Unbekannte kubistische Perle - Hus-Kirche in Pecky

29-06-2006

Dass es einige einzigartige Beispiele kubistischer Architektur in der tschechischen Hauptstadt gibt, ist für die Prag-Kenner und Kunstliebhaber nichts Neues. Am bekanntesten davon ist das Haus "Zur schwarzen Muttergottes" in der Prager Altstadt, in dem man neben dem Museum des tschechischen Kubismus auch ein kubistisches Cafe findet. Dass sich jedoch ein typisches Beispiel der kubistischen Architektur in der kleinen mittelböhmischen Stadt Pecky verbirgt, ahnen bis heute auch viele Experten nicht. Mehr über das einzigartige kubistische Kircheninterieur der Welt erfahren Sie von Martina Schneibergova.

Hus-Kirche in Pecky (Foto: Autorin)Hus-Kirche in Pecky (Foto: Autorin) Die etwa 4.000 Einwohner zählende Stadt Pecky hat erst dank dem Ausbau des Eisenbahnverkehrs im 19. Jahrhundert an Bedeutung gewonnen. Sie liegt an der Hauptstrecke Prag - Ceska Trebova, etwa 50 Kilometer östlich von Prag. Die evangelische Jan Hus-Kirche ist von außen ein eher unauffälliger Sakralbau, bereits das zum Kircheneingang führende Gartentor ist aber eindeutig kubistisch. Kunsthistoriker Miloslav Vlk, der selbst in Pecky wohnt, bemüht sich darum, auf die einzigartige Sehenswürdigkeit aufmerksam zu machen.

"Es ist eine Kirche, die der Aufmerksamkeit der Fachöffentlichkeit entgangen ist. Der Bau entstand in den Jahren 1914 - 1916. Das Projekt stammt von Architekt Oldrich Liska, einem Mitarbeiter des namhaften Architekten Josef Gocar. Es ist beachtenswert, dass anlässlich des 500. Todestags des Kirchenreformators Jan Hus an verschiedenen Orten Böhmens Hus-Denkmäler errichtet wurden. Hier aber wurde gleich eine ganze Kirche gebaut."

Der Bau wurde von der evangelischen Brüdergemeinde in Pecky initiiert. Jan Hus war am 6. Juli 1415 als Ketzer auf dem Scheiterhaufen in Konstanz verbrannt worden. Zum Gedenken an den Märtyrertod des böhmischen Predigers sollte die ihm geweihte Kirche im Juli 1915 eröffnet werden. Durch den Krieg wurden die Bauarbeiten jedoch verlangsamt, die stilmäßig sehr rein eingerichtete Hus-Kirche konnte erst 1916 eingeweiht werden: Foto: AutorinFoto: Autorin

"Sie ist vor allem aus kunsthistorischer Sicht beachtenswert, denn es ist das einzige kubistische Kircheninterieur, das es auf der Welt gibt. Es geht um die Frühetappe des Kubismus, für die schiefe Flächen und sehr strenge und einfache Farbenkombinationen typisch sind. Die gesamte Einrichtung, von den Fenstervitragen beginnend, über die Böden, die Kanzel, die Bänke, die Orgel bis zu der herrlichen Mensa, ist komplett kubistisch, und alles wurde nach den Entwürfen von Architekt Liska hergestellt."

In der kubistischen Hus-Kirche treffen die evangelischen Gläubigen aus Pecky seit nunmehr 90 Jahren zu Gottesdiensten zusammen. Weiteren Kreisen blieb jedoch lange verborgen, was für eine kunsthistorische Perle das Gotteshaus darstellt. Der 6. Juli, der Tag an dem Jan Hus starb, wird in Tschechien als Staatsfeiertag begangen. Am kommenden Donnerstag, dem 6. Juli, wird die Öffentlichkeit offensichtlich zum ersten Mal die Möglichkeit haben, die Kirche in Pecky zu besichtigen. Dr. Vlk wird dort als fachkundiger Begleiter um 10 und um 14 Uhr zur Verfügung stehen.

29-06-2006