Länderübergreifendes Gedenken: Ausstellung über Ernst Paul eröffnet

Im Hauptsitz der tschechischen Sozialdemokratie, dem Lidový dům in Prag, lässt sich seit Mittwoch in einer Ausstellung das Leben eines bekannten Politikers verfolgen. Es geht um den Deutschen Sozialdemokraten Ernst Paul. Er war aktiv in der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakei und nach dem Weltkrieg in Deutschland Mitglied der SPD.

Ausstellung über Ernst Paul (Foto: Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung)Ausstellung über Ernst Paul (Foto: Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung) Es war Prominenz geladen, als am Mittwoch im Lidový dům, der traditionsreichen Parteizentrale der tschechischen Sozialdemokratie im Zentrum Prags, eine Ausstellung eröffnet wurde. Vladimír Špidla; ehemaliger tschechischer Premierminister und EU-Kommissar hielt eine Rede, in der er den Deutschen Ernst Paul würdigte. Seinem Leben sind die Tafeln in der Eingangshalle des Gebäudes gewidmet. Vladimír Špidla:

„Ernst Paul ist Teil unserer Geschichte. Gerade in der schwierigsten Zeit hat er an der Seite der Demokratie und der Tschechoslowakischen Republik gestanden. Für uns ist es eine sehr wichtige Persönlichkeit.“

Vladimír Špidla (Foto: Europäische Kommission)Vladimír Špidla (Foto: Europäische Kommission) Ernst Paul war Landarbeiter, Textilarbeiter und später Schriftsetzer. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Redakteur bei der Parteizeitung „Der Sozialdemokrat“ in Prag. Er kümmerte sich in seiner Partei um die Jugendarbeit, fungierte eine zeitlang als ihr Generalsekretär und gehörte, gemeinsam mit Ludwig Czech, zu den Vertretern einer aktiven Mitarbeit der Deutschen im tschechoslowakischen Staat. 1938 ging Paul ins Exil nach Schweden. Nach dem Krieg kehrte er direkt nach Deutschland zurück und trat dort der SPD bei. Für die Sozialdemokraten saß er 20 Jahre im deutschen Bundestag. Ihm hat die Bundesrepublik Deutschland unter anderem das Amt des Bundeswehrbeauftragten zu verdanken – eine Institution, die Paul nach schwedischem Vorbild durchsetzte. 1978 verstarb Paul. Sein Nachlass wird in Bonn bei der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) aufbewahrt. Mirko Hempel ist Chef des Prager Büros der Stiftung:

Ernst PaulErnst Paul „Die Friedrich-Ebert-Stiftung bewahrt und verwaltet das Vermächtnis und damit auch das Archiv der Geschichte und Gegenwart der deutschen Sozialdemokratie. Daher war es völlig folgerichtig, dass das Archiv der sozialen Demokratie im Hause der FES in Bonn diese Ausstellung konzipiert und entworfen hat.“

Die Ausstellung ist an ein tschechisches Publikum gerichtet. Sie ist Teil der Bemühungen, das Bild der Deutschen in der Ersten Tschechoslowakischen Republik differenzierter darzustellen. Und Leben und Wirken von Ernst Paul zeigen eindrücklich, dass nicht alle Deutschen den tschechoslowakischen Staat abgelehnt haben. Mirko Hempel:

Mirko Hempel (Foto: Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung)Mirko Hempel (Foto: Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung) „Wir hatten versucht, exemplarisch eine Person zu finden, die zum einen für eine positive Vision der deutsch-tschechischen Partnerschaft steht. Zum anderen wollten wir aber auch zeigen, dass Paul, obwohl er bereits 1978 gestorben ist, bereits eine relativ große Vision einer europäischen Idee hatte. Paul dachte dabei nicht nur an die deutsch-tschechischen Beziehungen, sondern auch weit über die Grenzen hinaus sehr europäisch dachte.“

Paul war in der Bundesrepublik Mitbegründer der Seliger-Gemeinde, einer Gemeinschaft ehemaliger sudetendeutscher Sozialdemokraten, deren Vorsitzender er auch von 1966 bis 1971 war. Im Gegensatz zu vielen seiner Genossen aus dem Sudetenland kämpfte er aber für die Ostpolitik Willy Brandts und eine Aussöhnung mit Polen und auch der Tschechoslowakei. Damit stieß er aber bei vielen seiner sudetendeutschen Genossen, deren Wunden durch die Vertreibung noch frisch waren, auf Unverständnis.