Nationalisten auf dem Vormarsch - Rechtsextremismus in Osteuropa

29-07-2010

Nationalistische Parolen, Jagd auf Minderheiten, brutale Straßenkämpfe – die rechtsextreme Szene in Osteuropa ist auf dem Vormarsch. In ihrem Buch „Aufmarsch – Die Rechte Gefahr aus Osteuropa“ gewähren die Journalisten Gregor Mayer und Bernhard Odehnal einen tiefen Einblick in die nationalistischen Bewegungen in Ungarn, Bulgarien, Serbien, Kroatien, der Slowakei und Tschechien. Im Gespräch mit Radio Prag erläutert Bernhard Odehnal seine Einschätzungen zur tschechischen rechten Szene.

Tomáš Vandas (Foto: www.dsss.cz)Tomáš Vandas (Foto: www.dsss.cz) Tomáš Vandas ist wohl einer der bekanntesten Nationalisten Tschechiens. Im Februar wurde seine offenkundig nationalistische „Arbeiterpartei“ Dělnická strana kurz vor den tschechischen Parlamentswahlen verboten. Bei der Wahl im Mai bekam Vandas' neu gegründete „Arbeiterpartei der sozialen Gerechtigkeit“ (DSSS) dann landesweit nur knapp 60.000 Stimmen. Bernhard Odehnal kennt Vandas und seine Partei sehr gut. Seit Jahren beobachtet er die wachsende Bedrohung durch rechtsextreme Gruppierungen in Osteuropa und ist immer mitten im Geschehen. Für das Buch „Aufmarsch – Die rechte Gefahr aus Osteuropa“ analysierte er unter anderem auch die rechte Szene in Tschechien. Die hat eine Besonderheit, verrät er:

„Arbeiterpartei“ Dělnická strana„Arbeiterpartei“ Dělnická strana „In Tschechien kommt der Antisemitismus eigentlich kaum vor. Er ist auch in den rechtsextremen Bewegungen kein Thema. In der Slowakei ist das zum Beispiel ganz anders: Da operiert die rechtsextreme Bewegung, die 'Slowakische Gemeinschaft', ganz offensiv mit Antisemitismus. Da unterscheidet sich Tschechien schon sehr. Die Gemeinsamkeit liegt in den Kampagnen gegen die Roma, gegen die angebliche Zigeuner-Kriminalität.“

In der Slowakei oder auch in Ungarn stützen die Neonazis ihre Ideologien auf die mehr oder weniger faschistische Vergangenheit ihres jeweiligen Landes. Sie übernehmen zum Beispiel Parolen aus der Zeit der slowakischen Hlinka-Gardisten, oder marschieren in Ungarn auch heute noch in den Uniformen des Horthy-Regimes durch die Straßen. Das alles fällt in Tschechien weg.

Bernhard OdehnalBernhard Odehnal „Man sieht schon, dass sich die tschechischen Neonazis sehr schwer tun, eine eigene Ideologie zu finden. Sie orientieren sich an den deutschen Neonazis, und zwar an der jetzigen Szene. Es gibt keine historischen Vorbilder, also greift man auf das zurück, was man heute hat. Alles das, was in Deutschland in den letzten zwei Jahren passiert ist – die Wandlung von hierarchischen Strukturen zu autonomen Nationalisten – das haben die tschechischen Neonazis nachgemacht“, so Odehnal.

Von Frühjahr bis Herbst 2009 recherchierte und arbeitete der Mittel- und Osteuropaexperte zusammen mit Gregor Mayer am Buch „Aufmarsch – Die rechte Gefahr aus Osteuropa“. Seither stagniere die rechtsextreme Szene in Tschechien, erklärt Odehnal.

„Aufmarsch – Die rechte Gefahr aus Osteuropa“„Aufmarsch – Die rechte Gefahr aus Osteuropa“ „Das liegt daran, dass der Staat einfach beherzt eingegriffen hat und dass es auch in der Gesellschaft starke Strömungen gibt. Ich denke da zum Beispiel an die Demonstration in Dresden im vergangenen Februar, wo nicht nur tschechische Neonazis nach Deutschland gegangen sind, sondern auch tschechische Antifaschisten und ein tschechischer Minister. Mir ist außerdem sehr wichtig zu sagen, dass Tschechien das einzige von den Ländern ist, die wir bearbeiten, wo der Staat und die Gesellschaft den rechtsextremen Strömungen nicht wehrlos gegenüberstehen. Man kann sie bekämpfen und man kann sie wirksam bekämpfen. Wir sehen leider in anderen Ländern, dass diese Schritte nicht gesetzt werden.“

Das Buch „Aufmarsch – Die rechte Gefahr aus Osteuropa“ ist 2010 im Residenz Verlag erschienen und kostet 21,90 Euro.

29-07-2010