Letzte Adresse: Gedenken an Opfer des Kommunismus

Ein Name, ein Leben, eine Gedenktafel: So lautet das Motto des Projektes „Die letzte Adresse“. Am Mittwoch wurden in Prag zwei Gedenktafeln für Opfer des Kommunismus installiert.

Gedenktafel für Miloslav Jebavý (Foto: Archiv des Instituts für das Studium totalitärer Regime)Gedenktafel für Miloslav Jebavý (Foto: Archiv des Instituts für das Studium totalitärer Regime)

Matěj Chytil (Foto: Martina Schneibergová)Matěj Chytil (Foto: Martina Schneibergová) Vor dem Haus an der Ecke der Straßen Opletalova und Bolzanova versammelt sich am Mittwochnachmittag eine Gruppe von Menschen. Sie sind gekommen, um eine kleine Gedenktafel neben dem Hauseingang zu installieren. Auf einem kleinen Tisch liegen einige Dokumente, Fotografien aus dem Archiv und eine Blume. Edita Jiráková ist Koordinatorin des Projektes „Die letzte Adresse“.

„Diesmal installieren wir eine Gedenktafel für Miloslav Jebavý, er hat gegen die Nationalsozialisten und später gegen die Kommunisten gekämpft. Jebavý wohnte in diesem Haus, als er vor genau 70 Jahren, am 6. März 1949, verhaftet wurde. Er wurde zum Tod verurteilt und am 18. Juli 1949 hingerichtet.“

Miloslav Jebavý (Foto: Martina Schneibergová)Miloslav Jebavý (Foto: Martina Schneibergová) Miloslav Jebavý war während des Zweiten Weltkriegs Legionär. Er kämpfte an der Westfront gegen Nazi-Deutschland. Vom kommunistischen Geheimdienst StB wurde er 1949 als Anführer einer Verschwörung bezeichnet, die versucht haben soll, einen Umsturz zu organisieren. Im Schauprozess wurde der damals 37-Jährige gemeinsam mit vier weiteren Männern zum Tod verurteilt.

An der Enthüllung der Gedenktafel nahm auch Matěj Chytil teil. Er sei ein entfernter Verwandter des Hingerichteten, sagte er:

„Miloslav Jebavý war der Bruder des zweiten Mannes meiner Großmutter. Und dieser hat sich schon während des Prager Frühlings 1968 für die Rehabilitierung seines hingerichteten Bruders eingesetzt. Ich habe viel von meiner Oma erfahren, die ein ganzes Archiv mit Dokumenten aufbewahrt hat. Das Schicksal von Miloslav Jebavý, alles, was er während des Kriegs und danach erlebt hat, könnte gut verfilmt werden. Rehabilitiert wurde er erst 1991, damals lebte sein Bruder aber nicht mehr.“

Gedenktafel für Karel Hájek (Foto: Martina Schneibergová)Gedenktafel für Karel Hájek (Foto: Martina Schneibergová) Der tschechoslowakische Geheimdienst behauptete, Jebavý habe einen militärischen Umsturz geplant gehabt. Chytil, aber auch einige heutige Experten glauben sogar, dass dies wahr gewesen sein könnte. Zu letzteren gehört der Abgeordnete und Kommunalpolitiker Jan Čižinský (Praha sobě) ist. Ihm sei als ausgebildeter Historiker das Schicksal von Miloslav Jebavý bekannt gewesen, sagte er gegenüber Radio Prag:

„Ich denke, dass es sehr wichtig ist, an diejenigen zu erinnern, die gegen die Kommunisten gekämpft haben. Im Fall von Herrn Jebavý handelte es sich um einen wirklich ernsthaften Versuch, gegen das Regime zu revoltieren.“

Die zweite Gedenktafel wurde an einem Haus in der Straße Na Poříčí angebracht. Das Haus gehört einst der Familie Hájek. Karel Hájek schloss sich nach der kommunistischen Machtübernahme von 1948 einer illegalen Gruppe an, diese wurde von einem Kurier der westlichen Geheimdienste organisiert. Am 12. Februar 1951 wurde Hájek verhaftet. Zunächst verurteilte man ihn in einem Schauprozess zu lebenslanger Haft. Der Staatsanwalt legte jedoch Berufung ein, und der 28-jährige Mann wurde zum Tod verurteilt. Am 9. September wurde er hingerichtet. Karel Hájek hatte eine Schwester. Sie war am Mittwoch bei der Enthüllung der Gedenktafel dabei. Sie sei immer sehr gerührt und aufgeregt, wenn sie sich an ihren Bruder erinnere, erzählte Milena Appeltová.

Karel Hájek (Foto: Martina Schneibergová)Karel Hájek (Foto: Martina Schneibergová)

Milena Appeltová (Mitte). Foto: Archiv des Instituts für das Studium totalitärer RegimeMilena Appeltová (Mitte). Foto: Archiv des Instituts für das Studium totalitärer Regime „Ich war damals sehr jung. Meinen Bruder habe ich sehr geliebt, und es war schrecklich, als er plötzlich weg war. Ich musste mich um eine Mutter kümmern, für die der Verlust ein schwerer Schlag war. Außerdem durften wir nicht darüber sprechen. Die Idee mit der Gedenktafel finde ich sehr schön. Ich bin der Initiative dafür dankbar.“

Das Projekt „Die letzte Adresse“ ist 2014 in Russland entstanden – dank der NGO Memorial. Inspiriert ist es von den deutschen Stolpersteinen. In Tschechien werden die Gedenktafeln seit 2017 vom Institut für das Studium totalitärer Regime installiert, dieses arbeitet dabei mit einigen Bürgerinitiativen zusammen.