Neue Entdeckungen im Beinhaus Sedlec

03-12-2019

Es ist eine der größten Touristenattraktionen in Tschechien und bestimmt auch eine der morbidesten – das Sedletz-Ossarium bei Kutná Hora / Kuttenberg. Nun haben Archäologen dort neue Entdeckungen gemacht.

Beinhaus Sedlec (Foto: ČTK / Josef Vostárek)Beinhaus Sedlec (Foto: ČTK / Josef Vostárek)

Kronleuchter im Beinhaus Sedlec (Foto: ČTK / Josef Vostárek)Kronleuchter im Beinhaus Sedlec (Foto: ČTK / Josef Vostárek) Ein Kronleuchter, das Wappen der Familie Schwarzenberg sowie zahlreiche Ornamente und pyramidenartige Haufen aus Menschenknochen – Das ist das Beinhaus von Sedlec / Sedletz bei Kutná Hora. Die Skelette von weit über 40.000 Menschen wurden im Keller der katholischen Kirche kunstvoll gestapelt. Allesamt waren sie vom 14. bis ins 16. Jahrhundert der Pest, Hungersnöten und Kriegen zum Opfer gefallen. Das Sedletz-Ossarium ist einzigartig in Europa und mittlerweile eine der größten Touristenattraktionen Tschechiens.

Unter anderem deshalb war das Ossarium lange in einem schlechten Zustand. Seit einigen Jahren wird der Bau jedoch aufwendig renoviert. Dabei arbeiten auch Archäologen am Ort, die in den vergangenen Monaten teils bahnbrechende Entdeckungen gemacht haben. Jan Frolík ist beteiligt an den Ausgrabungen:

Jan Frolík (Foto: ČTK / Josef Vostárek)Jan Frolík (Foto: ČTK / Josef Vostárek) „Die wichtigste Entdeckung waren Massengräber aus Zeiten der Hungersnot 1318 und der Pest-Epidemie im Jahr 1348. Man könnte die Stätten mit dem Friedhof in der Londoner East-Smithfield-Straße vergleichen, wo rund 500 Skelette liegen. Hier haben wir aber rund 600 Pesttote und 600 Opfer der Hungersnot gefunden, also insgesamt rund 1200 Skelette. Seit diesem Jahr untersuchen wir außerdem das Innere des Gewölbes. Unter der ersten Knochenpyramide haben wir fünf Massengräber entdeckt, die viel älter sind als die anderen. Die Baumeister des Ossariums wussten wahrscheinlich gar nichts davon.“

Auch wegen des Alters der Gebeine stellen sich die Archäologen die Frage, wer denn die Toten dort eigentlich waren. Aus diesem Grund haben sich Anthropologen daran gemacht, ein detailliertes Bild der damaligen Bevölkerung von Kutná Hora zu zeichnen. Archäologe Frolík zu den ersten Ergebnissen:

Foto: ČTK / Josef VostárekFoto: ČTK / Josef Vostárek „Es waren vor allem Bergleute, da mehr Männer als Frauen dort liegen. Das Verhältnis von Kindern zu Erwachsenen ist in etwa 50:50, was relativ typisch ist für jene Zeit. Dass jedoch hier bis zu 30 Prozent mehr Männer bestattet sind, zeigt, dass immer neue Bergarbeiter in die Stadt gekommen sind, um ihrer sehr gefährlichen Arbeit nachzugehen. Ansonsten lebte hier eine sehr gewöhnliche mittelalterliche Gemeinschaft, wenn man die Knochenbrüche und die Krankheiten betrachtet. Meist hatten die Menschen gebrochene Gliedmaßen, die nur sehr schlecht zusammengewachsen sind. Nicht zuletzt konnten wir bei vielen Toten Tuberkulose und Meningitis nachweisen.“

Die Renovierung des Sedletz-Ossariums wird noch rund zehn Jahre dauern. Bisher haben sie 45 Millionen Kronen (1,8 Millionen Euro) gekostet. Trotz der Arbeiten bleibt das Beinhaus offen für Besucher, es gibt jedoch Einschränkungen. Außerdem hat die Leitung aus Pietätsgründen einige Regeln für die Gäste verschärft, so dürfen beispielsweise keine Selfies mehr vor den Knochenpyramiden geschossen werden.

03-12-2019