Tschechiens neues Tor zu Afrika

Premier Babiš ist mit einer Wirtschaftsdelegation nach Marokko gereist. Von da aus wollen tschechische Firmen Afrika erobern. Strahinja Bućan fasst zusammen.

LGV von Tanger nach Casablanca (Foto: Jon Worth, Flickr, CC BY 2.0)LGV von Tanger nach Casablanca (Foto: Jon Worth, Flickr, CC BY 2.0) Mit bis zu 200 Stundenkilometern von Tanger nach Casablanca. Die Fahrt mit dem sogenannten LGV war eines der Highlights beim Besuch von Tschechiens Premier Andrej Babiš in Marokko. Denn die Hochgeschwindigkeitsverbindung ist nicht nur ein Meilenstein für den Verkehr in Afrika, sondern auch klare Inspiration für Tschechien:

„Der schnelle Ausbau der Bahnstrecke war wahrscheinlich durch die günstigen Baugesetze möglich. Außerdem gibt es hier scheinbar keine Aktivisten, die solche Investitionen verhindern. Ich bin wirklich überrascht, wie sich Marokko in den vergangenen Jahren gewandelt hat.“

Babiš kann das gut beurteilen, den Premier verbindet nämlich viel mit dem Wüstenkönigreich zwischen Mittelmeer und Atlantik. Von 1986 bis 1991 war der Ano-Politiker im Außenhandel tätig und dabei in Rabat stationiert. Doch nicht nur deshalb ist für die Regierung in Prag das Land ein ideales Tor zu Afrika. Wirtschaftsministerin Marta Nováková (parteilos) war mit dabei auf der zweitägigen Reise:

„Die Marokkaner erwarten von uns in erster Linie massive Investitionen. So ist die Jugendarbeitslosigkeit hierzulande sehr hoch, etwa drei bis fünf Millionen junge Menschen haben in Marokko keinen Job.“

Andrej Babiš in Marokko (Foto: Facebook von Andrej Babiš)Andrej Babiš in Marokko (Foto: Facebook von Andrej Babiš) Und tatsächlich könnte viel Geld aus Tschechien nach Nordafrika fließen. Premier Babiš hält ein Volumen von 3,5 Milliarden Euro für realistisch. Investieren könnte vor allem die Automobilindustrie. Für Skoda und Co. ist es nämlich praktischer und billiger, direkt in Afrika zu produzieren, als dorthin zu exportieren. Der Regierungschef hat schon konkrete Pläne für eine Zusammenarbeit im Automotive-Sektor:

„Tschechische Firmen könnten beispielsweise Sub-Unternehmer von marokkanischen Autoherstellern werden.“

Von marokkanischer Seite wird das tschechische Interesse an dem Land gut aufgenommen, immerhin will sich Rabat weiter nach Westen öffnen. Es sei auch ein starkes emotionales Signal von Babiš, Marokko als erste Station in Richtung Afrika gewählt zu haben, meinte unter anderem Salaheddine Mezouar. Der ehemalige marokkanische Außenminister leitet mittlerweile den CGEM, den wichtigsten Unternehmerverband des Landes.

Jaroslav Hanák (Foto: Tito Varhanov, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Jaroslav Hanák (Foto: Tito Varhanov, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0) Für die tschechischen Unternehmer – immerhin wurde Babiš von einer großen Wirtschaftsdelegation begleitet – ist Marokko außerdem als Wissenschaftsstandort interessant. Das bestätigt auch Jaroslav Hanák vom Verband für Industrie und Verkehr:

„Unsere marokkanischen Freunde interessieren sich sehr für aktuelle Forschungsprojekte in Tschechien. Besonders angetan hat es ihnen eines von der Technischen Universität in Prag. Dabei wird Wasser aus der Wüstenluft gewonnen.“

Natürlich ging es bei Babišs Reise nicht nur ums Geschäft. Die Gespräche mit mit dem marokkanischen Premier Saadeddine Othmani drehten sich hauptsächlich um das brennendste Thema zwischen Europa und Nordafrika – und zwar um die illegale Migration.