Auf Božena Němcovás Spuren: Schloss Ratibořice

Am Samstag, dem 21. Januar, wird in Tschechien mit verschiedenen Veranstaltungen des 150. Todestags der Schriftstellerin Božena Němcová gedacht. Kein anderer Ort hierzulande ist mit ihr so verbunden, wie das ostböhmische Ratibořice. Das dortige Schloss haben wir in einer unserer Sendungen während der dortigen Adventsfeiern besucht. Dabei haben wir versprochen, noch mehr über die Geschichte des Ortes zu erzählen.

Božena NěmcováBožena Němcová Unweit des Städtchens Česká Skalice liegt Ratibořice. Berühmt geworden ist es in Tschechien dank der Schriftstellerin Božena Němcová, deren Roman “Die Großmutter” eben in Ratibořice und seiner Umgebung spielt. Bei einer Wanderung auf Němcovás Spuren gelangt man entlang des Flusses Úpa / Aupa zunächst zum Schloss, das aus der Barockzeit stammt. Die Architektur des Schlosses ist nicht unbedingt bemerkenswert, meint der Kastellan des Schlosses Ivan Češka:

“Interessant ist eher, dass das Schloss im Stil der italienischen ´villa suburbana´ erbaut wurde. Es erinnert an eine Vorstadtvilla aus Norditalien. Das Schloss ließ der italienische Besitzer der Herrschaft von Náchod, Fürst Lorenzo Piccolomini, Anfang des 18. Jahrhunderts bauen. Er kannte ähnliche Villen aus seiner Heimat. Ratibořice sollte als Sommerresidenz dienen, im Winter lebten die Besitzer auf Schloss Náchod. Dort, wo heute das Schloss steht, befand sich zuvor ein Gutshof mit mehreren Wirtschaftsgebäuden. Nachdem das Schloss in Ratibořice erbaut worden war, wurde es, wie wir aus den Archivmaterialien erfahren konnten, ´die neuen Herrschaftsgemächer beim Gutshof in Ratibořice´ genannt.”

Schloss RatibořiceSchloss Ratibořice Das Schloss gehörte den Piccolominis jedoch nicht sehr lange. Ende des 18. Jahrhunderts kaufte Peter Biron, Herzog von Kurland und zu Sagan, die Herrschaft Náchod. Nach seinem Tod erbte sie seine älteste Tochter, Herzogin Katharine Wilhelmine von Sagan. Genau dieser Adeligen setzte die tschechische Schriftstellerin Božena Němcová in ihrem bekanntesten Roman „Die Großmutter“ ein literarisches Denkmal. Němcová beschreibt sie als eine umgängliche Schlossherrin, die mit viel Verständnis die Kinder ihrer Bediensteten empfangen hat. Die schöne und geistreiche Adelige hat Ratibořice als ihre Sommerresidenz genutzt. Das Schloss ließ sie im Stil des Klassizismus und Empires umbauen. Der ursprüngliche Gutshof sei damals abgerissen worden, erzählt der Kastellan:

“An seiner Stelle entstand der englische Park, den es bis heute gibt. Er wurde allmählich in das ganze Tal des Flusses Úpa / Aupa erweitert. Ein neuer Gutshof wurde an der Grenze des Parks errichtet. Von dem ursprünglichen Gutshof ist der heutige kleine Schlosssee erhalten geblieben. Einst diente er als Tränke für das Vieh.”

Im Schlosspark wurden zudem ein Jagdpavillon und ein Gewächshaus gebaut. Die charmante Schlossherrin empfing in Ratibořice viele namhafte Persönlichkeiten, darunter den österreichischen Staatskanzler Clemens Metternich oder den russischen Zar Alexander I. 1813 fanden auf dem Schloss Verhandlungen der Diplomaten Österreichs, Preußens und Russlands über die Allianz gegen Napoleon statt.

Katharine Wilhelmine von SaganKatharine Wilhelmine von Sagan Nach Wilhelmines Tod verkaufte ihre Schwester Pauline die Herrschaft Náchod samt Schloss Ratibořice an Octavio Lippe-Biesterfeld. Unter den nächsten Schlossbesitzern, derer von Schaumburg-Lippe, wurde in Ratibořice wieder gebaut.

