Verfolgte Persönlichkeiten aus Kultur ausgezeichnet

25-02-2019

Am Sonntagabend wurden in Prag die Titel Dame beziehungsweise Ritter der tschechischen Kultur verliehen. Ausgezeichnet wurden Kulturschaffende, die während der nationalsozialistischen Besatzung und später im Kommunismus aus ideologischen Gründen verfolgt wurden. Radio Prag war bei der Titelverleihung im Theater Divadlo Na Vinohradech dabei.

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová

Karel Kryl (Foto: ČT24)Karel Kryl (Foto: ČT24) Auf der Bühne erklang während des Abends unter anderem das bekannteste Lied von Karel Kryl. Der Liedermacher und Dichter lebte ab 1969 im Exil in München und durfte erst nach der Wende in seine Heimat zurückkehren. Seine Lieder und Gedichte kennen heute hierzulande auch junge Menschen, die den Musiker nicht mehr erlebt haben. Der Titel „Ritter der tschechischen Kultur“ wurde posthum auch Karel Kryl verliehen. Die Auszeichnung nahm Jan Kryl entgegen, der Bruder des Musikers:

„Ich bin sehr froh, dass die tschechische, slowakische und auch polnische Gesellschaft meinen Bruder nicht vergessen hat und dass er in seinen Gedichten und Liedern weiterlebt.“

Erika Bezdíčková und Jan Řeřicha (Foto: ČTK / Vít Šimánek)Erika Bezdíčková und Jan Řeřicha (Foto: ČTK / Vít Šimánek) Die Titel überreichten Kulturminister Antonín Staněk (Sozialdemokraten) und der Direktor des Festivals gegen Totalitarismus „Mene Tekel“, Jan Řeřicha. Minister Staněk sagte unter anderem:

„Jenes Volk, das sich seine Geschichte nicht merkt, muss sie wiederholt erleben. Darum erinnern wir uns heute an diejenigen, die sogar ihr Leben riskiert haben, um zu zeigen, dass es sinnvoll ist, sich gegen das Böse in seinen verschiedenen Formen zu stellen.“

Erika Bezdíčková hat den Holocaust überlebt. Die Schriftstellerin wurde zur „Dame der tschechischen Kultur“ erhoben. Sie sei als 14-jährige aus dem KZ zurückgekehrt und habe sich lange nicht getraut, über ihre Erlebnisse zu sprechen, erzählte die Autorin.

Helena Havlíčková (Foto: Archiv des Festivals „Mene Tekel“)Helena Havlíčková (Foto: Archiv des Festivals „Mene Tekel“) „Ich habe bis zu meinem Treffen mit Simon Wiesenthal geschwiegen. Er hat mir die Frage gestellt, ob ich mit jungen Menschen darüber spreche. Er sagte, dass diejenigen, die das Privileg haben, überlebt zu haben, für die sechs Millionen Ermordeten sprechen müssten. Das war der Anlass für mein Buch ,Mein langes Schweigen‘. Ich bin anschließend oft mit Schülern und Studenten nicht nur hierzulande, sondern auch in Deutschland und Österreich zusammengetroffen und habe mit ihnen diskutiert. Ich bin davon überzeugt, wir sollten hoch schätzen, dass wir in Frieden leben und hier keine Diktatur herrscht.“

Ausgezeichnet wurde auch die Schriftstellerin und christliche Aktivistin Helena Havlíčková. Sie emigrierte 1969, also nach dem sowjetischen Einmarsch in der Tschechoslowakei, mit ihrer Familie nach Frankreich. Aus dem Exil unterstützte sie die Christen in ihrer Heimat, die während des Kommunismus verfolgt wurden. Helena Havlíčková konnte an der feierlichen Zeremonie in Prag persönlich nicht teilnehmen, den Titel nahm ihre Tochter Irena Havlicek entgegen. Sie erinnerte daran, dass mehrere der Ausgezeichneten genauso wie ihre Familie gezwungen waren, im Exil zu leben.

Karol Sidon (rechts). Foto: Martina SchneibergováKarol Sidon (rechts). Foto: Martina Schneibergová „Wären sie als Flüchtlinge im Exil nicht mit Respekt aufgenommen worden, hätten sie ihr Werk nicht verwirklichen können. Ich möchte hier denjenigen danken, die einst die Genfer Konvention unterzeichnet haben. Wir sind damals in Frankreich wunderbaren Menschen begegnet, die uns sehr gut aufgenommen haben. Sie interessierten sich zudem dafür, warum wir aus der Heimat flüchten mussten und was sich damals in der Tschechoslowakei abgespielt hat. Dazu muss ich sagen, dass das kleine Land in Mitteleuropa für die Franzosen Anfang der 1970er Jahre genauso exotisch und entfernt war wie für die Tschechen heute Syrien oder Afghanistan.“

Zu „Damen der tschechischen Kultur“ sind posthum auch die bedeutendsten tschechischen Künstlerinnen der Nachkriegszeit, die Schwestern Květa Válová und Jitka Válová, geworden. Der Titel „Ritter der tschechischen Kultur“ wurde dem Schriftsteller und ehemaligen politischen Gefangenen František Šedivý, dem Schriftsteller und Prager Oberrabbiner Karol Sidon und dem Dirigenten Libor Pešek verliehen. Posthum wurden auch der Historiker Zdeněk Kalista und Bühnenbildner Bedřich Barták ausgezeichnet.

Die Titel Ritter und Dame der tschechischen Kultur wurden im Rahmen des internationalen Festivals gegen Totalitarismus „Mene Tekel“ verliehen. Die einwöchige Veranstaltungsreihe wird am Montag in Prag eröffnet.

25-02-2019