Gestohlen oder gekauft? Tschechisch-österreichischer Konflikt um wertvolles Archivmaterial

Zahlreiche einzigartige historische Dokumente aus der Zeit von Karl dem IV. bis zur Ära von Maria Theresia werden zurzeit in einem Wiener Auktionshaus feilgeboten. Unbestritten ist, dass die Briefe und Dekrete aus dem staatlichen Archiv im westböhmischen Cheb / Eger stammen. Ob sie allerdings auf legalem oder illegalem Weg in die Hände privater Sammler gelangt sind, darüber herrschen bei den Justizbehörden in Tschechien und Österreich höchst unterschiedliche Auffassungen.

„Österreich gibt uns die gestohlenen Kaiserbriefe nicht zurück“, so titelte am Dienstag die tschechische Tageszeitung „Právo“. Der Anlass für die Aufregung: Die tschechischen Behörden sind kürzlich mit ihrem Ansinnen, die im Wiener Auktionshaus „Öphila“ feilgebotenen historischen Dokumente aus dem Egerer Bezirksarchiv beschlagnahmen zu lassen, bei der österreichischen Justiz abgeblitzt:

Staatliches Bezirksarchiv im westböhmischen Cheb (Foto: SOA Plzeň)Staatliches Bezirksarchiv im westböhmischen Cheb (Foto: SOA Plzeň) „Beamte der Kriminalpolizei im Landkreis Karlsbad haben mehrere Monate lang ermittelt, um jene historisch wertvollen Archivalien zurückzuholen, die auf einer Auktion in Wien aufgetaucht sind. Leider hat die Staatsanwaltschaft Wien eine Sicherstellung des Materials abgelehnt. Sie ist der Auffassung, dass der derzeitige Eigentümer das Material schon in den 1970er-Jahren legal erworben hat“, erläuterte Andrea Pomichalová, die Sprecherin der Polizeidirektion in Karlovy Vary / Karlsbad, gegenüber Radio Prag. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien zeigte sich auf Nachfrage überrascht über diese Äußerungen. Er wisse nichts von einem derartigen Fall. Man werde sich aber bemühen, die entsprechende Akte aufzufinden und dann dazu Stellung nehmen.

Karel Halla (Foto: OVB)Karel Halla (Foto: OVB) Der Leiter des staatlichen Bezirksarchivs in Cheb / Eger, Karel Halla, teilt die Sichtweise der Wiener Staatsanwaltschaft nicht. Radio Prag hat ihn am Mittwoch am Telefon erreicht:

Herr Halla, aus Ihrem Archiv sind vor vielen Jahren wertvolle Dokumente verschwunden. Ein Teil davon ist nun vor einiger Zeit in einem Auktionshaus in Wien aufgetaucht. Um welche Archivalien handelt es sich dabei genau?

„Es handelt sich um Briefe und Dokumente der Könige und des höheren Adels. Es beginnt im Mittelalter; der Zeitraum reicht vom 14. Jahrhundert bis zu Maria Theresia, also bis zum 18. Jahrhundert.“

Sie gehen davon aus, dass die Dokumente gestohlen worden sind. Die tschechische Polizei hat deshalb bei den österreichischen Behörden die Sicherstellung des in Wien zur Versteigerung stehenden Materials beantragt. Die Staatsanwaltschaft Wien ist aber der Auffassung, dass die Archivalien während des kommunistischen Regimes legal von Sammlern im staatlichen Philatelievertrieb Pofis erworben worden sind und sieht deshalb keinen Grund einzuschreiten. Wann sind denn ihren Aufzeichnungen nach diese Dokumente nun aus dem Archiv verschwunden?

„Wir haben überhaupt keine Beweise dafür, dass diese Dokumente auf legalem Weg aus unserem Archiv gegangen sind. Nicht bei uns, nicht bei Pofis und auch nicht bei anderen Behörden gibt es Belege, die das beweisen können. Ich behaupte, dass die Auktionsgesellschaft ‚Öphila’ beweisen muss, von wem sie dieses Archivmaterial erhalten hat. Dass die Dokumente über Pofis gekauft worden sind, ist bis jetzt nur eine Behauptung, die nie belegt worden ist.“

Sie haben schon in früheren Stellungnahmen geäußert, dass Ihrer Meinung nach diese Dokumente erst nach der politischen Wende, also ab 1990 aus dem Archiv verschwunden sind.

Staatliches Bezirksarchiv im westböhmischen Cheb (Foto: SOA Plzeň)Staatliches Bezirksarchiv im westböhmischen Cheb (Foto: SOA Plzeň) „Genau. Dieser Meinung bin ich immer noch, weil damals plötzlich die Grenze aufgegangen ist und damit auch erst die Möglichkeit gegeben war, diese Dokumente außer Landes zu bringen. Auch die Kontrolle in unserem Lesesaal war nicht mehr so streng wie vor 1989. Ich bin immer noch der Meinung, dass die Dokumente zwischen 1989 und 1993 gestohlen worden sind. Da haben damals leider auch Archivare mitgewirkt.“

Von Polizei und Staatsanwaltschaft werden sie wohl keine weitere Hilfe erwarten können. Werden Sie jetzt versuchen, die Archivmaterialien auf anderem Weg zurückzubekommen? Werden Sie bei der Auktion in Wien mitbieten?

„Das wollen wir natürlich auch, sofern es unsere finanzielle Situation erlaubt. Aber die Polizei untersucht immer noch. Die Ermittlungen sind bisher noch nicht eingestellt worden. Es gibt noch weitere Spuren, die man verfolgen muss. Das ist noch nicht abgeschlossen und wir stehen in intensivem Kontakt mit dem tschechischen Innenministerium. Gleichzeitig suchen wir andere Wege, wie wir die Sachen zurückbekommen können. Es gibt noch Möglichkeiten; die Auktion ist eine davon“, sagte der Leiter des Egerer Bezirksarchivs im Radio-Prag-Interview. Und wie Polizeisprecherin Pomichalová am Mittwoch gegenüber Radio Prag bestätigte, sollen die die Ermittlungen rund um das in einem Wiener Auktionshaus aufgetauchte Archivmaterial aus Cheb vorerst weitergeführt werden.

Die österreichische Botschaft in Prag betonte am Mittwochnachmittag via Pressemeldung, dass es sich "um keine zwischenstaatliche Angelegenheit zwischen Österreich und der Tschechischen Republik handelt, sondern um privatrechtliche beziehungsweise strafrechtliche Fragen", die durch die Gerichte zu klären seien. Das Auktionshaus "Öphila" habe der Staatsanwaltschaft Wien "bereits Belege über die Herkunft der Schriftstücke übermittelt", so die Botschaft.