Zeit der Unfreiheit hautnah

Am Ort des ehemaligen Prager Stalin-Denkmals wurde eine Ausstellung mit dem Titel „Paměť národa“ (Gedächtnis der Nation) eröffnet.

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Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Der Nationalsozialismus und der Kommunismus in der Tschechoslowakei stehen im Fokus einer neuen audiovisuellen Ausstellung in Prag. Sie wird in den unterirdischen Räumlichkeiten unter dem ehemaligen Stalin-Denkmal auf der Letná-Anhöhe gezeigt.

Das Flugzeug kommt immer näher. Im dunklen Raum ist zuerst der Lärm der Triebwerke zu hören, erst dann wirft die Maschine ihren Schatten über die Silhouetten einer Stadt. Durch sogenanntes Videomapping erleben die Zuschauer wichtige Momente der Geschichte – von der Nazi-Besetzung bis zur Samtenen Revolution. In einem weiteren Teil der Ausstellung kommen dann Zeitzeugen zu Wort. Mikuláš Kroupa ist Begründer des Projektes „Paměť národa“ (Gedächtnis der Nation) und leitet den Verein Post bellum, der die Ausstellung veranstaltet. Ursprünglich sollten die Besucher in einer Linie durch die unterirdischen Gänge unter dem ehemaligen Stalin-Monument laufen.

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová „Vor etwa einem halben Jahr hat uns der Statiker jedoch gesagt, dass der Raum gefährlich ist und wir die Besucher erst dann reinlassen dürfen, wenn wir einen Tunnel errichten. Da wären sie dann geschützt. Aus dem Grund haben wir zwei derartige Tunnel gebaut: In einem bieten wir Bilder aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts und in dem anderen die Erinnerungen von Zeitzeugen. Dies alles in Form eines Kinos, in das wir die Besucher einladen.“

Die historischen Ereignisse, über die die Zeitzeugen erzählen, sind zudem auf mehreren Schautafeln beschrieben. Diese stehen auf der Terrasse vor dem Eingang zur Ausstellung sowie an weiteren Orten im Letná-Park. Bestandteil der Schau ist auch eine 50 Meter lange und fünf Meter hohe Mauer, die genau an der Stelle steht, von der aus einst Stalin nach Prag blickte. Mikuláš Kroupa dazu:

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová „Die Mauer symbolisiert die totalitären Regime, eine geteilte Gesellschaft. Sie erinnert uns daran, was die Freiheit für uns heute bedeutet. Zudem stellt man sich die Frage, ob und aus welchem Material wir heute noch Mauern bauen und woran sie uns hindern.“

In der Ausstellung erklingen Erinnerungen an Erlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg sowie aus der Zeit des Kommunismus.

„Alle diese Bilder und Texte verbindet das Thema der menschlichen Würde. Diese kann auch an wenig würdevollen Orten präsent sein. Wir erzählen hier das Schicksal von Menschen in kommunistischen Gefängnissen, in der Untersuchungshaft der Staatssicherheit. Menschen, die Widerstand leisteten, haben ihre Würde bewahrt.“

Mikuláš Kroupa (Foto: Katerina Ayzpurvit)Mikuláš Kroupa (Foto: Katerina Ayzpurvit) Es sei keine einfache Aufgabe gewesen, aus den Tausenden von Erinnerungen von Zeitzeugen und Archivmaterialien eine Ausstellung zusammenzustellen, die nicht verallgemeinernd wäre, sagt Kroupa.

„Wir haben uns entschieden, bestimmte Momente aus der Masse an Material auszusuchen, die uns bei der Aufzeichnung besonders tief berührt haben. Ich habe mit einem Team von Historikern und Architekten Stunden lang zusammengesessen. Bei der Diskussion stellte sich heraus, dass es nicht nur um die Schlüsseljahre wie 1939, 1948 oder 1968 als solche geht, sondern dass sich hinter den historischen Ereignissen auch Details verbergen, die man nicht vergessen kann.“

Die Ausstellung ist täglich außer montags von 8.30 bis 19 Uhr geöffnet, am Wochenende ist sie ab 10 Uhr zugänglich. Für Schüler, Studenten und Senioren ist der Eintritt frei, ansonsten kostet er 100 Kronen.

Der Verein Post bellum zeichnet seit fast 20 Jahren Erinnerungen von Kriegsveteranen, politischen Gefangenen, Dissidenten, aber auch von Kollaborateuren. Das Team um Mikuláš Kroupa würde aber gerne noch mehr bieten und ein richtiges Museum eröffnen.

„Ich bin davon überzeugt, dass es an der Zeit ist, darüber zu diskutieren, ob uns nicht ein modernes Museum fehlt, das auch mit technischen Mitteln wie Videomapping, Filmclips und Installationen an die totalitären Erfahrungen des tschechischen Volkes erinnern würde.“