Viel mehr als 2000 Worte – Zum Tod von Ludvík Vaculík

Er war ein Mann der Worte und der Taten. Der Schriftsteller und Dissident Ludvík Vaculík gehört in Tschechien zu den bedeutendsten Personen der Zeitgeschichte. Der Prager Frühling, die Dissidentenbewegung Charta 77 und der tschechische Samisdat sind untrennbar mit seinem Namen verknüpft. Auch nach der Samtenen Revolution blieb Vaculík ein unabhängiger Denker, der sich nicht politisch vereinnahmen ließ. Am Samstag ist Ludvík Vaculík mit 88 Jahren gestorben.

Ludvík Vaculík (Foto: ČTK)Ludvík Vaculík (Foto: ČTK) Es war ein Paukenschlag, als am 27. Juni 1968 das „Manifest der 2000 Worte“ in der Literaturzeitschrift Literární listy und vier Zeitungen erschien. Erst am Tag zuvor hatten die Reformkommunisten unter Alexander Dubček die Zensur aufgehoben. Das Manifest, in Auftrag gegeben von führenden Intellektuellen der Akademie der Wissenschaften, richtete sich an „Arbeiter, Bauern, Angestellte, Wissenschaftler, Künstler und alle“. Wegen der scharfen Kritik am Machtapparat der kommunistischen Partei, die gerade die vorsichtige Liberalisierung probte, musste sich Autor Vaculík vor der KPTsch verantworten. Vor allem seine drastische Wortwahl stieß bei den Reformkommunisten auf Widerstand, erinnerte sich Vaculík später:

Ludvík Vaculík, Milan Kundera und Ivan Klíma auf dem Schriftstellerkongress 1967 (Foto: ČTK)Ludvík Vaculík, Milan Kundera und Ivan Klíma auf dem Schriftstellerkongress 1967 (Foto: ČTK) „Wir sind unzufrieden, wir sind nicht einverstanden – das ist der situative Einstieg, aber wie geht es weiter? Ich habe es nach meiner Auffassung geschrieben, und als Autor habe ich den Text literarisiert, denn das politische und journalistische Vokabular ist mir widerwärtig. Als die Herren gekommen sind, waren sie mit dem Inhalt einverstanden, über die Form haben sie sich aber nur gewundert. Ich habe aber gesagt: So ist es – und auf diese Weise schreibe ich nun einmal.“

Aus der Partei ausgeschlossen worden war Vaculík bereits 1967, nach einer Rede auf dem Kongress der tschechoslowakischen Schriftsteller. Der gelernte Schuhmacher war 1945 wie so viele mit großen Utopien der KPTsch beigetreten, arbeitete als Redakteur der Parteizeitung „Rudé Právo“. In den 1960er Jahren hatte er genug von den Heilsversprechungen. Der Schlüsselroman „Das Beil“ brachte Vaculík 1966 den Durchbruch als Schriftsteller. Beim Auftritt auf dem Schriftstellerkongress ein Jahr darauf sagte er, der Bürger in der sozialistischen Tschechoslowakei werde zur Schlachtbank geführt. Gerade für seine prägnante Sprache würdigte nun auch der Publizist Jiří Peňás den Verstorbenen:

„Die Meerschweinchen“ (Foto: Verlag Československý spisovatel)„Die Meerschweinchen“ (Foto: Verlag Československý spisovatel) „Er dachte darüber nach, was es eigentlich bedeutet, dieses erhabene Dasein auf der Welt. Er hatte die Gabe, die grundlegenden Dinge herauszugreifen, sie zu verstehen und sie zu formulieren, mit einer ihm eigenen Leichtigkeit und zugleich Ernsthaftigkeit.“

Beispielhaft dafür ist Vaculíks Roman „Die Meerschweinchen“ von 1970. Die vordergründig harmlose Geschichte um einen Bankangestellten, der mit seinem Sohn Meerschweinchen züchtet, ist eine Satire auf die Planwirtschaft und den Sozialismus. Aus den Meerschweinchen werden die „Schwermeinchen“. Erscheinen konnte das Werk nur im Untergrundverlag „Edice petlice“. Gründer und Leiter war Vaculík selbst, Verlagsbüro war die Privatwohnung in Prag-Holešovice. Bis 1990 erschienen etwa 400 Bücher von Autoren wie Ivan Klíma, Jan Patočka oder Václav Havel. Nach der Samtenen Revolution wandte sich Vaculík wieder vermehrt dem Schreiben zu.

„Ich habe bestimmte Gedanken gewissermaßen 20 Jahre lang aufgeschoben und mich vorrangig um Aufgaben gekümmert, die mir gerade drängend erschienen. Nun habe ich die Gelegenheit, alles was mich beschäftigt hat, endlich auszusprechen. Ob das mehr wert ist, weiß ich nicht, aber es wird mir mehr Spaß bereiten. Allerdings ist das Schreiben natürlich auch eine schwere Arbeit, und große Lust habe ich nicht darauf.“

Vaculík blieb sich treu: Er sagte seine Meinung, ohne Rücksicht auf politische Korrektheit. Seine wöchentliche Kolumne in der Zeitung „Lidové noviny“ war eine Institution. Dabei nahm sich Vaculík selbst nicht zu wichtig und bestach mit Humor und Selbstironie. Auszeichnungen wie etwa den Ferdinand-Peroutka-Preis nahm er fast widerwillig entgegen. Und auch sein Lebenswerk als Verleger wollte er keinesfalls als Heldentat verstanden wissen:

„Heute sieht das natürlich aus wie ein Werk von nationaler Größe, ein Werk des Widerstandes. Aber entstanden ist es doch vor allem aus ganz gewöhnlichem und vielleicht sogar kindischem Trotz.“