„Mehr Nachbarschaft und die Sache entgiften“ – Sudetensprecher Posselt im Interview

In Deutschland ist er vor allem unter Politikern bekannt. In Tschechien reagieren auch ganz gewöhnliche Menschen etwas gereizt, wenn sie den Namen Bernd Posselt hören. Bernd Posselt ist der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, die immer wieder die Abschaffung der Beneš-Dekrete fordert, da sie die rechtliche Grundlage für die Vertreibung bildeten. Christian Rühmkorf sprach mit Bernd Posselt über einen geplanten offiziellen Prag-Besuch im Herbst und über das Verhältnis zur neuen tschechischen Regierung.

Herr Posselt, auf dem diesjährigen Sudetendeutschen Tag in Augsburg hat der bayerische Ministerpräsident Seehofer angekündigt, im Herbst zu einem offiziellen Besuch nach Prag zu reisen. Sie werden Mitglied der Delegation sein und haben gesagt: "Der geschichtliche Zeitpunkt ist gekommen". Warum ist er gekommen und warum erst jetzt?

„Wir Sudetendeutschen sind schon seit vielen Jahren für diesen Besuch. Wir sind für mehr Nachbarschaftlichkeit, weil wir als ehemaliges zweites Volk Böhmens und vierter Stamm Bayerns von mehr Nachbarschaftlichkeit nur Gutes erwarten können und uns auch als Bindeglied verstehen. Der geschichtliche Zeitpunkt ist deshalb gekommen, weil es jetzt in der Tschechischen Republik eine stabile Regierung gibt. Daran ist nämlich bisher in erster Linie der Besuch gescheitert.“

Horst Seehofer (Foto: www.csu.de)Horst Seehofer (Foto: www.csu.de) Seit vielen Jahren?

„Seit vielen Jahren daran gescheitert. Ich habe schon Anrufe von Edmund Stoiber bekommen: ‚Du, nächste Woche fahren wir nach Prag’, und dann ist der Besuch geplatzt, weil irgendetwas im tschechischen Parlament schief lief. Dann ist irgendwann Stoiber zurückgetreten. Es gab auf beiden Seiten immer wieder Instabilitäten. Viele Leute glauben, es hat politische Gründe, dass der Besuch nicht stattgefunden hat. Nein, denn der ist drei, vier Mal in letzter Minute geplatzt und deshalb hoffe ich, das es diesmal klappt. Ich glaube es auch erst, wenn er stattfindet.“

Wir werden sehen. In Prag gibt es seit Dienstag eine konservative Dreier-Koalition mit Premier Nečas an der Spitze und einem Außenminister Schwarzenberg, der selbst nach dem Krieg das Land verlassen musste. Was erwarten sie hinsichtlich des sudetendeutschen Problems von der neuen Regierung in Prag?

„Premierminister Nečas habe ich vor ein paar Jahren kennengelernt. Er ist ein sehr gediegener Mann mit christlichen Prinzipien und einer sozialen und demokratischen Einstellung. Ich sehe in ihm einen guten und aufgeschlossenen Partner. Fürst Schwarzenberg ist für mich ein Parade-Europäer. Von daher glaube ich, dass er als eine sympathische Verkörperung des alten Europa und als eine zukunftsweisende Verkörperung des neuen Europa der richtige Mann am richtigen Platz ist.“

Beneš-DekreteBeneš-Dekrete Auf dem sudetendeutschen Tag in Augsburg haben Sie die Beneš-Dekrete als „Virus“ bezeichnet, der verschwinden muss. Ist das die Botschaft, ist das die Rhetorik, die Sie im Herbst mit im Gepäck nach Prag nehmen?

„Nein, das ist nicht die Botschaft, das ist das Ceterum censeo. Die Botschaft ist ganz klar, dass wir mehr Nachbarschaftlichkeit wollen und mehr Nachbarschaftlichkeit brauchen. Meine Ansicht ist seit eh und je, dass wir Vertrauen bilden müssen. Je mehr Vertrauen zwischen beiden Seiten besteht, desto leichter ist es Probleme zu lösen. Das ist im persönlichen Leben so und das ist auch in der Politik zwischen Nachbarstaaten so.“

Unterzeichnung der Beneš-DekreteUnterzeichnung der Beneš-Dekrete Aber es bleibt dabei, die Beneš-Dekrete müssen weg?

„Die müssen selbstverständlich irgendwann verschwinden. Sie sind ein absolutes Unrecht. Sie vergiften die Atmosphäre. Wir haben das doch jetzt wieder in der Slowakei gesehen, wir haben es in der Auseinandersetzung mit dem Lissabon-Vertrag gesehen. Da waren es ja nicht wir, die das Gespenst der Beneš-Dekrete plötzlich herausgezogen haben, sondern das waren gewisse Herren, die den Lissabon-Vertrag verhindern wollten. Daran sieht man: Selbst wenn wir die Beneš-Dekrete gar nicht thematisieren würden - wir tun das natürlich - aber selbst wenn wir das nicht täten, die kämen immer wieder heraus und zwar im falschesten Moment. Und deshalb ist es wichtig, diese Sache zu entgiften.“