Ein Lexikon der Macht

Das Institut zum Studium totalitärer Regime in Prag hat ein Lexikon kommunistischer Funktionäre herausgebracht. Darin veröffentlichen die Historiker auch Gespräche mit den Akteuren der Vorwendezeit.

Foto: Archiv des Instituts zum Studium totalitärer RegimeFoto: Archiv des Instituts zum Studium totalitärer Regime In zwei Bänden und auf rund 1500 Seiten stellt das Institut zum Studium totalitärer Regime knapp 330 kommunistische Funktionäre vor. Die Historiker werfen damit ein Licht auf die Mächtigen aus den Jahren 1921 bis 1989. Warum es gerade jetzt ein solches Mammutwerk braucht, das erklärt der Institutsleiter Zdeněk Hazdra:

„In diesem Jahr feiern wir den 30. Jahrestag der Samtenen Revolution. Von daher ist es wichtig, auch die Geschichten der Architekten des kommunistischen Regimes zu beleuchten. Wir können so der damaligen Macht ins Gesicht sehen, die ja unsere Gesellschaft vor 1989 geformt und so Millionen von Leben beeinflusst hat.“

Die Macher wollten dabei so nah an die ehemaligen Funktionäre kommen wie nur möglich. Deshalb planten sie auch persönliche Gespräche mit den noch lebenden Akteuren ein. In den meisten Fällen ist dies jedoch nicht gelungen:

„Sehr viele von ihnen haben natürlich abgelehnt. Es war ja auch nicht zu erwarten, dass sie offen mit uns zusammenarbeiten“, erklärt einer der Autoren, Petr Anev.

Mit einigen ehemaligen Politikern oder deren Angehörigen war indes Kontakt möglich. Die Skepsis sei dennoch groß gewesen, erinnert sich der zweite Autor des Werkes, Matěj Bilý, an die Recherche:

Matěj Bílý (Foto: ČT24)Matěj Bílý (Foto: ČT24) „Das Misstrauen war groß, das kann ich nicht bestreiten. Oft haben die Funktionäre die Zusammenarbeit mit uns gleich bei der ersten Anfrage abgelehnt. Manchmal wurden sie gelöster, nachdem wir ihnen versichert hatten, dass wir Wissenschaftler sind und nicht bloß nach medienwirksamen Skandalen suchen.“

Letzteres sei auch nicht das Ziel des Lexikons gewesen, beteuert Bilý. Ihm zufolge wollte man vielmehr geschichtswissenschaftliche Neutralität wahren. Natürlich sei das aber nicht uneingeschränkt möglich, räumt der Historiker ein:

„Eine Wertung wollten wir nicht auslassen, wenn es um die Art der Machtausübung ging oder um Entscheidungen, die destruktiv waren. Das haben wir klar benannt.“

Petr Anev betont, dass es wichtig gewesen sei, die einzelnen Meinungen der jeweiligen kommunistischen Machthaber darzustellen:

Foto: Archiv des Instituts zum Studium totalitärer RegimeFoto: Archiv des Instituts zum Studium totalitärer Regime „Natürlich sollte es keinen der damaligen Politiker beleidigen, wenn wir schreiben, dass er 1968 einen konservativen Standpunkt vertreten hat. Vor allem nicht, wenn er bis heute dem Einmarsch der Sowjettruppen zustimmt.“

Laut den Autoren ist das Lexikon ein einzigartiges Werk, das auch die Tätigkeit weniger bekannter Kommunisten kartiert. Damit entsteht eine Landkarte der Machtstrukturen in der kommunistischen Tschechoslowakei. Eine Besonderheit ist dabei, dass ein Teil der Autoren das Vorwendesystem selbst nicht miterlebt hat. Denn Petr Anev und Matěj Bily sind erst um die 30. Letzterer beschreibt, was ihm bei der Arbeit besonders interessant vorkam:

„Das war vor allem, wie sich das Verhalten der Reformisten in der Normalisierung verändert hat. Und zwar, ob sie nach der Wahl Gustav Husáks zum Parteichef in die Opposition gegangen sind oder umgekehrt mit den Geheimdiensten an der Stabilisierung des Normalisierungs-Regimes gearbeitet haben.“

Das Lexikon der kommunistischen Funktionäre ist nicht das einzige große Übersichtswerk, das in diesem Jubiläumsjahr vom Institut zum Studium totalitärer Regime herausgegeben wurde. Vergangenen Monat veröffentlichte die Einrichtung ein Lexikon der Dissidenten in den kommunistischen Ländern Europas. Dieses ist in internationaler Zusammenarbeit entstanden, federführend war dabei das polnische Pendant zum tschechischen Institut zum Studium totalitärer Regime.