Fingierte Westgrenze – Falle des kommunistischen Geheimdienstes

Ein 65 Jahre alter Fall soll bald vor Gericht verhandelt werden: Nach der Machtübernahme der Kommunisten 1948 soll der Geheimdienst Menschen, die aus der Tschechoslowakei flüchten wollten, in eine Falle gelockt haben. Nun wurden zwei Organisatoren dieser Aktion mit dem Decknamen "Grenzstein" von der Polizei angeklagt.

Foto: Archiv Radio PragFoto: Archiv Radio Prag Mit der Aktion „Grenzstein“ wurden Fluchtwillige aus der Tschechoslowakei in eine Falle gelockt: In einigem Abstand zur tatsächlichen Grenze zwischen Westböhmen und Bayern baute der Geheimdienst eine fingierte Grenze mit US-Flaggen, englischsprachigen Grenzsoldaten und Grenzsteinen auf. Agenten des Geheimdiensts sollen sich den Fluchtwilligen als Helfer angeboten haben und führten die Menschen über die vermeintliche Westgrenze. In einem fingierten Büro eines US-Geheimdiensts wurden die Personen dann befragt und anschließend ins Gefängnis geschickt. Die Tageszeitung „Mladá fronta Dnes“ (MfD) berichtete über die ganze Aktion. Redakteur Luděk Navara:

Luděk Navara, photo: ČTLuděk Navara, photo: ČT „Die Aktion war äußerst tückisch. Die Menschen, die in diese Falle gegangen sind, waren der Meinung, dass sie bereits im Westen angekommen seien. Nachdem sie die fingierte Grenze überschritten hatten, haben sie vor vermeintlichen US-Geheimdienstmitarbeitern alles über ihre Freunde und Mitarbeiter, über ihre eigene Tätigkeit und über den antikommunistischen Widerstand ausgesagt. Damit haben sie eigentlich das Material für eine Anklage gegen sich selbst und gegen ihre Freunde geliefert. Sie litten später nicht nur darunter, dass sie ins Gefängnis kamen, sondern auch darunter, dass sie ihre engsten Freunde ins Gefängnis gestürzt hatten.“

Foto: ČT24Foto: ČT24 Auf die Geheimdienstaktion „Grenzstein“ wies der Historiker Igor Lukeš von der Boston University bereits zwei Jahren hin. Danach hat die tschechische Polizei Ermittlungen aufgenommen. Nun sollen zwei der Ex-Agenten vor Gericht gestellt werden. Einer von ihnen, Emil Orovan, lebt angeblich im Ausland. Die tschechische Polizei hat daher Interpol um Hilfe bei der Fahndung nach ihm ersucht. Der andere ist Evžen Abrahamovič. Über seine Beteiligung an der Aktion „Grenzstein“ sagt der Militärhistoriker Prokop Tomek:

Prokop Tomek (Foto: Jana Chládková, ČRo)Prokop Tomek (Foto: Jana Chládková, ČRo) „Er war Befehlshaber einer Spezialeinheit der Geheimpolizeizentrale. Er hat die ganze Aktion organisiert. Laut einem erst jüngst entdeckten Dokument organisierte er unter anderem die Anmietung eines Häuschens an der Grenze bei Všeruby. Eigentlich hat er nicht lange bei der Geheimpolizei gearbeitet, denn am 1. Oktober 1949 wurde er angeschossen. Damals sind zwei Gruppen der Geheimpolizei irrtümlicherweise in eine Schießerei im Prager Stadtteil Žižkov geraten. Danach war er nicht mehr bei der Geheimpolizei tätig.“

Die Geheimdienstaktion wurde Anfang der 1950er Jahre beendet, nachdem sich amerikanische Diplomaten über den Missbrauch von US-Symbolen beschwert hatten. Außerdem hatte die Falle durch neue Maßnahmen an der Grenze ihren Sinn verloren. Historiker Tomek:

„Die Aktion war aber sehr erfolgreich, denn sie hatte für einige hundert Menschen Folgen. Sie dauerte bis 1950, danach hat man begonnen, die Anlagen an der Westgrenze auszubauen. Seitdem war solch eine Aktion nicht mehr möglich.“

Ob die Angeklagten von einem Gericht tatsächlich verurteilt werden, ist allerdings ungewiss. Sie sind bereits 91 und 92 Jahre alt.