„Bevor Prinz Wilhelm von Schaumburg-Lippe heiratete, ließ er das Schloss für die Bedürfnisse seiner Familie in Stand setzen. Die Familie Schaumburg-Lippe hat Ratibořice regelmäßig als ihren Sommersitz genutzt. Bei der Instandsetzung wurde die ursprüngliche Architektur des Schlosses respektiert.“

Im Besitz der Familie von Schaumburg-Lippe befand sich das Schloss bis 1945. Der Enkelsohn des letzten Schlossbesitzers, Fürst Waldemar zu Schaumburg-Lippe, komme öfters zu Besuch nach Ratibořice, erzählt Kastellan Ivan Češka. Familie Schaumburg-Lippe hat sich, laut dem Kastellan, um die Rückgabe des Schlosses bemüht, das aufgrund der Beneš-Dekrete vom Staat beschlagnahmt worden war. Nach der tschechischen Gesetzgebung sei die Rückgabe nicht möglich gewesen, so der Kastellan. Die Schlossbesitzer haben mit den Nationalsozialisten auf keinen Fall zusammengearbeitet, meint Češka:

Ivan Češka (Foto: Krkonošský deník)Ivan Češka (Foto: Krkonošský deník) “Es wird unter den hiesigen Bewohnern erzählt, dass der Prinz im engeren Kreis gesagt haben soll, dass ihm, dem Reichsfürsten, kein Tapezierer befehlen werde. Weil er aber seinen Gutshof behalten wollte, musste er sich nach außen so verhalten, um keinen Vorwand zur Beschlagnahme des Gutshofs zu geben. Es ist aber bekannt, dass hier im Aupa-Tal – zwischen den Gemeinden Pohodlí und Havlovice – Partisanen operierten. Und vom hiesigen Gutshof hat man ihnen Zucker, Butter, Milch und Brot gebracht. Das hat man hier gewusst, aber darüber musste man schweigen.”

Von der Originaleinrichtung des Schlosses ist nur wenig erhalten geblieben. Die Möbel aus der Zeit der letzten Schlossherren finde man nur noch im Erdgeschoss, so der Kastellan:

“Das Interieur ist im Stil der Jahrhundertwende eingerichtet. Die Räumlichkeiten in der ersten Etage sollen an Wilhelmine von Sagan, die populäre Fürstin aus Němcovás Roman ´Die Großmutter´ erinnern. Die Möbel, Kronleuchter und Gemälde stammen jedoch nicht aus dieser Zeit. Denn als Wilhelmine starb, hat ihre Schwester Pauline alles verkauft. Wilhelmine hatte zwar eine Tochter, diese lebte jedoch bei ihrem Vater in Finnland und hatte keine Beziehung zu ihrer Mutter. Als die Schaumburgs 1842 die Herrschaft Náchod kauften, stand Schloss Ratibořice praktisch leer, und sie haben es neu eingerichtet. Da wir aber über Wilhelmine von Sagan etwas erzählen wollten, wurden die Räumlichkeiten der Zeitepoche entsprechend gestaltet.“

Alte Bleiche (Foto: Martina Schneibergová)Alte Bleiche (Foto: Martina Schneibergová) Nach einer Besichtigung des Schlosses können die Besucher noch weitere Sehenswürdigkeiten in seiner Umgebung besuchen, die mit der Schriftstellerin Božena Němcová zusammenhängen. Durch den Schlosspark kommt man ins Aupa-Tal. Ein Teil des malerischen Tals wird Babiččino údolí – also das Großmuttertal genannt. Dort befindet sich auch die so genannte „Alte Bleiche“, in der sich Němcovás Roman abgespielt hat. Das Schloss sowie weitere Sehenswürdigkeiten sind aber nicht das ganze Jahr hindurch geöffnet.

„Die Saison dauert bei uns vom April bis zum Oktober. Im April und im Oktober ist das Schloss nur am Wochenende geöffnet. Natürlich kann eine Besuchergruppe auch außerhalb der offiziellen Saison eine Führung bestellen. Im Juli und im August ist es die ganze Woche lang von 9 bis 17 Uhr geöffnet, und Führungen werden jede Stunde angeboten.“