Politik lernen: Junge Tschechen hospitieren erneut im Bundestag

Jedes Jahr lernen 120 ausländische Hochschulabsolventen ganz ungefiltert die deutsche Politik kennen. Sie arbeiten dazu fünf Monate lang im Bundestag bei einem der Abgeordneten mit. Möglich ist dies durch das sogenannte Internationale Parlamentsstipendium. Am Dienstag fanden in Prag die Gespräche mit neuen Bewerbern aus Tschechien statt.

Pavel Pražák (Foto: Archiv von Pavel Pražák)Pavel Pražák (Foto: Archiv von Pavel Pražák) Es sind junge Leute wie Pavel Pražák, die sich mehrere Monate lang dem deutschen Politbetrieb stellen. Der Tscheche ist Jurist und hospitierte in der ersten Jahreshälfte 2012 im Bundestag. Und zwar bei der bayerischen SPD-Abgeordneten Petra Ernstberger.

„Mir ist vor allem die positive Arbeit im Kopf geblieben, die im Büro von Petra Ernstberger immer zu sehen war. Das sind die Ideale, die sie hat, ganz besonders wenn es um die Beziehungen zwischen Deutschland und Tschechien geht. Wenn ich dann ab und zu in den tschechischen Medien mitbekomme, welche Kultur in unserem parlamentarischem System herrscht, dann bin ich etwas traurig, dass hierzulande noch nicht das gute Niveau des Bundestags erreicht wird“, so Pražák.

Gerade Petra Ernstberger hat dieses Jahr die Auswahlgespräche in Prag geleitet - die Abgeordnete aus Marktredwitz war schließlich viele Jahre lang Vorsitzende der Deutsch-Tschechischen Parlamentariergruppe. Eins ist klar: Erneut überstieg die Bewerberzahl deutlich die möglichen Plätze. Das Stipendium für den Bundestag ist beliebt, und das hat seine Gründe. Petra Ernstberger:

Petra Ernstberger (Foto: AG Gymnasium Melle, Wikimedia CC BY-SA 4.0)Petra Ernstberger (Foto: AG Gymnasium Melle, Wikimedia CC BY-SA 4.0) „Wir sind eines der ganz wenigen Parlamente, die überhaupt solch ein Stipendium anbieten. Das bedeutet, dass Hochschulabsolventen für fünf Monate nach Deutschland kommen, wobei der Bundestag vollständig die Kosten übernimmt.“

Dafür werden an die Bewerber hohe Anforderungen gestellt, schließlich sollten sie möglichst intensiv im jeweiligen Abgeordnetenbüro mithelfen. Nebenher besteht zudem die Möglichkeit, an der Berliner Humboldt-Universität Seminare und Vorlesungen zu belegen.

„Dann kommt immer auch eine Reise in den Wahlkreis des Abgeordneten, eine nach Brüssel und eine in ein Länderparlament hinzu, so dass man die ganzen europäischen und föderalen Strukturen in Deutschland richtig live und in Farbe kennenlernt“, erläutert die Politikerin aus der Oberpfalz.

Bundestag (Foto: Klára Stejskalová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Bundestag (Foto: Klára Stejskalová, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Für die tschechischen Bewerberinnen und Bewerber nicht nur aus diesem Jahr hat Petra Ernstberger vor allem lobende Worte:

„Mich überrascht eigentlich jedes Mal das hohe Niveau im sprachlichen Bereich, das uns dargeboten wird. Das Deutsch ist also im Prinzip so fließend, dass man jeden nehmen könnte. Das Zweite ist auch das Engagement für Tschechien.“

Engagement für Tschechien bedeutet, dass viele der ehemaligen Stipendiaten später ihre Erfahrungen aus der deutschen Politik im eigenen Land einsetzen. Dies hat aber auch Rückwirkungen auf die grenzüberschreitenden Beziehungen. So ist Petra Ernstberger seit fast 20 Jahren im Bundestag und hat regelmäßig Stipendiaten aus Tschechien in ihrem Büro gehabt. Mit fast allen hat sie Kontakt gehalten, so dass mittlerweile ein Netzwerk entstanden ist.

„Das heißt, ich habe vom Juristen, der am Gericht ist, über die Stadtverwaltung in Brünn oder im Auswärtigen Amt Leute, die ich eben als Student gehabt habe. Und da ist es dann halt einfach, mal politisch nachzufragen oder etwas zu diskutieren. Ich finde es einfach schön, wenn man ein solches Netzwerk hat.“

Bundestag (Foto: Gerald Schubert)Bundestag (Foto: Gerald Schubert) Insgesamt 41 Staaten sind mittlerweile dem Internationalen Parlamentsstipendium angeschlossen. Da noch weitere Länder mitmachen wollen, wurden nun die Bewerber nach Regionen zusammengefasst. Für die zwölf tschechischen Hochschulabsolventen bedeutet dies, dass sie mit genauso vielen jungen Menschen aus Polen um insgesamt neun Plätze konkurrieren. Die Entscheidung, wer im kommenden Frühjahr dann nach Berlin kommen darf, fällt erst nach den von Petra Ernstberger geleiteten Gesprächen in Warschau.