Jihlava zum Elften

25-03-2002

Vergangenes Wochenende fand bereits zum 11. Mal das tschechisch-deutsche Dialogforum in Jihlava / Iglau statt. Das von der sudetendeutschen Ackermann-Gemeinde und der Bernard-Bolzano-Stiftung veranstaltete Symposium ist vielleicht das Prominenteste seiner Art. Weitere Einzelheiten liefern Silja Schultheis und Lena Knäpple.

Marktplatz in JihlavaMarktplatz in Jihlava Zehn Jahre nach Abschluss des deutsch-tschechoslowakischen Nachbarschaftsvertrags sollte Bilanz gezogen und beleuchtet werden, welches Bild tschechische Medien von Deutschland transportieren und welches deutsche Journalisten von der Tschechischen Republik zeichnen. Wegen der anstehenden Wahlen in beiden Ländern hatte man bewusst darauf verzichtet, Politiker einzuladen, und so diskutierten deutsche Journalisten unter tschechischer Leitung und tschechische unter deutscher teilweise äußerst kontrovers über die mediale Behandlung des Nachbarlandes.

Dass es deutsche Auslandskorrespondenten in der Tschechischen Republik schwer haben, eine breite Palette an Beiträgen in den Medien ihres Landes unterzubringen, darüber waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion - Vertreter deutscher Zeitungen sowie Rundfunk- und Fernsehenssender - klar einig. Zu groß der Wunsch nach Sensationen und Konflikten bei den "Konsumenten" und zu wenig exotisch, zu normal die Themen des tschechischen Alltags, als dass man damit das Interesse einer breiten deutschen Leser- bzw. Zuhörer und -schauerschicht hervorrufen könnte. Christoph Scheffer, ARD-Rundfunk-Korrespondent in Prag, plädierte trotzdem - oder gerade deshalb - dafür, Alltagsthemen eine größere Bedeutung in der Berichterstattung einzuräumen und illustrierte an einem Beispiel, dass diese manchmal eben doch von Interesse sein können:

"Eine Ausnahme gibt es, und das ist auch ein Punkt, auf den ich in meiner Arbeit immer wieder zurückkomme: das Interesse deutscher Jugendlicher an einer Eishockey-Schule in Marienbad. Und das ist einer der wenigen Punkte, wo man merkt, da ist auch den Deutschen bekannt: Im Eishockey, da sind die Tschechen einfach Weltklasse. Sie sind es sicher auch in vielen anderen Bereichen, aber zumindest beim Eishockey - oder allgemeiner gesagt, beim Sport - wird so etwas respektiert. Deshalb denke ich, ist es ein Teil der Aufgabe der Medien - auch wenn wir da vielleicht nicht sozialtherapeutisch denken sollten -, so etwas wie eine Serie von tschechischen Helden zu zeigen. Einfach zu zeigen: In diesem und jenem Gebiet sind Tschechen klasse. Und insofern ist ein Ereignis wie das Spiel Borussia Dortmund gegen Slovan Liberec in gewisser Weise, ich sag es jetzt mal so provokant, wesentlich interessanter als jegliche Diskussion um die Benes-Dekrete."

Karl-Peter Schwarz, Prager Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hielt dem Folgendes entgegen und nahm damit das Thema vorweg, das letztlich doch die Diskussion - vor allem unter den tschechischen Teilnehmern - dominierte:

