„Eine allgemeine Aversion“ – Kafkas Verhältnis zu Wien

27-03-2014

Er hasse Wien und würde dort unglücklich werden. Dies schrieb Franz Kafka im März 1914 in sein Tagebuch. Der Weltliterat aus Prag hegte eine offene Abneigung gegenüber der Hauptstadt der k.u.k. Monarchie, unter anderem bezeichnete er Wien als „absterbendes Riesendorf“. Der renommierte Kafka-Forscher Hartmut Binder hat nun diesem schwierigen Verhältnis ein umfangreiches Buch gewidmet. Der Band gibt erstmals ausführlich Auskunft über den Rang, den die Stadt und ihre Bewohner in Kafkas Leben und Denken einnahmen. Im Folgenden ein Interview mit Binder.

Foto: Verlag VitalisFoto: Verlag Vitalis Herr Professor Binder, Sie stellen heute im Österreichischen Kulturforum in Prag Ihr neues Buch mit dem Titel „Kafkas Wien – Portrait einer schwierigen Beziehung“ vor. Sie gelten als besonderer Kenner Kafkas und forschen bereits seit mehr als vierzig Jahren über diesen Weltliteraten. Mit „Kafkas Wien“ betreten Sie nun sozusagen noch einmal Neuland in der Forschung, kann man das so sagen?

„Kafkas Beziehung zu Wien ist tatsächlich noch ein wenig ein weißer Fleck auf der Landkarte der Kafka-Forschung. Seine anderen Reisen habe ich bereits bearbeitet: Kafka in Italien und in Paris. Zu Kafkas Reisen nach Wien gab es bisher noch keine größeren Publikationen. Daher habe ich mich nun daran versucht, auch wenn es nur sehr wenig Informationen dazu gab.“

Franz KafkaFranz Kafka Warum war das Verhältnis von Franz Kafka zu Wien schwierig?

„Das weiß niemand genau. Wenn wir aber die Zeugnisse der damaligen Zeitgenossen zu Rate ziehen, besonders von Wiener Autoren oder Journalisten, dann zeigt sich eine ganz allgemeine Aversion. Diese ist dem heutigen Wien-Bild geradezu entgegengesetzt.“

Gibt es bestimmte Ursachen für Kafkas Wien- Aversion?

„Auch das weiß man nicht, vieles ist wahrscheinlich Auffassungssache. Den Menschen hat damals Berlin oft besser gefallen als Wien. Diese beiden Städte wurden immer miteinander verglichen. Zu Kafkas Lebzeiten galt Berlin als fortschrittlicher, daher wandten sich die Intellektuellen lieber dieser Stadt zu. Kafka hatte ein besonders positives Verhältnis zu Berlin, obwohl er sich dort weniger aufhielt als in Wien. Das Berlin-Bild der damaligen Zeit trug zu einer Polarisierung und daher auch zu seiner Abneigung gegenüber Wien bei.“

Hartmut Binder (Foto: Archiv des Deutschen Kulturforums östliches Europa)Hartmut Binder (Foto: Archiv des Deutschen Kulturforums östliches Europa) Hat Kafka trotz aller Abneigung auch etwas an Wien geschätzt? Zum Beispiel Künstler die dort lebten oder bestimmte Orte?

„Er mochte komischerweise das alte Wien, also das Wien der Metternich-Zeit. Darüber hat er auch Bücher gelesen. Außerdem empfahl er einer Brieffreundin, Werke aus dieser Epoche zu lesen. Seiner Meinung nach bildeten sie das schöne alte Wien ab, das Wien der Kongresszeit.“

Ihr Buch hat ungefähr 450 Seiten. Auf welche Quellen haben sie dafür zurückgegriffen?

„Es gibt, wie gesagt, nur sehr wenige Zeugnisse aus dieser Zeit. Die vorhandenen muss man daher sozusagen richtig auspressen. Ich habe mich nicht gescheut, Material wie beispielsweise das Österreichische Eisenbahn-Kursbuch zu Rate zu ziehen. Dieses hat mir sehr dabei geholfen, gewisse Dinge klarzustellen, die von der heutigen Kafka-Forschung nach wie vor behauptet werden. Ein Beispiel dafür ist die Annahme, dass Kafka mit seiner Freundin Milena Jesenská eine Nacht in einem Bahnhotel der Grenzstadt Gmünd verbracht habe. Berücksichtigt man jedoch die Verkehrsverhältnisse der damaligen Zeit, und gleicht diese mit den Informationen aus Kafkas Briefen ab, war dies praktisch unmöglich. Ähnliches gilt für seine Ungarnreisen, die ebenfalls in dem Buch behandelt werden. Auch sie sind nur sehr spärlich überliefert, so weiß man zum Beispiel manchmal nicht, wo Kafka übernachtet hat. Mit Hilfe eines Kursbuch-Studiums lassen sich diese Dinge klarstellen. Außerdem habe ich versucht, viele Bilder zu finden, um Kafkas Verhältnis zu Wien zu illustrieren. Ich finde, dass in unserer Zunft der Literaturforschung das Bilddokument immer noch zu wenig geschätzt wird.“

27-03-2014