn sie schon die Villa Tugendhat besuchen, kommen sie in der Regel auch zu uns.“

 

Die Villa Stiassni ist noch bis 16. Dezember geöffnet, und zwar freitags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr (im Sommer bis 17 Uhr). Nach einer kurzen Winterpause ist das historische Gebäude wieder ab 12. Januar zugänglich. Am 31. Dezember wird in der Villa eine Modeschau veranstaltet. Mehr über die Villa erfahren Sie unter https://www.vila-stiassni.cz.