„Neue Heimat“ Tschechoslowakei: Der Schriftsteller Hahnewald im Exil

14-11-2016

In der Zwischenkriegszeit flüchteten mehrere Tausend Deutsche vor den Nazis in die Tschechoslowakei. Der Bekannteste unter ihnen war Thomas Mann. Aber auch sein sächsischer Schriftstellerkollege Edgar Hahnewald, der Sozialdemokrat war, rettete sich über die Grenze. Mit seinem Schicksal hat sich Swen Steinberg von der Technischen Universität Dresden beschäftigt.

Swen Steinberg (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Swen Steinberg (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Herr Steinberg, in Kürze: Wer war Edgar Hahnewald?

„Edgar Hahnewald war ein sozialdemokratischer Journalist und Schriftsteller aus Dresden. Das beinhaltet sozusagen zwei Perspektiven. Ab 1913 war er als Redakteur bei den Dresdner Volkszeitung angestellt. Er war dort Lokalredakteur und konnte den Beruf auch bis 1933 ausüben – bis die Zeitung verboten wurde und Hahnewald in die Tschechoslowakei floh. Als Schriftsteller war er in Sachsen vor 1933 mit einer ganz speziellen Textsorte tätig, nämlich mit Landschaftsbeschreibungen, die er allerdings nicht als kulturhistorische Texte verfasste, sondern aus der Gegenwart heraus schrieb. Er hat also auch soziale Umstände und Arbeitslosigkeit in die Beschreibung der Orte seiner Wanderungen aufgenommen.“

Stolperstein für Edgar Hahnewald in Dresden (Foto: Paulae, CC BY-SA 3.0)Stolperstein für Edgar Hahnewald in Dresden (Foto: Paulae, CC BY-SA 3.0) Edgar Hahnewald ist wie viele politische Gegner des Nationalsozialismus in die Tschechoslowakei geflohen. Wie hat er das Land seines Exils wahrgenommen?

„Sehr positiv, auch weil er das Land kannte. Es gab schon in den 19020er Jahren sehr enge Kontakte zwischen sächsischen und deutschböhmischen Sozialdemokraten. Und Edgar Hahnewald erwandert sozusagen auch die böhmischen Länder, publiziert in der Tschechoslowakei in den Organen der DSAP (Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei, Anm. d. Red.), so dass ihm das alles nicht fremd war. Er kommt in eine Gegend, die er kennt, und er kommt in Netzwerke, die ihn kennen. Er wird also sehr positiv hier aufgenommen beziehungsweise sehr schnell unterstützt. Das ist einer der Gründe, warum er sich recht schnell mit seiner ‚neuen Heimat‘ identifizieren kann.“

Josef HofbauerJosef Hofbauer Welche Art Texte hat er im tschechoslowakischen Exil verfasst?

„Er hat hauptsächlich journalistisch gearbeitet und vor allem für den ‚Neuen Vorwärts‘ geschrieben, die Zeitung der deutschen Exil-Sozialdemokraten. Das sind vor allem dokumentarische Texte. Bei ihnen geht es darum, zu dokumentieren, was in Deutschland geschieht. Es werden also Informationen verarbeitet von Leuten, die über die Grenze kommen. Zum Teil basieren die Texte auch auf der Presseberichterstattung, die ebenfalls über die Grenze kommt. Das sind dann nationalsozialistische Zeitungen, die Hahnewald kommentiert und aus denen er Artikel anfertigt. Er kehrt aber auch zum Schriftstellerischen zurück und veröffentlicht 1936 unter einem Pseudonym in Prag einen Roman. Prag ist auch wichtiges Stichwort: 1935 ziehen die beiden Hahnewalds – er ist mit seiner Frau Anna geflohen – in die tschechoslowakische Hauptstadt. Das basiert auf den deutschböhmischen Netzwerken. Er wird beim ‚Sozialdemokrat‘ in Prag angestellt, Josef Hofbauer vermittelt das. Und auch dort arbeitet er vor allem journalistisch, besonders im Bereich Kultur. Das Feuilleton ist sozusagen seine Spielwiese, er redigiert die ‚Frauenwelt‘, eine Beilage speziell für die weiblichen DSAP-Mitglieder.“

Wie kommt es dann zur zweiten Flucht, diesmal aus der Tschechoslowakei?

„Im Jahr 1937/38 ändert sich einiges. Die Tschechoslowakei gerät immer mehr in Bedrängnis, wird vom Deutschen Reich auch gezielt unter Druck gesetzt. Und das wirkt sich auf die Asylpolitik aus. Das heißt, Zeitungen werden zum Teil verboten. Der ‚Neue Vorwärts‘ zieht bereits Ende 1937 von Prag nach Paris um. Es ändern sich so langsam die Arbeitsbedingungen. Das ist die Situation, in der sich viele deutsche Emigranten, aber auch die deutschböhmischen Funktionäre, anfangen umzuschauen. Das neue Exil wird zu einer Möglichkeit. Und die beiden Hahnewalds haben Glück. Sie kommen im August 1938 noch heraus, flüchten über Polen nach Schweden, zusammen mit einer großen Gruppe deutschböhmischer, nicht deutscher Sozialdemokraten. Und in Schweden überleben sie dann auch.“

 

Edgar Hahnewald ging nach dem Krieg nicht mehr wieder nach Deutschland zurück. Er starb am 6. Januar 1961 in Solna.

Swen Steinberg hat dieses das Buch „Karl Herschowitz kehrt heim. Der Schriftsteller-Journalist Edgar Hahnewald zwischen sächsischer Identität und der Heimat im Exil“ veröffentlicht.

14-11-2016