Populismus: „Optimistin“ Albright macht sich Sorgen

Geboren ist sie in der früheren Tschechoslowakei, aber ihre Familie musste zunächst vor den Nationalsozialisten fliehen und 1948 vor den Kommunisten. Die Rede ist von der ehemaligen US-Außenministerin Madeleine Albright. Heute beobachtet sie, wie die Demokratie erneut bedroht ist. Mit dieser Entwicklung setzt sie sich in ihrem neuen Buch auseinander, „Faschismus. Eine Warnung“ heißt es. Ian Willoughby von Radio Prag hatte in New York die Möglichkeit, mit Albright zu sprechen. Im Folgenden hören Sie Ausschnitte aus dem Interview.

Madeleine Albright (Foto: Archiv der Columbia-Universität in der Stadt New York)Madeleine Albright (Foto: Archiv der Columbia-Universität in der Stadt New York) Seit ihren Tagen in der aktiven Politik haben sich die USA politisch verändert. Madeleine Albright war unter Präsident Bill Clinton von 1997 bis 2001 Außenministerin. Heute sitzt Donald Trump im Weißen Haus. Einen Faschisten zwar könne man den heutigen amerikanischen Präsidenten nicht nennen, aber sie sagt:

„Er ist der am wenigsten demokratische Präsident in der modernen amerikanischen Geschichte. Mit einem Faschisten hat er gemein, dass er Gesetze nicht respektiert. Er glaubt, er stehe über ihnen. Dann gehört dazu auch die Idee, dass die Presse volksfeindlich sei. Die Suche nach Sündenböcken ist ein weiteres verbindendes Element. So hat Trump besonders Moslems oder Mexikaner als Terroristen oder Drogendealer verunglimpft. Das alles ist eine Kombination aus autoritären und faschistischen Elementen. Ich bezeichne ihn zwar nicht als Faschisten, aber einige Dinge an ihm machen mich nervös.“

Mit Populismus lasse sich das Phänomen allerdings nur unzureichend erklären, findet Albright.

„Ich äußere mich in meinem Buch nicht negativ über Populismus. Denn Demokratien brauchen ja das Volk. Populismus kann also in die eine oder andere Richtung gehen. Was aber derzeit geschieht, ist ein Vertrauensverlust in Institutionen.“

Das geschieht auch dort, wo Albrights Familie ursprünglich herkommt – also in Prag beziehungsweise im heutigen Tschechien. Allgemein hat sich in den Staaten Mittel- und Osteuropas die Stimmung seit den 1990er Jahren enorm gewandelt. Während die Menschen damals noch Nato und EU als ein Versprechen sahen, hagelt es heute Kritik an Brüssel und dem Westen. Wo kommt das her?

Foto: Daniel Diaz Bardillo, Pixabay / CC0Foto: Daniel Diaz Bardillo, Pixabay / CC0 „Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Ich denke, dass dort immer noch ambivalente Gefühle herrschen. Viele der Länder wollen weiter zur EU gehören. Der Nato-Beitritt war auch jeweils der Wunsch gewesen. Aber man ist dort enttäuscht darüber, wie Brüssel funktioniert. Und man fühlt sich nicht ganz ernst genommen, als ob die Westeuropäer etwas auf einen herabblicken würden.“

Madeleine Albright wurde als Kind zweimal zum Flüchtling vor undemokratischen Regimen. 1939 entkam ihre Familie der deutschen Wehrmacht, die in Prag einmarschiert war. Dann kehrte man aus London in die Heimat zurück. Doch 1948 die erneute Flucht – diesmal vor den Kommunisten, die die Macht in der Tschechoslowakei übernommen hatten. Doch heute machen in Prag, in Warschau oder in Budapest viele Politiker Stimmung gegen Flüchtlinge…

„Ehrlich gesagt, ekelt mich das an. Ich bin sicher ein sehr dankbarer Flüchtling gewesen, aber ich bin irritiert vom Verhalten der Staaten Mittel- und Osteuropas. Sie verlassen sich auf den guten Willen anderer Länder, fremde Menschen aufzunehmen“, so Albright.

In ihrem Buch „Faschismus. Eine Warnung“ zieht sie eine Linie von den 1920er Jahren bis heute. Man habe ihr deswegen Alarmismus vorgeworfen, gesteht die 81-jährige Ex-Politikerin. Aber ihr Buch solle auch wachrütteln, sagt Madeleine Albright:

„Die Menschen sollten sich bewusst sein, dass Mussolini als erster Faschist, und dann Hitler und Franco, auf konstitutionellem Weg an die Macht gekommen sind. Und die heutigen Machthaber, über die ich schreibe, wie Orbán, Duterte oder Chávez, sind alle gewählt worden. Nur die Sowjets beziehungsweise die Russen und die Chinesen hatten eine Revolution. Und nebenbei noch: Ich unterscheide nicht zwischen Links und Rechts, Faschisten gibt es auf beiden Seiten.“

Der liberale Staat ist also heute unter Druck. Doch insgesamt ist die frühere Außenministerin zuversichtlich, dass das Pendel irgendwann wieder zurückschlägt:

„Tatsächlich werde ich häufig gefragt, ob ich eine Optimistin oder eine Pessimistin bin. Ich bin eine Optimistin, die sich viele Sorgen macht.“