Einmaliger Fund: Schauprozess von 1952 in Film

In einer stillgelegten Fabrik bei Prag wurden vergangene Woche einzigartige Filmrollen entdeckt. Es sind Aufnahmen vom Schauprozess gegen den ranghohen Kommunisten Rudolf Slánský in den 1950er Jahren. Streit gibt es nun aber darum, wem die Filme eigentlich gehören.

Foto: ČTKFoto: ČTK Insgesamt 20 Stunden Film- und Tonaufnahmen vom Schauprozess gegen Rudolf Slánský wurden in einer alten Fabrik in Panenské Břežany nahe Prag gefunden. 1952 wurde der damalige Generalsekretär der KPTsch als angeblicher „Leiter eines staatsfeindlichen Verschwörungszentrums“ gemeinsam mit elf weiteren kommunistischen Funktionären zum Tod verurteilt. Der Filmregisseur Martin Vadas erklärt die Umstände des Funds:

„Die Insolvenzverwalter haben in der Fabrik ungewöhnliche Kisten entdeckt. Erwartet hatten sie Chemikalien, das wäre für den Ort gewöhnlich gewesen. Nachdem sie diese geöffnet hatten, stellten sie aber fest, dass sich darin Filmrollen befinden. Die Aufschriften deuteten darauf hin, dass es sich um Aufnahmen der Gerichtsverhandlung handelt.“

Petr Blažek (Foto: Tereza Kalkusová)Petr Blažek (Foto: Tereza Kalkusová) Daraufhin wurden Historiker angesprochen, um die Aufnahmen zu identifizieren. Laut dem Historiker Petr Blažek können die Filme neue Informationen zu den Prozessen bieten:

„Denn bisher konnte man sich nur durch eine propagandistische Broschüre sowie den Berichten aus der kommunistischen Presse ein Bild über den Verlauf des Prozesses machen. Viel wichtiger ist aber die Atmosphäre, die in dem Film zum Ausdruck kommt. Gerade die Atmosphäre ist beim bloßen Lesen eines Berichts nicht so deutlich zu spüren, wie wenn man etwas mit eigenen Augen sieht.“

Die Aufnahme sei in ihrer Authentizität ganz einzigartig, so Blažek:

„Man sieht Details in den Gesichtern, Gesten, man erkennt wer dabei saß, wie die Zuschauer und Anwälte den Prozess erlebt haben. Der Prozess war auch international von großer Bedeutung. Daher kann das Material auch für das Publikum im Ausland interessant sein. Die Aufnahmen sind eine Art filmischer Schlüssel dazu, wie die Schauprozesse konkret ausgesehen haben.“

Die Historiker wussten zwar von den Aufnahmen, nach der Wende von 1989 konnte man sie aber nicht finden. In den 1950er Jahren wurden sie im Archiv des Innenministeriums und des Zentralkomitees der kommunistischen Partei aufbewahrt. Im Jahr 1968 wurde ein kleiner Ausschnitt aus dem Prozess veröffentlicht. Danach verschwanden die Aufnahmen spurlos.

Rudolf Slánský (Foto: Tschechisches Fernsehen)Rudolf Slánský (Foto: Tschechisches Fernsehen) Kurz nach der Veröffentlichung des Funds meldete sich nun ein Mann, der behauptet, dass die Kisten ihm gehören würden. Es handelt sich um den Insolvenzverwalter Václav Hlásek:

„Ich habe sie in der Fabrik gelagert. Das durfte ich und darf es auch weiterhin. Ich glaube Ihnen, dass es Sie interessiert, woher ich die Rollen habe. Ich habe aber keinen Grund, es Ihnen zu sagen.“

Soweit Hlásek gegenüber dem Tschechischen Rundfunk. Der Direktor des Nationalen Filmarchivs, Michal Bregant, lehnt den Besitzanspruch des Insolvenzverwalters jedoch entschieden ab:

„Archivalien dürfen laut dem Gesetz nicht in private Hände geraten. Sofern aus den Handlungen des Staates irgendwelche Aufnahmen entstehen, gehören diese kurzum ins Archiv. Zudem handelt es sich um Filmmaterialien, die das Filmarchiv am besten und am professionellsten verwalten kann.“

Michal Bregant (links). Foto: ČTKMichal Bregant (links). Foto: ČTK Nach Bregant hätten die Filmrollen nie auf legalem Wege zu Privatbesitz werden können. Die Dokumente sind durch die falsche Lagerung sehr beschädigt. Die Restaurierung wird etwa zwei Jahre dauern.