Tschechische Bahn verliert immer mehr Lokführer an die Konkurrenz

Noch zu Ende des 20. Jahrhunderts galt Lokführer als Traumberuf. Doch ungeregelte Arbeitszeiten schaden dem Traum, besonders wenn man eine Lokomotive der Tschechischen Bahn (ČD) bedient. Auch deswegen zieht der Staatsbetrieb gegen die private Konkurrenz immer mehr den Kürzeren und verliert an sie seine besten Leute, berichtete neulich das Tschechische Fernsehen (ČT).

Foto: Reinhold Möller, CC BY-SA 4.0Foto: Reinhold Möller, CC BY-SA 4.0 Auf der wichtigsten Bahnstrecke des Landes von Prag nach Ostrava / Ostrau ist es schon ein gewohntes Bild: Täglich begegnen sich die blauen Züge der Tschechischen Bahn und die gelben Waggons von Regiojet mehrfach auf dem zweigleisigen Schienenstrang. Und nicht selten sitzt dabei ein ehemaliger Lokführer der Staatsfirma am Führerstand der Lok des Privatunternehmens. Diesen Wechsel hat auch David Kubeš vor einigen Jahren vollzogen:

„Ich wollte immer Fernzüge fahren. Nach meinem Umzug von Ostböhmen nach Prag hätte ich darauf wohl noch eine Zeitlang warten müssen. Denn in der Hauptstadt sind vor allem Lokführer für die regionalen Vorstadtzüge gefragt.“

Also entschied sich Kubeš, bei der privaten Konkurrenz anzuheuern. Diesen Schritt hat er bis heute nicht bereut. Im Gegenteil: Anstatt täglich von Prag nach Karlštejn / Karlstein oder Melník Pendler zu befördern, fährt er bis nach Bratislava oder Košice / Kaschau. Am slowakischen Zielort angelangt, darf er ausschlafen, und nach der Rückfahrt hat er bis zu drei Tage frei.

Von solch arbeitsfreundlichen Bedingungen können die Beschäftigten der Tschechischen Bahn nur träumen. Ein normaler Acht-Stunden-Arbeitstag ist hier eher die Ausnahme, bestätigt der Vorsitzende der Lokführer-Gewerkschaft, Jaroslav Vondrovic:

Foto: Škoda Transportation, CC BY-SA 3.0Foto: Škoda Transportation, CC BY-SA 3.0 „Wenn der Lokführer seine Schicht beispielsweise um vier Uhr morgens beginnt, beendet er sie vielleicht erst nach zwölf Stunden. Doch die tatsächliche Zeit, die ihm als Arbeitsleistung angerechnet wird, beträgt nur acht Stunden.“

Mit anderen Worten: Die Lokführer des Staatsbetriebs müssen Überstunden schieben, ohne dass sie ihnen entsprechend vergütet werden. Ihr monatliches Grundgehalt liegt bei 35.000 Kronen (1370 Euro) brutto. Deutlich mehr verdienen die Lokführer der privaten Firmen, zu denen neben Regiojet auch Leo Express und Arriva gehören. Dort wird ein Monatsgehalt zwischen 35.000 und 50.000 Kronen (1950 Euro) gezahlt. Zudem werden die Überstunden entlohnt.

Dies ist auch der wesentliche Grund, warum Beschäftigte der Staatsbahn immer häufiger zur Konkurrenz wechseln. Ein ziemlich neuer Kollege von David Kubeš ist Michal Kopťára, hierzulande bekannt geworden durch seinen Account „strojvedoucí z Twitteru“ (Lokführer via Twitter). Zur Arbeitskräftesituation bei der Tschechischen Bahn bemerkt er:

„Dort fehlen jede Menge Lokführer, und deswegen läuft diese Bahngesellschaft auf der letzten Rille.“

Und ČD-Sprecher Petr Šťáhlavský bestätigt:

„Gegenwärtig fehlen der Tschechischen Bahn zirka 150 Lokführer. Der Arbeitsumfang ist zudem in diesem Jahr noch größer.“

Und die Lage dürfte sich gegen Jahresende noch verschärfen. Dann wird die Tschechische Bahn einen Teil ihrer Aufträge verlieren, die privaten Anbieter werden im Dezember rund fünf Prozent der subventionierten Leistungen übernehmen. Und dafür brauchen sie weitere rund 100 Lokführer.