Unfälle auf Bahngleisen: Eine Mischung aus Leichtsinn und Inkonsequenz

13-02-2020

In Tschechien sterben jedes Jahr Dutzende Menschen auf Bahngleisen. Viele von ihnen wollen nur schnell die Schienen überqueren und unterschätzen dabei die Gefahr eines heranrasenden Zuges. Andere wiederum wollen ihrem Leben auf diese Weise bewusst ein Ende setzen. Der Tschechische Rundfunk hat nun eine Karte zu Bahnunfällen auf seiner Webseite veröffentlicht.

Warnschild „Betreten der Gleise verboten“ (Foto: Archiv der tschechischen Polizei)Warnschild „Betreten der Gleise verboten“ (Foto: Archiv der tschechischen Polizei)

Bahnübergang bei Beroun (Foto: Peter L. Svendsen, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Bahnübergang bei Beroun (Foto: Peter L. Svendsen, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0) Wenn das Warnsignal an Bahnübergängen ertönt, sollte man warten und einen tonnenschweren Zug gefahrlos passieren lassen. So mancher Tscheche unterschätzt aber das Risiko, wenn er schneller an sein Ziel kommen will.

„Ich muss sonst einen langen Umweg nehmen, wodurch ich zehn Minuten länger bräuchte. Aber ich bin vorsichtig und schaue mich immer zweimal um“, antwortet der junge František einem Rundfunkreporter auf die Frage, warum er die Warnschilder „Betreten der Gleise verboten“ einfach ignoriert habe.

Dieses Beispiel aus dem Umfeld des Prager Hauptbahnhofs aber ist nur eines von vielen, wie leichtfertig einige Menschen hierzulande mit ihrem Schicksal umgehen. Rentner Jan aber weiß das Wagnis richtig einzuordnen:

„Heutzutage fahren die Züge so leise, dass man sie selbst aus der Nähe kaum noch hören kann“, sagt der Rentner.

Jan Kučera (Foto: Archiv der tschechischen Bahninspektion)Jan Kučera (Foto: Archiv der tschechischen Bahninspektion) Das bestätigt auch Jan Kučera von der Bahninspektion. Der Generalinspektor fügt noch hinzu:

„Ich möchte unterstreichen, dass ein Zug in einer Sekunde bis zu 43 Meter zurücklegt. Ist es dazu noch neblig, und sind Geräusche nur schwer zu hören, dann schafft man es nicht, die Gleise gefahrlos zu überqueren. Selbst dann nicht, wenn man sich vorher noch umgeschaut hat.“

Im vergangenen Jahr sind hierzulande 240 Menschen von Zügen überfahren worden. 211 davon waren Selbstmörder, führt die Statistik der tschechischen Bahnverwaltung (SŽ) dazu aus. Ihr Anteil an den Unfalltoten liegt also bei rund 85 Prozent. Warum aber suchen lebensmüde Menschen den Tod auf dem Schienenstrang? Auch das habe etwas mit der leichten Zugänglichkeit der Bahngleise zu tun, sagt der Psychologe der Masaryk-Universität in Brno / Brünn, Miroslav Světlák:

„Falls der Zug ein natürlicher Bestandteil ihres Alltags ist, dann ist er wohl auch die erste Sache, die sich diesen Menschen zum Suizid anbietet.“

Foto: Archiv der tschechischen PolizeiFoto: Archiv der tschechischen Polizei Die Unfallstatistik auf den tschechischen Gleisen sieht auch für die Jahre vor 2019 ähnlich aus. Daher hat sich die Bahnverwaltung längst damit befasst, das Betreten der Gleise zumindest teilweise durch Zäune oder andere Barrieren zu erschweren. Doch der Effekt sei ziemlich gering, sagt die Sprecherin der Bahnverwaltung, Nela Friebová:

„Das Missachten der Vorschriften und das überflüssige Risiko, einen Weg um ein paar Meter zu verkürzen, sind allgegenwärtig. Das unbefugte Betreten der Bahngleise durch Personen, von denen viele eine Selbstmordabsicht haben, lässt sich nur schwer vorhersehen und verhindern.“

Friebová ergänzt, dass auch die bisherigen Sicherheitsvorkehrungen oft nicht greifen. Zäune würden aufgeschnitten oder Mauern eingerissen, so die Sprecherin. Gibt es also kein Mittel, diesem Problem Einhalt zu gebieten? Vielleicht doch, nur dazu müsste beispielsweise die Polizei auch konsequenter durchgreifen. Hier noch ein Beispiel, wie es landläufig so zugeht, wenn ein Passant von Polizisten gestellt wird, nachdem er unbefugt über die Gleise gelaufen ist. Der Dialog ereignete sich auf dem Bahnhof Říčany unweit von Prag. Der Polizist:

Foto: Archiv der tschechischen PolizeiFoto: Archiv der tschechischen Polizei „Die Polizei kann Ihnen für Ihr Vergehen eine Strafe von 1000 Kronen auferlegen. Die Bahnbehörde könnte unter Umständen bis zu 10.000 Kronen verlangen. Nichtsdestotrotz können wir das mit Ihnen einvernehmlich lösen. Sind Sie einverstanden?“

Und die erleichterte Antwort des Betroffenen?

„Ja, ja.“

13-02-2020