Stadt aus Künstlersicht

09-10-2019

Wem gehört die Stadt? Wodurch wird sie geprägt? Nach Antworten auf diese und ähnliche Fragen suchen Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland und Tschechien, deren Werke in einer neuen Ausstellung in Prag zu sehen sind. Unter dem Titel „Vzduch ve městě / City Air“ wurde die Schau am Dienstag in der Galerie der Kritiker eröffnet.

Ausstellung mit dem Titel „Vzduch ve městě / City Air“ (Foto: Martina Schneibergová)Ausstellung mit dem Titel „Vzduch ve městě / City Air“ (Foto: Martina Schneibergová)

Edita Pattová und ihr Gemälde "Neon Dreamer" Foto: Martina SchneibergováEdita Pattová und ihr Gemälde "Neon Dreamer" Foto: Martina Schneibergová Die Prager Ausstellung zeigt einige Werke, die im vergangenen Jahr schon in Leipzig zu sehen waren, aber nicht nur das. Dazu kommen Gemälde und Installationen von vier tschechischen Künstlerinnen und Künstlern. Vlasta Čiháková Noshiro ist Mitkuratorin der Schau:

„Die Zusammenarbeit mit den deutschen Künstlern verdanken wir Martin Kreim, der aus Tschechien stammt, aber in Leipzig lebt und arbeitet. Vor etwa zwölf Jahren haben wir Kontakte geknüpft, und seitdem gibt es einen Austausch. Wir stellen in Leipzig aus, sie zeigen ihre Werke in Prag, und richten wir gemeinsame thematische Ausstellungen aus.“

Der Titel „Stadtluft“, der von der Leipziger Ausstellung übernommen wurde, spielt an auf die mittelalterliche Aussage „Stadtluft macht frei“. Die Bedeutung dieser Worte hat sich jedoch im Laufe der Jahrhunderte gewandelt.

"Planet mit Augen" von Tomáš Sejkora Foto: Martina Schneibergová"Planet mit Augen" von Tomáš Sejkora Foto: Martina Schneibergová In der Galerie der Kritiker werden Werke von unterschiedlicher Zielrichtung gezeigt. Manche beschäftigen sich mit dem Alltag in der Stadt, andere mit der Beziehung von Stadt und Natur zueinander oder auch mit der Stadt als einem Ort, in dem man sich verliert.

Tomáš Sejkora ist einer der tschechischen Künstler, die in der Ausstellung zu sehen sind. Über seine Gemälde sagte die Kuratorin:

„In Sejkoras Schaffen herrscht eine Spannung zwischen der Wahrnehmung von Zivilisationsphänomenen und der Flucht in die Natur. Das hat ihn angeregt, eine eigene Welt zu kreieren. Es sind sehr präzise gestaltete, ein wenig surrealistische Motive oder auch Science-Fiction-Bilder, je nachdem, wie der Besucher es wahrnehmen will.“

Die Stadt sei ein vom Menschen künstlich geschaffener Raum. Und das sei ein grundlegender Unterschied zur Natur, sagt Tomáš Sejkora:

„Diese beiden Pole werden bei mir miteinander konfrontiert. Ich bin am Stadtrand von Hradec Králové, in industrieller Umgebung aufgewachsen. Aus dieser hässlichen Peripherie der Stadt bin ich oft in die Natur geflüchtet. Dort findet man Gleichgewicht und Ruhe. Eventuell hält man mich als Künstler für einen Surrealisten, aber ich lehne mich eher an die Barockmalerei an, die viel mit Symbolen spielt. Ich bemühe mich, einen Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Die Objekte auf meinen Bildern hier weisen auf etwas hin. Der Betrachter soll zum Nachdenken, Meditieren und der Suche nach dem Sinn angehalten werden.“

Gemälde aus der Serie über Stadt Prypjat von Lukáš Havrda (Foto: Martina Schneibergová)Gemälde aus der Serie über Stadt Prypjat von Lukáš Havrda (Foto: Martina Schneibergová) Ein weiterer Künstler ist Lukáš Havrda. Er zeigt einige Gemälde aus seiner Serie über die Stadt Prypjat, die er vor etwa fünf Jahren gemalt hat.

„Das Schicksal der Stadt nach der Katastrophe von Tschernobyl kennt jeder. Von einem Tag auf den anderen mussten die Bewohner Prypjat verlassen. Es ist interessant zu beobachten, wie die Natur den Ort nach den vielen Jahren wieder zurückerobert. Diese Gemälde habe ich Attraktion 1 bis 3 genannt. Die Stadt ist inzwischen zu einem Besucherziel geworden, da es Reiseveranstalter gibt, die Touristen dorthin bringen. Ist das aber moralisch vertretbar? Auch darauf wollte ich aufmerksam machen. Wie fühlt es sich für die noch lebenden früheren Bewohner an, wenn sie sehen, wie in ihren Häusern jemand Selfies macht?“

Lukáš Havrda hat selbst Prypjat nicht besucht, er hat Fotografien der Geisterstadt genutzt.

In der Ausstellung ist zudem eine Installation von Jitka Kopejtková zu sehen sowie ein Gemälde von Edita Pattová, das mit einem Videospiel kombiniert ist. Gezeigt werden zudem Gemälde von Martin Kreim, Metulczki, Stefan Schwarzmüller und Oliver Stäudlin.

Die Ausstellung mit dem Titel „Vzduch ve městě / City Air“ ist in der Galerie der Kritiker im Prager Palast Adria zu sehen, und zwar bis 3. November.

09-10-2019