Nach Eishockey-Siegen: Vor 50 Jahren Aufbegehren gegen Okkupanten

28-03-2019

Sport setzt Emotionen frei und bringt nicht selten ein ganzes Volk in Wallung. So wie vor exakt 50 Jahren, als die tschechoslowakische Eishockey-Nationalmannschaft bei der WM in Schweden binnen einer Woche zweimal die Sowjetunion schlug. Es war nicht nur ein sportlicher Erfolg, sondern auch eine klare Antwort auf die Okkupation der Tschechoslowakei durch die verhassten Besatzer im August 1968.

Foto: YouTubeFoto: YouTube „Damals haben wir uns im Team geschworen, dass wir den sowjetischen Spielern nach dem Match nicht die Hand geben. Wir wollten sie nicht nur auf dem Eis bezwingen, sondern unserer ganzen Nation zeigen: Wir lehnen die Okkupation ab.“

So erinnert sich noch heute der ehemalige tschechoslowakische Nationalstürmer Jan „Gusta“ Havel an die zwei WM-Begegnungen mit der UdSSR in Stockholm. Die erste Partie am 21. März 1969 gewannen die Tschechoslowaken mit 2:0, eine Woche später behielten sie mit 4:3 die Oberhand gegen die späteren Weltmeister. Außer der Freude über den Sieg im Spiel eins hatten die Fans daheim von der Reaktion der Mannschaft jedoch nicht viel mitbekommen. Der Grund: Das tschechoslowakische Staatsfernsehen hatte die Übertragung sofort nach der Schlusssirene beendet. Daher entschlossen sich fünf Wagemutige im Team vor Match zwei zu einer weiteren Aktion: Sie überklebten den kommunistischen Stern auf dem Nationaltrikot, um den böhmischen Löwen auf dem Wappen stärker zur Geltung zu bringen. Und den grußlosen Abgang der beiden Mannschaften bekamen die TV-Zuschauer diesmal auch zu sehen. Die grandiose Stimmung bei Spielern und Anhängern der Tschechoslowakei nach dem 4:3 entlud sich in einer Welle der Euphorie:

Foto: Tschechisches FernsehenFoto: Tschechisches Fernsehen „Nach dem Spiel sind die Amerikaner im Bus mit uns zurück zum Hotel gefahren. Wir haben alle gemeinsam die tschechoslowakische Hymne gesungen, das war etwas Außergewöhnliches, was sich da abgespielt hat“, erinnert sich der damalige Stürmer Josef Černý.

Bei ihrer Rückkehr wurden die Eishockey-Asse schon am Prager Flughafen von rund 25.000 Menschen wie wahre Champions empfangen, obwohl die Tschechoslowaken am Ende nur Dritter waren. Zwei Niederlagen gegen Gastgeber Schweden hatten dafür gesorgt, dass das Team von Trainer Vladimír Kostka ganz knapp am Titel vorbeischrammte.

„Es war einfach phantastisch. Solch einen Empfang hatten wir nicht erwartet. Wir haben alle vor Freude geheult“, schildert der damalige Back-up-Goalie Miroslav Lacký seine Eindrücke.

Foto: Tschechisches FernsehenFoto: Tschechisches Fernsehen Die riesengroße Freude der Bevölkerung schlug zum Teil aber ebenso in abwertenden Gesten und Hassbekundungen gegen die ungeliebten Sowjets um. Viele Menschen in Prag benutzten die Tageszeitungen als Fackeln und defilierten damit vor den Institutionen der Besatzer. Ein besonderer Angriffspunkt war dabei das Büro der sowjetischen Fluggesellschaft Aeroflot auf dem Prager Wenzelsplatz. Dazu erinnerte sich vor Jahren der inzwischen verstorbene Sportkommentator des tschechoslowakischen Fernsehens, Vladimír Vácha:

„Wir haben den Fernseher eingeschaltet, und die ersten Bilder der Tagesnachrichtensendung ‚Televizní noviny‘ kamen aus Prag. Dort sah man Unruhen auf dem Wenzelsplatz, darunter die eingeschlagene Scheibe des Büros von Aeroflot. Ich habe damals förmlich gespürt, dass hier etwas im Gange ist, und habe zu meinen Freunden gesagt: Ich empfinde den Geruch von Grabkerzen.“

Gustáv Husák (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)Gustáv Husák (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks) Auf die Ereignisse in Stockholm, in der Hauptstadt und in weiteren Großstädten der Tschechoslowakei reagierten die Kommunisten in Prag und Moskau. Für die Taktgeber im Kreml war Alexander Dubček schon längst nicht mehr die wichtigste Bezugsperson im revoltierenden Bruderland. Durch die Geschehnisse um die beiden Eishockeyduelle wurden sie in ihrer Meinung bestätigt, dass der slowakische KPTsch-Chef die Lage im eigenen Land nicht mehr unter Kontrolle habe. Im April 1969 wurde er dann auch auf Weisung Moskaus durch Gustav Husák abgelöst.

28-03-2019