Sterben in Tschechien

14-07-2004

Das menschliche Leben besteht aus mehreren Etappen, Phasen bzw. Zeiträumen, die freudenreich sind, oder auch nicht - zum Teil nach dem Motto: Jeder ist seines Glückes eigener Schmied. Dann kommt für jeden ohne Ausnahme die letzte Etappe des Lebens - mit dem Tod als Schlusspunkt, dem die meisten mit flauen Gefühlen oder Angst entgegensehen. Die Mehrheit der Tschechen hat dafür einen Grund, wie aus einer Studie hervorgeht. Mehr zu diesem Thema im folgenden Beitrag von Jitka Mladkova:

Wie stirbt man in Tschechien? Dieser Frage gilt eine Studie, die hierzulande aufgrund einer zweijährigen Meinungsforschung, von der Gesellschaft Cesta domu (Heimweg) erstellt wurde. Mit welchen Ergebnissen, fragten wir ihre Leiterin Martina Spinkova. Das Fazit der Studie, die von den Meinungen vieler Mediziner, Medizinstudenten und Mitarbeitern verschiedener Pflegeheime, aber auch vieler Patienten und ihrer Familienangehörigen ausgeht, fasst Frau Spinkova wie folgt zusammen:

"Aus all den Untersuchungen geht eindeutig hervor, dass es gar nicht gut oder schön ist, wie bei uns die Menschen jene Zeit, die dem Tod vorausgeht und keineswegs die am wenigsten bedeutende Lebensetappe darstellt, erleben. Oft geschieht es unter unwürdigen Bedingungen. 70 bis 80 Prozent der jährlich etwa 100 000 Sterbenden scheiden einsam aus dem Leben in Krankenhäusern bzw. Pflegeinstitutionen. Dieselbe Zahl der Menschen wünscht sich dabei zu Hause und womöglich in Anwesenheit ihrer Familienangehörigen zu sterben."

Diese Situation bezeichnet Martina Spinkova als allarmierend. Worauf führt sie den aktuellen Stand der Dinge zurück?

"Es geht teilweise um die Kehrseite der glänzenden Medaille, die die heutige Medizin darstellt. Sie hat große Fortschritte gemacht und kann viele Krankheiten eben in Krankenhäusern heilen. Auch solche, die nicht nur vor 100, 50, sondern sogar noch vor zehn Jahren unheilbar waren. Dies erweckt enormes Vertrauen in medizinische Einrichtungen. Für den Zeitraum des Lebens, wenn es nicht um die Heilung einer Krankheit, vielmehr aber um die Pflege und Leidminderung geht, können diese Einrichtungen den Bedürftigen dies leider nicht gewähren."

Soweit sei die Zivilisation auf ihrem Weg gelangt und könne nicht mehr zurück. Die Zeiten, in denen die gesamte Familie mit dem sterbenden Opa unter einem Dach lebte, sind längst vorbei, meint die Leiterin der Gesellschaft Heimweg, Martina Spinkova. Man lebe länger und man sterbe länger und der Tod gelte als Tabu, sagt sie. Man muss also den Tod enttabuisieren, und außerdem?

"Gleichzeitig brauchen wir Systemänderungen. Wir brauchen entgegenkommende Behörden, wie es die z.B. in Großbritannien oder in Deutschland gibt, die einsehen, dass der Weg der so genannten Palliativmedizin der richtige ist. Man braucht auch ein Netz kompetenter Institutionen und nicht zuletzt auch Parlamentarier, die dies durchsetzen können,"

sagt Martina Spinkova. Man brauche für diesen Bereich gut geschultes medizinisches Personal, entsprechende Finanzmittel, moderne Pflegeeinrichtungen und nicht zuletzt auch Initiativen von unten, um die Unzufriedenheit mit dem Stand der Dinge zum Ausdruck zu bringen. Denn - so Spinkova wörtlich - die Sterbenden können nicht demonstrieren und nicht einmal lautstark eine Besserung der Situation fordern.

14-07-2004