"Ich versteh seit zehn Jahren etwas bei diesen deutsch-tschechischen Dialogveranstaltungen nicht. Und zwar, dass jedes Mal gesagt wird, dass über das eigentliche Thema, das die deutsch-tschechischen Verhältnisse unterscheidet von den Beziehungen zu allen anderen Staaten - nämlich das Thema der Entwicklung nach 1945, der Vertreibung - nicht behandelt werden soll oder am Rand behandelt werden soll. Nur bitte, das ist nun einmal das zentrale Thema. Und das die Medien das aufgreifen, scheint mir völlig logisch zu sein. Die Diskussion, die wir hier jetzt haben, über die Benes-Dekrete, ist zu 90% eine innertschechische Diskussion. Die bilaterale Dimension dieses Problems ist relativ marginal, spielt keine große Rolle, auch nicht im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt. Und da kommt jetzt der nächste Punkt, der mich bei tschechisch-deutschen Veranstaltungen auch stört: Das ist der Begriff des Dialogs. Dialog unterstellt, dass zwei Stimmen miteinander reden, eine deutsche Stimme und eine tschechische Stimme. Als gäbe es so etwas wie einen tschechischen Standpunkt und einen deutschen Standpunkt. Das ist eine reine Mystifikation, das ist absoluter Schwachsinn. Ich kenne genügend Tschechen, hab viele Freunde, mit denen ich mich hervorragend über das Thema der Nachkriegsentwicklung verstehe, quer durch die politischen Lager von links nach rechts. Und ich kenn genauso viele Deutsche und Österreicher, mit denen ich mich überhaupt nicht verständigen kann über dieses Thema."

Dass sich in der tschechischen Diskussion über das Deutschlandbild, die Rolle der Medien und - nicht zuletzt - die sog. Benes-Dekrete in der Tat ein breites Meinungsspektrum herauskristallisiert hat, darüber konnte man sich in dem zweiten Teil der Diskussion unter tschechischen Journalisten unschwer überzeugen. So äußerte sich beispielsweise Petr Uhl, Kommentator der Zeitung "Pravo", äußerst kritisch über den Umgang mit der tschechisch-deutschen Geschichte in den tschechischen Medien, denen er hier eine wichtige Vermittlerrolle beimisst. Seiner Meinung nach spiegeln diese v.a. in den letzten Monaten allerdings mehr Politiker-Meinungen wider als die Meinung der Menschen im Land. Die Folge: Es entstehen diverse Stereotypen. Uhl kam zu dem Schluss, dass es den tschechischen Medien hinsichtlich der im Moment brennendsten Frage - der der Benes-Dekrete - vor allem an ausgewogene Rechtsanalysen mangele, zu sehr Sensationen und Widersprüche gesucht und zuwenig differenziert werde.

Einigkeit herrschte unter deutschen und tschechischen Journalisten darüber, dass man Premier Milos Zeman für seine umstrittenen Äußerungen letztlich dankbar sein könne. Die Tatsache, dass Zeman schon lange für seine negative Haltung gegenüber Journalisten bekannt sei, habe die Reaktionen auf seine Äußerungen über Sudetendeutsche, Vertreibung, Jörg Haider und die Palästinenser nur beschleunigt. Petr Uhl:

"Ich war überrascht, dass sich die Journalistengemeinde fast in ihrer Gesamtheit gegen Zeman gestellt hat und sich damit auch an die inhaltliche Kritik seiner Äußerungen gemacht hat. Und das hat der tschechischen Gesellschaft zu dieser innertschechischen Debatte verholfen. Und so freuen wir uns alle über die Äußerungen von Milos Zeman."

Michael Frank, langjähriger Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Prag und am vergangenen Wochenende Moderator der Diskussion unter den tschechischen Journalisten, brachte die Differenzierung in der tschechischen Medienlandschaft und vor allem die zunehmend kritische Haltung der Journalisten gegenüber der politischen Elite ihres Landes auf den Punkt:

"Diese Mobilisierungsrhetorik - wenn ich mich an die ersten Jahre der 90er Jahre erinnere - hat sich meistens in den tschechischen Medien 1:1 abgebildet oder ist in den tschechischen Medien sogar noch verstärkt worden. Heute stelle ich für meine Person fest, dass die tschechischen Medien genau da nicht mehr mitspielen, sondern sich damit sehr kritisch auseinandersetzen und die Mobilisierungsrhetorik manchen Politikern zum Vorwurf machen."

25-03-2002