Prager warnen vor Antisemitismus

Am Sonntagnachmittag haben mehrere Hundert Menschen bei einer Veranstaltung in Prag der Opfer des Holocaust gedacht. Dabei warnten sie zudem vor dem heutigen Antisemitismus.

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová

Hana Sternlicht (Foto: Archiv Paměť národa)Hana Sternlicht (Foto: Archiv Paměť národa) Vom Altstädter Ring haben sich die Teilnehmer des sogenannten „Marsches des guten Willens“ durch die Josefstadt / Josefov in Richtung Kleinseite begeben. Im Waldstein-Garten wurde das Programm mit einer Tanzvorstellung, Lesungen und Musik fortgesetzt. Höhepunkt der Aktion war dann eine Lesung aus den Erinnerungen der Holocaust-Überlebenden Hana Sternlicht. Sie stammt aus der ostböhmischen Stadt Holice. Die nationalsozialistische Okkupation und den Beginn der Judenverfolgung hat sie immer noch gut in Erinnerung.

„Jeden Tag wurde ein neuer Erlass darüber herausgegeben, was erlaubt und nicht erlaubt war. Einmal bin ich am Abend mit meinem Papa spazierengegangen. Jemand hat uns denunziert, dass wir noch fünf Minuten nach acht Uhr vor dem Haus standen. Denn bis acht Uhr sollten wir alle drin sein.“

Hana wurde mit ihren Eltern zuerst nach Theresienstadt gebracht und später nach Auschwitz verschleppt. Hanas Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Zu Ende des Krieges wurde sie nach Mauthausen gebracht.

„Ich war schon in einem so schlechten Zustand, dass ich dachte, mein Ende sei schon gekommen. Ich habe damals davon geträumt, wie herrlich es wäre, wenn uns jemand befreien würde. Als die Amerikaner am 5. Mai da waren, hatte ich keine Kraft mehr, um aufzustehen und sie zu begrüßen.“

Hana Sternlicht (Foto: Martina Schneibergová)Hana Sternlicht (Foto: Martina Schneibergová) Sie kehrte nach dem Krieg nach Holice zurück, aber niemand mehr hat sie dort erkannt. 1949 emigrierte sie mit ihrem künftigen Mann nach Israel, wo sie bis heute lebt. Über ihr Schicksal hat sie ein Buch geschrieben. Am Sonntag verlieh der Bürgermeister der ostböhmischen Kleinstadt, Ondřej Výborný (Pro Holice), Hana Sternlicht die Ehrenbürgerschaft. Er entschuldigte sich zudem dafür, dass dies nicht schon früher geschehen sei. Aber nicht nur das:

„In ihrem Buch erinnert sich Hana Sternlicht an ein Erlebnis aus ihrer Kindheit in Holice. Sie ist damals heimlich ins Kino gegangen, gezeigt wurde der Film ,Schneewittchen und die sieben Zwerge‘. Sie wurde jedoch aus dem Saal geworfen. Jemand hatte sich beschwert, dass eine Jüdin im Kino war. Ich finde es wichtig, daran zu erinnern. Bei diesem Treffen wird über Toleranz und das gegenseitige Verständnis gesprochen. Jeder von uns kann in seiner nächsten Umgebung dazu beitragen. Ich habe hier für Hana Sternlicht eine weitere Mappe mitgebracht: mit dem Schneewittchen-Film und einigen historischen Plakaten.“

An der Veranstaltung hat am Sonntag auch eine Gruppe von 70 Jugendlichen aus Deutschland teilgenommen. Salome hält das Treffen mit den Holocaust-Überlebenden für besonders wichtig:

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová „Das ist total wichtig, weil man sonst nur das Lehrbuch hat und alles so weit weg liegt. Aber sobald man einen nahen Bezug bekommt und jemanden persönlich sprechen hört, das ist etwas sehr Berührendes.“

Timon hat die rege Teilnahme an der Kundgebung tief beeindruckt:

„Viele Leute, die auf der Straße rumstanden, haben nachgefragt, worum es geht, und haben sich dafür interessiert. Sie haben sich spontan angeschlossen und sind mitgelaufen.“

Christoph Scharnweber hat die Gruppe von jungen Deutschen nach Prag gebracht. In jedem Land Europas sei der Antisemitismus unterschiedlich stark, sagte der ICEJ-Aktivist.

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová „In Deutschland haben wir aufgrund der Vergangenheit einen schlafenden Antisemitismus gehabt. In den letzten Jahren steigt der Mut mancher Menschen, sich öffentlich antisemitisch zu äußern. Wir haben in Deutschland zudem eine Zuwanderung aus Ländern, die klassisch eher eine antisemitische Haltung haben. Aber ich glaube, dahinter steckt vor allem der Versuch, zu vereinfachen und zu sagen, die Probleme dieser Welt müssen irgendwo herkommen und das schiebt man den Juden zu. Gegen derartige Lügen müssen wir kämpfen. Mich hat heute tief beeindruckt, dass viele Menschen an der Kundgebung teilgenommen haben und wie deutlich sich der Senat des Parlaments dazu bekannt hat. Außerdem waren viele Politiker hier. Die tolle Veranstaltung kann ein Beispiel für andere Länder dienen.“

Die Veranstaltung mit dem Titel „Mit Kultur gegen Antisemitismus“ wurde in Prag zum 16. Mal von der christlichen Organisation ICEJ organisiert.