Historikerin Kaiserová steigt bei der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ aus

Die Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ist in der öffentlichen Debatte vor allem mit dem Namen Erika Steinbach verbunden. Der seit langem schwelende Streit um die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen hat auch eine erhebliche Politisierung des gesamten Projekts mit sich gebracht. Das Ziel zentral an das Unrecht von Vertreibungen zu erinnern, ist kaum noch umzusetzen, beklagen viele Beteiligte. Im wissenschaftlichen Beirat der Stiftung sind – oder vielmehr - waren auch ausländische Fachleute. Nach dem polnischen Vertreter ist nun auch die tschechische Historikerin Kristina Kaiserová zurückgetreten.

Die ganze Diskussion um das Problem Steinbach sei sicher eines der Hauptprobleme der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, meint die tschechische Historikerin Kristina Kaiserová. Der Stiftungsrat, in dem ursprünglich auch die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen Platz nehmen wollte, sei völlig politisiert worden und das wiederum habe sich auch auf den wissenschaftlichen Beirat übertragen, sagte Kaiserová gegenüber dem Tschechischen Rundfunk:

„Dadurch, dass der wissenschaftliche Beirat sozusagen unter dem Druck des Stiftungsrates steht, ist alles etwas problematisch. Aber das Hauptproblem besteht darin, dass tatsächlich auch der wissenschaftliche Beirat aufgrund von Äußerungen seiner Mitglieder politisiert ist.“ Erika Steinbach (Foto: www.dradio.de)Erika Steinbach (Foto: www.dradio.de)

Das war einer der Gründe, weshalb Kristina Kaiserová am Montag als Mitglied des wissenschaftlichen Beirates zurückgetreten ist. Sie beklagt vor allem, dass sich Mitglieder des Beirates – wie zuletzt Helga Hirsch - in der Presse zu Wort meldeten. Das sei mit einer unabhängigen wissenschaftlichen Arbeit nicht zu vereinbaren. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte Kaiserová, sie könne sich nicht damit identifizieren, wenn die Aufarbeitung des Themas Vertreibung allein als eine deutsche Angelegenheit betrachtet werde.

Unter den derzeitigen Bedingungen, so Kaiserová, habe das Projekt eines Zentrums gegen Vertreibung kaum eine Zukunftsperspektive. Denn sowohl die Konzeption als auch die Auswahl der beteiligten Wissenschaftler ließen zu wünschen übrig.

Das Zentrum gegen Vertreibung stellt sich alle gewaltsamen Migrationen, Vertreibungen, Aussiedlungen als einen gemeinsamen Nenner der Lebensgeschichten des 20. Jahrhunderts vor. Dabei betont es vor allem die subjektive Seite, und damit geht ein wenig der historische Kontext verloren. Dieses Problem hätte aber gerade durch das neue Projekt gelöst werden sollen. Ich meine, wenn man diese Frage nicht neu definiert und den wissenschaftlichen Beirat nicht von Grund auf neu besetzt mit Fachleuten, durch die alle historischen Blickwinkel auf dieses Thema abgedeckt werden, dann ist das Projekt ein wenig in der Sackgasse gelandet.“

Der wissenschaftliche Beirat der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ist dabei auseinander zu brechen. Am Dienstag trat auch die deutsche Historikerin Helga Hirsch zurück. Erst wenn man eine andere „relevante historische Herangehensweise“ zugrunde lege, so Kristina Kaiserová, könnten sich auch Wissenschaftler aus dem Ausland wieder am Projekt beteiligen.